Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Dr. Llocb's Mocvenscvrrrr. Nr. 32 Kette 358 Liste; dem Herrn Bezirkshauptmann war das zu wenig, er begann selber auf Gutdünken zu streichen, so daß schließlich 250 Namen ausfielen. Reklamationen wurden ohne Angabe von Gründen abgewiesen. Ueberdies erklärte der Herr Bezirkshauptmann vou Sokal,eben arretieren zu lassen, der für ei ne »jüdische u Kandidaten öffentlich eintrete. Gin Großtrafikant in Krystynopol, dessen Gesinnung nicht ganz zweifellos war, wurde wegen eines angeblichen alten Vergehens mit K 200 bestraft und die Strafe wurde ihm sofort erlassen, als er seine loyale Gesinnung beteuerte. In S o k a l herrschte ein förmliches Schreckensregiment. Als ich die Wählerversammlung im ruthenischen Nationalhaus, unter dem Vorsitze des ruthenischen Parteiführers Michael T r z a s k a, abhielt, wagten die wohlhabenden Leute aus Augst vor den behördlichen Verfolgungen nicht in die Versammlung zu gehen. Nur die Arbeiter, die Handwerker und die kleinen Leute und ebenso die Ruthenen hatten sich zahlreich eingefundeu. Während meiner Rede erschienen plötzlich mehrere Gendarmen im Versammlungslokal, erklärten die Versammlung für aufgelöst, weil auch angeblich einige Frauen und Nichtwähler an der Versammlung als Zuhörer teilgenommen haben. Wie wäre es möglich, eine allgemein zugängliche Versammlung abzuhalten, wenn jeder Zuhörer auf sein Wahlrecht erst geprüft werden soll! An der Spitze unserer Partei in Sokal stand Herr Advokaturskonzipient Doktor Eber s o h n; dieser wurde wiederholt vom Bezirkshauptmann verhaftet, und da der Mann nach jeder Haftentlassung sofort wieder au die Wahlagitation ging, so „verurteilte" er ihn ohne Untersuchung, ohne Verhör und Einvernehmen zu fünftägiger Haft, um ihn für die Dauer der ganzen Wahlzeit unschädlich zu machen. Sein Chef, der Advokat Doktor F r ä n k e l, stellte an den Herrn Bezirkshauptmann das Ansuchen, den Verhafteten in einer Kanzleisache, die keinen Aufschub dulde, zu sprechen; der Bezirkshauptmann wünschte vor allem, Herr Dr. F r ä n k e l möge seinen Konzipienten Dr. E b e r s o h n bestimmen, von der Opposition gegen die Kandidatur StarzynSki abzulassen. Ebersohn blieb in Haft. Als andere Parteigenossen in die Lücke einrückten, wurden auch sie verhaftet, wie die Herren G r e b e l und Frostig. Die unerhörten Wahlmißbräuche dieses Herrn Bezirkshauptmannes bilden derzeit Gegenstand einer gerichtlichen Untersuchung beim k. k. Bezirksgericht in Sokal. Allein der Herr Bezirkshauptmann fürchtet diese Richter nicht, denn er weiß sich unter Lemberger Schutz. Die Besitzer von geeigneten Versammlungslokalen wurden verständigt, daß der Bezirkshauptmann die Hergabe eines Saales für Dr. Bloch „nicht wünscht". In einer dieser Städte geschah es, daß der „Rathaussaal", über welchen sonderbarerweise ein Jude das Verfügungsrecht hatte, am Abend vor meiner Ankunft behördlicherseits für „baufällig" erklärt wurde. Den Gafthausbesitzern war es untersagt, mir Unterkunft zu gewähren, den Restaurateuren mir Speisen zu verabfolgen. Ein Restaurateur in Rawaruska, bei welchem ich ein Mittagmahl bestellt hatte, war bereit, mir die Speisen zur Verfügung zu stellen, nur sollte ich sie ja nicht in seinem eigenen Lokal verzehren. In Krystynopol kam ich unvermutet um Mitternacht an. Am Bahnhof fand ich die Zutreiber uud Agenten zweier Gasthöfe, die dort existieren und jeden Reisenden einander streitig machen. Die Agenten des Herrn Reis waren die geschickteren, sie hatten, während die Leute eines Herrn Rappaport mir zuredeten, mit ihnen zur Stadt zu fahren, sich sofort meines Gepäckes bemächtigt und mich genötigt, zu ihrem Wagen zu kommen. In dem „Hotel" merkte der Besitzer, welchen „Gast" er erhielt, uud sofort, nachdem ich das Zimmer bezogen, sandte er mir zuerst seinen Sohn, dann seine Frau, mich zu bitten, denn doch lieber zu seinem Konkurrenten zu übersiedeln. Das Haus seines Konkurrenten wäre noch beleuchtet! Als ich darauf nicht eiuging, kam er selber, bat und flehte, ihn nicht unglücklich zu machen! Ich erklärte ihm energisch, er möge ein zweites Mal auf dem Bahnhof die Reisenden nicht abfangen; seine Leute haben mich mit Gewalt in sein „Hotel" geschleppt, und ich werde um ein Uhr des Nachts mir kein neues Quartier suchen. Ich blieb zu seinem großen Leidwesen und als ich um sieben Uhr aufstand, war Herr Reis bereits ausgeflogen, er fuhr um sechs Uhr zum B ezirkshauptmann nach Sokal, um ihn um Verzeihung zu bitten, daß ein solches Malheur ihm widerfahren ist. Es scheint, daß der gestrenge Herr Bezirkshauptmann ihn sehr ungnädig empfing, er kam ganz mutlos zurück und verwehrte den Wählern aus Krystynopol, die mich besuchen wollten, das Betreten seines Lokales. Ich ging auf den Markt und ließ verbreiten, daß ich um ein Uhr in der Synagoge sprechen werde. Um drei Uhr, als die Wählerversammlung zu Ende war, kam der Herr Bezirkshauptmann und ließ den Herrn Rabbiner holen und erteilte ihm eine strenge Zurechtweisung, weil er mir die Synagoge nicht vor der Nase zusperren ließ. In Zolkiew ließ der Bezirkshauptmann die Vorsteher verständigen, sie sollen ihm ein schriftliches „Gesuch" vorlegen, daß er mir mit Polizeigewalt den Eintritt in die Synagoge zu verwehren habe. Samstag am 18. d. M. um 4 Uhr sollte die Versammlung in der Synagoge stattfinden. Nahezu die gesamte Gemeinde und zahlreiche Ruthenen waren vor der Synagoge versammelt, allein vier Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonnet verwehrten den Eintritt. Als ich kam, zeigte mir der Postenführer einen schriftlichen Befehl des Bezirkshauptmannes, daß er mir den Eintritt in die Synagoge mit Gewalt, eventuell mit Zuhilfenahme von Militär zu verwehren habe. Ich verließ die Synagoge und ging in ein kleineres Betlokal, um. dort zu spreche^-Mch dorthin folgte mir der Postenführer und sagte mir, daß, wenn auch in dem schriftlichen Befehl das zweite Bethaus nicht erwähnt sei, er doch den mündlichen Auftrag erhielt, auch hier die Versammlung zu verhindern. Zu. einer Versammlung unter freiem Himmel müßte ich erst die „Erlaubnis des Herrn Bezirkshauptmannes vorzeigen." Gleichzeitig bat er mich, um Blutvergießen zu vermeiden, die Wähler zu beruhigen und zu trachten, daß die versammelte Menge friedlich auseinandergehe. Allein die Leute zogen unter der Führung des Herrn Dr. Thon, eines Rechtspraktikanten, zu dem Präsidenten der Gemeinde und erklärten ihm auf das Energischeste, die Versammlung in der Synagoge werde jedenfalls abgehalten werden und auf sein Haupt falle die Verantwortlichkeit für das unvermeidliche Blutvergießen. Einige Wähler drohten, ihn aus dem ersten Stock seiner Wohnung durch das Fenster auf die Straße zu werfen. Und so zog er denn selber an der Spitze dieser hundertköpfigen Deputation zum Bezirkshauptmann und bat, angesichts der drohenden Gefahr, den Befehl zurückzunehmen und der Herr Bezirkshauptmann fügte sich ins Unvermeidliche. Nach der Versammlung wurde es aber bekannt, daß der Herr Stadtb aumeister bereits hundert jüdischeHäuser sich notiert hatte, welche in dennächstenTagenfür baufällig erklärt werden sollen. Für diese Armen gab es keine andere Rettung, als durch eine besonders energische Agitation zugunsten des offiziellen Kandidaten sich die behördliche Gunst wieder zu erwerben. In Rawaruska wurden nach meiner Ankunft die Synagogen und sämtliche jüdischen Bethäuser durch Gendarmerie gesperrt und die Betenden verjagt. Wie überall im gesamten Bezirk wurden auch hier nur vollständig geschwärzte, mit dem Namen Starzynski versehene Stimmzettel ausgegeben. Die Agenten des Magistrates versahen diese Stimmzettel überdies aus der Rückseite mit einem schwarzen Stempel, um sie sofort kenntlich zu machen. Im Vorzimmer 'des Wahllokales stand der Vizebürgermeister Nikolay Ko gut