Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 22 Ol*■ Bloch’s Jahrgang XXIV Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 31. Mai 1S07. Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. H/Z, Werggasse 39. Telegramm-Adreffe: LlocD's Udodbensdbrlft, Wien. Inhalt: Leitartikel: Mißbrauch der Amtsgewalt. — Jahrmarkt des Lebens: „Eine Perle aus Professor Masaryfs Wahlbezirk." „Der deutschfreiheitliche Block." Ein starkes Stück. Pack verträgt sich. Zu den Reichsratswahlen. Ein. Schlußwort zu den Artikeln „Die Evolutions- und Deszendenztheorie und die jüdische Religionsphilosophie. — Korrespondenzen: UL Jüdischer Turntag. Wien. Hilfsverein der deutschen Juden. Verein zur Versorgung armer hilfsbedürftiger israelitischer Waisen. Die Reichsratswahl im Städtebezirk NikolSburg. Leipnik. Preßburg. Getreidehandel in Syrien und Palästina. Eine Interpellation über den Siedelcer Programm. — Vermischtes: Die Trauung des Oberkantors Bela Guttmann. Wien. Groß-Enzersdorf. Mödling. Mährisch-Weißkirchen. Holleschau. Groißenbrunn. Przemysl. Belgrad. —Feuilleton Chajim auf der Jeschibah. — Neue Bücher. — Eine historische Anekdote. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. »— -n Vejugsprris für Vefirrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare. 50 Heller. JlStVr Anslsnb: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. »-:—■—:-a V. ft. Postsparftassen-Amt Gleartng-Werftebc Mr. 810.976. Redaktion und Administration: W irn IX/|, JBerggasse IRr. 39. Telefon Nr. 14.847 ®-« Mihbrnnch der Amtsgewalt. Der Wahlrechtsraub im SO. Reichsratswahlbezirk des Königreiches Galizien. Eine öffentliche Anklage. Die ungeheuerlichen Vorgänge bei der Wahl im 30. Wahlkreise des Königreiches Galizien unterscheiden sich so wesentlich von allen bisherigen Wahlpraktiken, welche in Galizien bis nun gang und gäbe waren, daß sie nicht bloß den Legitimationsausschuß des Abgeordnetenhauses, welcher die Vorgänge bei den Wahlen zu prüfen hat, sondern die gesamte öffentliche Meinung, soweit sie sich für die öffentliche Rechtssicherheit interessiert, auf das Tiefste erregen muß. Was dort an Gewalttätigkeit und Rechtsraub vorging, war nicht etwa bloß eine politische Rechtsverkürzung und Rechtsverkümmerung, sondern ein vollständiger Zusammenbruch aller bürgerlichen Rechte und jedes gesetzlichen Zustandes während der ganzen Dauer der Wahl. Ob eine solche plötzliche Suspension aller Grundgesetze in einem einzelnen Wahlbezirke durch die Willkür der Bezirkshauptmannschaften stattfinden darf, darüber möge die öffentliche Meinung aller Parteien entscheiden. Zn pragmatischer Darstellung biete ich, Dr. Josef S- Bloch, meine eigenen Erlebnisse ohne jegliche Uebertreibung, ohne stilistische Ausschmückung. Der 30. Wahlkreis des Königreiches Galizien umfaßt die Städte Zolkiew, Rawaruska, Sokal, Belz, Krystynopol usw. und zählt nach der Anzahl seiner Bewohner 65 Perzent Juden, 18 Perzent Ruthenen. Bei Verhandlung über die Wahlreform hat der Abgeordnete Glombinski diesen Wahlbezirk als einen solchen bezeichnet, welcher der jüdischen Bevölkerung zugewiesen werden dürfte. MM Die galizischen Machthaber wollten indeß hier einen Polen durchsetzen. Wäre nun ihre Wahl auf einen Mann gemäßigt liberaler Gesinnung gefallen, wie z. B. den Finauzrat Ritter von B i l i n s k i, auf welchen Juden, Polen und Ruthenen ihr Augenmerk gerichtet hatten, so hätte ein besonderer Widerstand nicht stattgefunden. Allein der polnische Nationalrat in Lemberg oktroyierte den Wählern den Kandidaten Professor Starzynski, einen Mann von ausgesprochen chauvinistischer Gesinnung, welcher sowohl den Ruthenen, als auch den Juden verhaßt ist. Finanzrat von B i l i n s ki, den man im Wahlbezirk selber gewünscht hat, wie auch Herr Dr. Wollerner, welcher von auswärts kam und seine Kandidatur in verschiedenen Wählerversammlungen propagierte, mußten, einem Drucke von oben folgend, den Platz zugunsten Starzynski's räumen. Starzynski's Stellung zu den Juden wird am besten durch ein Wort des Herrn Finanzrates von B i l i n s k i illustriert: „Warum haben eigentlich die Juden einst den Haman gehangen? Er wäre heute der beste Kandidat für den Rabbi und die Juden in Belz." Dieses Wort hat dem Urheber zahlreiche Verfolgungen zugezogen und infolge der Aufregungen und Nervenerschütterungen erlag er am Tage vor der Wahl einem Schlaganfall! So haben sich denn die Ruthenen entschlossen, einen Landsmann Dr. Z a h a j k i e w i c z, als Kandidaten zu proklamieren und forderten ihrerseits die Juden auf, sich gegen die Kandidatur Starzynskis durch Aufstellung eines eigenen Kandidaten zu wehren. Die jüdischen Wähler wandten fich hierauf an mich mit der Bitte, bei dem Kampf ums Recht ihnen beizustehen und trotz der offenkundig schwierigen Verhältnisse die Kandidatur anzunehmen. Angesichts der statistischen Ziffern waren die Herren Bezirkshauptleute zunächst bemüht, die Zahl der jüdischen Wähler zu reduzieren. Als dem Bezirke hauptmann von Sokal über seine Aufforderung von dem Gemeindeamt in Krystynopol die hergestellte Wählerliste vorgelegt wurde, mißfiel ihm die Zahl von neunhundert Wählern, er berief einen Vertrauensmann, Herrn Gerson R u b i n st e i n, zu sich, er möchte ihm helfen, einige Hundert Namen auszustreichen. Der Mann gab sich viele Mühe und strich etwa hundert Wähler aus der