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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-31 · 22 (31.5.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 23 Zwischen beiden wurde die berühmte Mauer Jerichos gefunden und an einer Stelle aus dem Schutt herausgearbeitet, eine an die babylonischen Bauwerke erinnernde, 4 Meter hohe, 3 Meter dicke, auf steinernem Fundament ruhende Ziegelmauer. Hinter dieser fand man in ganz geringer Tiefe die Fundamente eines kananitischen Privathauses neben den andern, innerhalb deren die großen Oelkrüge usw. noch säuberlich geordnet dastanden. Das Ergebnis an Einzelfunden war überhaupt groß, besonders von Erzeugnissen der Keramik. Unter diesen nehmen die erste Stelle drei wundervolle Scherben mit Reliefdarstellungen von Gazellen und sie verfolgenden Löwen, ein Krughenkel mit dem Löwenstempel und ein anderer mit einem Stempel in sogenannten althebräischen Lettern ein. Professor Sellin wird seine Ausgrabungen nächsten Winter fortsetzen. Hilfsverein der Deutschen Inden. Aus Rußland sind dem Hilfsverein wiederum Gaben für die notleidenden rumänischen Glaubensgenossen, die den Exzessen zum Opfer gefallen sind, zugefloffen, und zwar sind überwiesen worden aus drei russischen Städten in Summa Mk. 6544.85. Diese Spenden, das Erträgnis von Sammlungen, find ein erneuerter Beweis für das edle Solidaritätsgefühl der russischen Juden, die unter den Nachwirkungen der russischen Pogrome selbst noch schwer zu leiden haben, aber trotz der für sie selbst so ernsten Zeiten ihren verfolgten Brüdern im Auslande zu Hilfe kommen. Verein zur Versorgung armer hilfsbedürftiger israelitischer Waisen. Der Verein versendet seinen 46. Jahresbericht, dem nachstehende Daten zu entnehmen sind: Der Verein versorgt 702 externe, das sind in der Obhut der Mutter oder in fremder Privatpflege befindliche Waisen, während in seinem Waisenhause XIX. Ruthgasse, 67 Zöglinge untergebracht find. Der Aufwand für beide Schützlings-Kategorien betrug pro 1906 rund je K 51.000.—. Der überwiegende Teil der Waisen besteht aus Schulkindern, bezw. Mittelschülern, dann aus Kindern im vorschulpflichtigen Alter und rekrutiert sich aus fast allen Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Verein beabsichtigt auch die Errichtung eines Knaben- Waisenhauses, für dessen Bau durch das Leopold Epstein'sche Legat per X 250.000.— vorgesorgt ist, dessen Betrieb jedoch erst gesichert werden muß, da wohl zirka 17 Stiftsplätze errichtet erscheinen, jedoch ein Betriebsfond gänzlich fehlt. Der Vereinsvorstand (Präsident David Ritter von Gutmann) hofft durch menschenfreundliche Spenden bald in die Lage versetzt zu werden, diesem dringenden Bedürfnisse entsprechen zu können. — Die Allgemeine Teilnahme für die Waisenversorgung ist eine erfreulich rege; es gehören dem Vereine derzeit 918 Mitglieder an, an Spenden und Legaten liefen rund X 18.000.— ein. Der hohe Zweck bedarf indes großer und größerer Mittel. — Es sind noch manche Probleme, z. B. die Waisenhortfrage, zu lösen. Die Reichsratswahl im Städtebezirk Nitolsburg, In der jüdischen Hochburg Mährens, in der Stadt Nikolsburg, würden bei der Stichwahl für den christlichsozialen Wahlwerber 717 Stimmen, für den deutschfreifinnigen 168 Stimmen, der bürgerlichen Parteien 147 Stimmen und der Sozialdemokraten im Summa 315 Stimmen abgegeben. Die sträfliche Laxheit der jüdischen Wähler des Bezirkes, welche über zirka 1800 Stimmen verfügen, verschuldete es, daß der Christlich-Soziale, der im ersten Wahlgange 1237 Stimmen auf sich vereinigte, in die Stichwahl kam und den jüdischen Wahlwerber, der 1172 Stimmen erhielt, aus derselben verdrängte. Die Christlich-Sozialen rüsten sich nun zu den im Herbste stattfindenden Gemeindewahlen und geben sich, den vorhandenen Verhältnissen entspechend, der berechtigten Hoffnung Sette 365 hin, mindestens die Hälfte der Mandate in der Gemeinde besetzen zu können. Und es ist für uns Juden ganz gut, daß die Wahlen dieses Resultat zeitigten. Die Herren Deutschnationalen, die angeblich das Deutschtum gepachtet haben, haben uun Gelegenheit, zu sehen, daß Sie die eigentlichen Vorkämpfer der Christlich-Sozialen find. Es ist nur schade, daß ein wirklich anständiger, humaner und charaktervoller Mann, wie der pensionierte Schuldirektor Herr Karl Prinz für einige deutschnationale Chauvinisten das Bad ausgießen mußte. Diese Deutschnationalen, deren Terrorismus sich sogar die Gemeinde fügen mußte, haben es auch dahin gebracht, daß, entgegen den Parteibeschlüffen von Brünn, ein judenreines Lokalwahlkomitee geschaffen wurde. Nur haben sie sich diesmal verrechnet. Die Herren haben eben nichts gelernt und alles vergessen. Wenn man sich die allgemeine politische Situation der Deutschen in Mähren mit kühlem Blicke betrachtet, so sieht man erst, was diese deutschnationale Bewegung dem Deutschtum in Mähren schon kostete. Es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht Gemeinden in Mähren mit bisheriger deutscher Vertretung von den Tschechen erobert werden. Und es ist immer und überall dasselbe. Mit den Deutschnationalen wird mitgeheult, die Juden werden langsam oder auch rascher von dem gesellschaftlichen Verkehr und aus allen Vereinen und Korporationen ausgeschloffen, bis sich selbe endlich ermannen und daran erinnern, daß der Jude auch ein gleichberechtigter Bürger wie alle anderen ist, bis bei den Juden das jüdisch-nationale Gewissen sich rührt und bei den vorkommenden Wahlen selbe sich nicht mehr mißbrauchen lassen, und in diesem Momente waren auch schon diese Städte für die Deutschen verloren. Dann freilich erhoben die Deutschnationalen das heuchlerische Geschrei „Seht die nationale Verläßlichkeit der Juden". Die Herrschaften find eben verwöhnt: mit den paar Auch- Juden, den Affimilanten und sogenannten „Scholem"-Machern, mit denen sie es bisher zu tun hatten, waren sie gewohnt, umzuspringen, wie es ihnen paßte. Der Jude bekam den Befehl, zu kuschen, und er gehorchte. Und das soll nicht mehr sein. Nicht möglich, es lebte sich doch so schön. Bei den Wahlen konnte man über die ausschlaggebenden jüdischen Stimmen verfügen und nach den Wahlen den deutschnationalen Heros spielen. In jüngster Zeit find es drei Städte Südmährens, die sich die Deutschnationalen zu erobern anschickten, und zwar Göding, Lundenburg und Nikolsburg. Die beiden ersteren find national umstritten und werden nur unter großen Opfern von den Juden dem Deutschtume erhalten, die letztere, Nikolsburg, die nur deutsche Bevölkerung hat und darum besonders für den deutschnationalen Chauvinismus empfänglich ist, dürfte trotzdem dem Deutschtum verloren gehen, nur werden wahrscheinlich diesmal die Christlich-Sozialen an Stelle der Tschechen die Sitze der Liberalen und Deutschnationalen in der Gemeindevertretung einnehmen. Die jüdischen Wähler aber, die man solange grundlos beschimpfte und begeiferte, werden, wenn die Situation sich nicht wesentlich ändert, Gewehr bei Fuß stehen und paffive Resistenz üben. Wie kam es aber, daß, obwohl die Spitzen der israelitischen Kultusgemeinde für den von den Deutschnationalen aufoktroyierten liberalen Wahlwerber, dessen Kandidatur aussichtslos war, eintraten, dieser beinahe gar keine Stimmen seitens der Juden erhielt. Auch diese Erscheinung ist erklärlich. Mit einer chinesischen Mauer hat sich unser Kultusvorstand von dem Volke abgeschlossen. An seiner Spitze steht ein Mann, der, von krankhaftem Ehrgeiz und Größenwahn beseffen, das Rad der Zeit aufhalten möchte. Die Zeit der unbedingten Herrschaft des Rosch-ha-Kol ist vorbei. Der Kultusvorstand wird erst dann wieder Autorität bekommen, wenn er wirklich durch das Vertrauen der Wähler berufen wurde. Das Rad der Zeit rollt fort und zermalmt, was ihm im Wege steht, eventuell auch einen Kultusvorstand. Dr. Llvcb's MocbenscbrM.

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