Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 360 Dr. Biocb’s MocbenscbrtN. Nr. 22 Sympathien für einen jüdischen oder demokratischen Kandidaten äußerten, wurden 'auf offener Straße verhaftet. Um 12 Uhr nachts überfiel er die Wähler in ihren Wohnungen und hielt polizeiliche Hausdurchsuchungen ab, um die Wahlaufrufe für Dr. Bloch zu konfiszieren. Auch bei Herrn Dr. Frostig ließ er während dessen Abwesenheit eine Hausdurchsuchung vornehmen, durch stöberte seine Privatkorrespondenz und fahndete auf Wahlaufrufe für Dr. Bloch. Die Wählerversammlung wußte ich in der Einfahrt eines Eiukehrhauses abhalten. Dichtgedrängt standen Ruthenen und Juden, die Tore waren geöffnet, draußen postierte sich der Herr Regierungskommissär mit seinen Gendarmen und notierte jeden, der zur Versammlung kam. Es waren trotzdem noch zahlreiche Wähler, die ohne Furcht vor seinen Verfolgungen den Kandidaten anhören wollten. Da ließ er plötzlich die Feuerglocke beim Rathaus Sturm läuten. Man denke sich die Wirkung eines solchen Alarmsignales in einer kleinen Stadt mit Holzwohnungen und Strohdächern und man wird eine Vorstellung haben von der Panik, die zu entstehen drohte. Allein der Leiter der Versammlung wußte sofort, was vorgeht, und erklärte den Wählern, daß man es wiederum bloß mit einem heimtückischen Anschlag des Herrn Regierungskommissärs Smolen zu tun hat, und die Versammlung wurde ohne Unfall und ohne Störung zu Ende geführt. Der Herr Regierungskommissär rächte sich dadurch, daß er einige in Belz ansässige russische Juden au die russische Grenze abschieben ließ. Oppositionelle Wähler ließ er so ohne weiteres Federlesen verhaften. Als Grund gab er an, „weil er so will". Niemand wagte laut ein Wort zu sprechen und eine Meinung zu äußern. Die Verteilung der Stimmzettel wurde derart vorgenommeu, daß am Dienstag im Hotel Sachs Stadtarzt Dr. Nowosod und Gemeindesekretär Dobrowski Legitimationen austeilteu, worauf Smolen die Wähler in ein Nebenzimmer gehen hieß, wo Tierarzt Stzrilzynski und Thomas Kowalski die Stimmzettel mit Starzynskis Namen abstempelten und überreichten. Einige Wähler hatten den Mut, die Annahme solcher Stimmzettel'zu verweigern, so der Wähler Samuel S e l z e r, dem dafür sofort das Schanklokal gesperrt wurde. Ebenso der Uhrmacher Alt manu, dem sein Geschäftsladen gesperrt wurde. Erst als Altmaun den gewünschten Stimmzettel annahm, wurde die behördliche Verfügung zurückgezogen. Aehnlich erging es den Wählern Marcus und Fischet G e r st e n f e l d, die verhaftet wurden, sowie dem Wähler Josef Tolkes. Vor dem Wahllokal wurden alle Wähler, bei Strafandrohung gezwungen, die Wahlzettel vorzuzeigen, ob dieselben mit dem Namen Starzynski versehen sind. Am Vorabend des Wahltages ließ der Herr Regierungskommiffär von Belz durch seine Agenten in der ganzen Stadt die Nachricht verbreiten, der Bezirkshauptmann von Zolkiew habe Dr. B l o ch verhaften lassen, u. z. wegen angeblicher Majestätsbeleidigung. Die naiven Leute von Belz glaubten diese Mär und die Telegraphenämter wurden bestürmt, über die Wahrheit dieser Mitteilung zu recherchieren. Mein ehe noch ein telegraphisches Dementi eiutreffen konnte, neigte sich der Wahlgang seinem Ende zu. Mittwoch Abends wurde dem Regierungskommissär Smolen berichtet, daß Wähler Alter Groder und sein Sohn chre Stimmzettel geändert halten; bald wurde Alarm geschlagen, die Wähler aus dem Bette geholt, dem Herrn Regierungskommissär vorgeführt, die Stimmzettel zu kontrollieren. Verhaftet wurden ferner die christlichen Wähler L i s k i e w i c z und Bilanski und sogar der Notar Sarczynski. Bei der Stimmenabgabe öffnete der Vorsitzende Dr. Klein jeden Stimmzettel. Das Resultat dieser Schreckensherrschaft war, daß in Belz nur sieben Stimmen für den jüdischen Kandidaten abgegeben wurden — nach Ausweis des amtlichen Skrutiniums, obwohl nachgewiesen werden kann, daß weit mehr als diese Anzahl von Wählern für Dr. Bloch gestimmt haben. Auch der andere Oppositionskandidat hatte in dieser Stadt nur 64 Stimmen, obwohl für diesen 300 Städter mindestens sicher gestimmt haben. 300 oder 400 Leute haben überhaupt nicht gewählt und doch haben sich nach amtlichen Bericht' angeblich 95 Prozent der Wahlberechtigten an der Abstimmung beteiligt, was ganz ausgeschlossen erscheint. Die Helfershelfer der Wahlterroristen waren Feiwel Taube, Herz, Schnapp und Schulim Schulhaupt. In Krystynopol wurden wieder viel weniger Stimmen gezählt, als überhaupt abgegeben worden sind. Es wurde furchtbar gewirtschaftet. Die russischen Dumawahlen bedeuten gegenüber den galizischen Wahlen ein Werk der Freiheit. Polnische Staatsbeamte beteuerten Dr. Bloch gegenüber, sie hätten ein solches Vorgehen der politischen Behörden nicht für möglich gehalten, und würden zum Protest am liebsten einen Sozialdemokraten wählen. Um einen Rechtfertigungsgrund für alle verübten Ungesetzlichkeiten zu schaffen, zeichnete mich die k. k. Lemberg er Statthalterei ohne mein Verdienst mit dem Titel eines „Zionisten" aus. Die Wahl war ein schmachvolles Heldenstück der Brutalität. Soll ich weiter erzählen von der förmlichen Erpresserorganisation, welche die Bezirkshauptleute geschaffen haben, um die Leute unter ihre Gewalt zu bringen? Die Frechheit und Gewissenlosigkeit dieser galizischen Beamten ist , eine Schande für Oesterreich! Daß die Regierung solche Dinge schweigend geduldet hat, ist eine der seltsamsten Episoden der letzten Wochen. Die Sühne solcher Verbrechen obliegt aber nicht allein dem Legitimationsausschuß, sondern auch den Organen der staatlichen Justiz! So erhebe ich denn vor aller Oeffentlichkeit gegen den k. k. Bezirkshauptwann von Sosgl gegen de« k. k. Regierungskowmissär Smolen von Belz gegen Bizebürgermeikter Nikolaj Kognt in Rawaruska als gegen die Häuptlinge der Wahlhyänen die Anklage des schnöden Mißbrauches ihrer Amtsgewalt! Vielleicht werden diese Herren sich in ihrer Amtsehre durch vorstehende Anklage gekränkt fühlen und Schritte unternehmen, welche Männer bürgerlicher Ehre in gleicher Lage nicht unterlassen dürfen, und so bekenne ich mich denn öffentlich zur Abfassung vorstehenden Artikels und fertige ihn mit vollem Namen. Wien, Mai 1907. Dr. Josef S, Bloch.