Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 862 Dr. Blocb’s Mocbenscdrm. Nr. 22 sowie ihre erkorenen Abgeordneten wehren sich mit aller Gewalt gegen den „Standpunkt des Judentums". Allein die Vertreter der Deutschen in Oesterreich kennen zunächst gar keinen anderen Standpunkt und die Vertreter jüdischer Wählerkreise spielen die tragikomische Rolle, das nicht zu sein wollen, wofür sie genommen werden. Die polnische Presse wiederum plaidiert in ausführlichen Leitartikeln, dafür daß der künftige Polenklub in Zukunft in ein enges politisches Verhältnis eintreten soll zu den Christlich-Sozialen und die führenden Männer scheinen bereits diesem Gedanken sich zuzuneigen. Die Herren Doktor Löwen st ein und Dr. K o l i s ch e r werden in eine unerquickliche Situation geraten. Den österreichischen Juden aber eröffnen sich wenig tröstliche Ausblicke. Cin starkes Stück. Zu den bevorstehenden Wahlen haben die österreichischen, speziell die Wiener Industriellen einen enormen Wahlfond gesammelt — man spricht von 2'/- Millionen Kronen — teils weil einige Herren aus diesem vielvermögenden Kreise plötzlich das dringende Bedürfnis hatten, als Volksvertreter zu siegen oder zu fallen, teils um den verhaßten Sozialdemokraten nach Kräften zu schaden. Zu letzterem Zwecke wurde vom Arbeitgeberverbande ihr Organ „Die Arbeit" als Wahlstugblatt herausgegeben und beschwor sämtliche im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder, ja keinen Sozialdemokraten zu wählen, da sonst der Untergang unserer Erde, wenn nicht des ganzen Sonnensystems unabweislich wäre. Das verdenken wir den Herren nun einmal nicht. Man kann es ihnen nur sehr schwer zumuten, in die Sozialdemokraten verliebt zu sein, die den Absolutismus in den Fabriken gebrochen haben. Was wir aber als eine höchst lächerliche Zumutung hinstellen müssen, ist die Tatsache, daß im letzten Wahlflugblatt anläßlich der letzten Stichwahlen die Juden aufgefordert werden, den roten Belzebub durch den schwarzen Teufel auszutceiben, daß man an sie folgendes Ansinnen stellt wobei man eine phantastische Beschreibung der Sozialdemo' kratie zu Hilfe nimmt: * „Jüdische Wähler! Insbesondere an die jüdischen Wähler in Stadt und Land ergeht unser dringender Appell, sich nicht von Leidenschaften, und wenn auch noch so berechtigten konfessionellen Versttmmungen, nicht von Zorn und Aerger leiten zu lassen, sondern von dem bei der jüdischen Nation in so hohem Maße vorhandenen starken Verstände. Es ist ein ungeheurer Irrtum, zu glauben, das Judentum fände in der Sozialdemokratie irgendwelchen Schutz für Zeiten der Gefahr und Not. Blicket nach Rußland, verehrteWählerj üdischen Bekenntnisses! Fraget die russischen Orthodoxen, ob irgendwelcher Unterschied besteht zwischen den Grausamkeiten, Scheußlichkeiten und Verbrechen, die an der Judenschaft seitens der russischen Regierung begangen wurden und den gleichen Bestialitäten, Mordbrennereien und Todschlägeu seitens der russischen anarchistischen Sozialdemokratie. Kalten Blutes wurden Beamte, Fabriksdirektoren, Kaufleute usw. niedergestreckt. Fletschend und beutegierig stürzt sich die Horde auf deren Besitz, um zu plündern, zu sengen und zu morden. Und lehrt nicht die Geschichte in tausendfachen Zügen und Beispielen, daß die Bestie, im Menschen einmal entfacht, keinen Unterschied kennt und keine Grenzen beachtet? Glaubt man etwa, daß es, wenn die rote Internationale — das Schicksal verhüte es — ihr Ziel erreichte, die bürgerliche Gesellschaft gewalttätig in ein Chaos zu verwandeln, allerwärts anders kommen würde, als es in Rußland der Fall war? Wer waren die Plünderer, Senger, Mordbrenner in Wien, in Berlin, in Frankfurt, in Paris im Achtundvierziger Jahre? Wer waren die Mörder der französischen Geißeln im Jahre 1870? Glaubt man, daß Leute, die wegen i' gcnd'iues geringfügigen Lohnzwistes, wegen einer Arbeitszeitverkürzung oder gar nur aus einem plötzlichen Mächtbetätigungsgefühle heraus die zur Ernährung einer großen Stadt notwendigen Brotlaibe mit Petroleum übergießen, die zur Versorgung eines großen Gemeinwesens notwendige Milch durch Umstürzen der sie befördernden Wagen vernichten und harmlosen kleinen Bürgersleuten beim Umzug in eine andere Wohnung das Mobilar auf das Straßeupflaster schleudern und es der Vernichtung auheimgeben — glaubt man, daß solche Leute, wenn ihnen nicht Widerstand geleistet würde, oder wenn man ihnen Konzessionen einräumt, wie dies heute allgemein der Fall ist, etwa vor der letzten Konsequenz, dem Niederschlagen, dem Vernichten von Hab und Gut zurückschrecken würden? Mit nichteu! Entfesselte Leidenschaften, das Gefühl, der sicheren Straflosigkeit und die Unfähigkeit der Bedrohten zum Widerstand, entfachen in allen Staaten den gleichen Wahnsinn und bringen die gleichen Gefahren und die gleichen Niederträchtigkeiten hervor. Es müssen deshalb insbesondere die jüdischen Wähler, die ganz ohne Grund meinen, in der Sozialdemokratie einen besonderen Schutz gegen etwaige Bedrängnis ihrer Nation zu finden, sich ermannen und gleich den anderen bürgerlichen Elementen anderer Religionsbekenntnisse einmütig für die bürgerlichen Kandidaten einsetzen." Also die Juden sollen den notleidenden Großindustriellen gegen die bösen Sozi zu Hilfe kommen und ihnen zuliebe — Antisemiten wählen. Schade, daß der Schwer, Schneider und Baxa nicht auf der Liste sind^ die als Kandidaten der Industriellen am Schluß des Flugblattes genannt sind. Wir finden hier die Namen von etwa 40 der bekanntesten Rassenantisemiten empfohlen, wie Prochaska, Zuleger, Franz Prade. Rafael Pacher, Dr. Jäger, Dr. Ed. w Stransky, Dr. Kindermann, Kletzenbauer, Hugo Albrecht, Dr., Sommer, Karl Türk. Diese „einmütig, mit Eifer, ja mit Begeisterung" zu wählen, werden auch die sehr geehrten Juden fettgedruckt und dringend gebeten „bei ihrem starken Verstände". Krafft- Ebing, wenn du das noch erlebt hättest! Bis hierher war die Sache erst lächerlich, jetzt aber wird sie empörend. Unter dem Aufruf nämlich, der für die Stichwahlen fast lauter Rassenantisemiten empfiehlt, sind nämlich sehr viele jüdische Industrielle unterschrieben. Absehen von der grenzenlosen Naivität der Zumutung — wo bleibt denn die einfachste Forderung der Ehre? Müssen sich Juden zu einer solchen Sache hergeben, hängt bei ihnen der Geldbeutel über dem Herzen? Der christliche Industrielle Krupp ist nicht unterschrieben, dagegen u. A.: Spiegelfabrik Jsak Bloch-Hartmanitz, Moritz Deutsch Söhne und Popper, Roßhaarspinnerei, Brünn, Holzstoff-Fabrik Simon Felix- Wigstadtl, Seidenweberei Herzfeld und Fischl - Wien, Hoflieferanten M. Joß u. Löwenstein - Prag, Bauunternehmung Kubieek-Karlsbad, A. Paffawer-Percival, Direktor der Omnibus-Gesellschaft-Wien, Korkwarenfabrik Pecher-Wien, Kammgarnspinnerei I. Schmieger-Zwodau, Metallwarenfabrik M. Stransky-Smichow, Weberei S. Taussig u. Söhne-Hlinsko, Metallwarenfabrik Herm. Weiß-Wien, Holzstoffu. Pappenfabrik Wolf Spira u. Co.-Lunz. Vielleicht wußten die Herren nichts davon, das würde das Unerklärliche erklären, das Unerhörte entschuldigen. Sonst nichts. Pack verträgt sich. Bekanntlich haben jüngst die Christlich-Sozialen die Krönung der ihnen eigentümlichen Politik vorgenommen, indem sie sich zum leichteren Mandatsschacher mit den Deutschvolklichen und den Freialldeutschen verbündet haben, die sie bis jetzt als Hochverräter vernadert und durch den Kot geschleift haben. Denselben K. H. Wolf, den zum Schluffe. der vorigen Parlamentssession Dr. Lueger einen Lumpen nannte, mit dem man nicht verkehren könne, hat derselbe Patriot an sein schwarz-gelbes Herz gedrückt, ist Bruderherz mit ihm geworden — die Stiefelwichspatrioten unterstützen die Hochverräter, die Lo,s von Rom-