Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 354 Vr. Llocb's MocbenscbrLN. Nr. 31 System des Erobernngsstaates aufzuhalten und andererseits den Interessenten und Verteidigern dieses Systems moralisch den Rücken zu steifen. Und darin liegt die ungeheuere Gefahr dieser pseudo-wissenschaftlichen Theorie. Sie gibt den Verteidigern und Interessenten des historischen Unrechtes, das von der Geschichte und der Wissenschaft längst ohne Berufung verurteilt ist, noch einmal eine Art von Rechtsbewußtsein; sie ist die letzte morsche Säule, auf der das rissig gewordene Gebäude des alten' Gewaltstaates sich noch hält. Wenn auch sie stürzt, dann hat die Herrenklasse auch nicht mehr den Schein eines Rechtsgrnndes für ihre Privilegien. Und das allein rechtfertigt es, wenn die soziologische Wissenschaft sich mit diesem Mißgebilde überhaupt beschäftigt. Minutenlanger frenetischer Beifall lohnte den Vortragenden. Der Vorsitzende Herr Vizepräsident Hohensinner, dankt namens der Vereinsleitung den Redner für seinen ausgezeichneten und glänzenden Vortrag, der die Zwecke des Vereines wesentlich gefördert hat, und hofft, daß der Verstand siegen möge gegen jene Lehren. Ghafim a«f der Jeschibah. *) Von Dr. F. Rich. Heinschl. Die Lehrjahre waren vorüber, die Sturm- und Drangperiode des werdenden Bochurs ') hatte ihr Ende erreicht; aus Chajiml wurde Chajim, ein Bochur in des Wortes wahrem Sinne. Als Chajim auch des Chasirbochurs * 2) entraten konnte, führte ihu sein Vater auf die Jeschibah nach T. Jeschibah! Die Pflanzstätte der Kasuistik, der Nährboden der haarspaltendsten Pilpuls (Tüftelei), aber auch die Pflegestätte der Thorah. Die jüdischen Heroen des Geistes, die großen Denker aller Zeiten, Israels große Söhne, die Jeschibah war die Lims, mater, die sie genährt und großgezogen. Jeschibah, der Tummelplatz der geübten Schwimmer im weiten Meere des Talmud, aber auch die Hochschule für alles, was Tiefe des Geistes und Schärfe des Verstandes erforderte. Wenn Israel in den Jahrhunderten des Druckes, in mittelalterlicher Geistesnacht nicht verkommen, wenn es in den Zeiten, da ihm alle Bildungsstätten verschlossen waren, sich dennoch weit über die Höhe der Zeit erhielt, — die Thorah- Pflanzstätten, die Jeschiboth, haben das bewirkt. Die Jeschiboth find eigentlich die Universitäten des Judentums. Denn was das Judentum zur Erhaltung seines Kultus braucht, weffen es zu seinem Fortbestände nicht entraten kann, die Jeschiboth bilden es heran. Rabbinen, Prediger, Lehrer, Schächter, Vorsänger, Bnk 3 4> thorauh, auf der Jeschibah erziehen sie sich selbst für ihre späteren Berufe und so verschiedenartig diese auch sein mögen, die Methode, der Stoff ist für Alle ein gleicher: „Die Gemarah"?) Und wie viel Aerzte und Advokaten, wie viele Profefforen und Gelehrte von Weltruf haben ihre ersten Studien auf dem Boden der Jeschibah gemacht, dort ihre ersten wissenschaftlichen Gehversuche gemacht! — Der vielgerühmte Korpsgeist der Universitäten, der der Jeschiboth ist viel edler und rührender. Freilich gibt es dort weder Korps noch Landsmannschaften, nicht Burschenschaften und fteischlagende Verbindungen, keinen Bierkommers und keine Kommerse, keine Paukereien und keine Saufereien, dafür aber nimmt der eine Bochur an den andern den innigsten Anteil, gibt es keinen Unterschied zwischen reich und arm, zwischen dem Sohne des Bettlers, der von Türe zu Türe wandert, und dem des vornehmsten Hauses. Der „gute Bochur" gilt dort alles; wer am besten lernen kann, genießt das größte Ansehen und in der Regel sind es die Kinder aus armen Häusern, getreu dem Ausspruch der Weisen: „his’haru *) Talmudhochschule. *) Auserwählter; Talmudjünger. 3) Korrepetitor. 3) Thorahgelehrter. 4) Talmud. bib’ne anijim sch’mehexn tezeh tauroh“, „achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Thorahgelehrsamkeit aus" — welche dieses Prädikat sich aneignen und die führenden Geister der Talmudhochschulen werden. Wohl gibt es auf allen Universitäten zusammen nicht so viel Not und Elend, soviel Mangel, soviel Entbehrung und Entsagung als auf einer Jeschibah, dafür aber verfügt die kleinste Jeschibah über eine größere Summe von Idealismus und Begeisterung für alles Gute und Wahre, als die größte Universität. Doch bei all dem Elend herrscht auf der Jeschibah auch Gemütlichkeit, frohe Laune, ihre Jünger sind wohl nicht burschikos, aber ihr Humor ist von Gemütstiefe getragen und ihr Witz zeigt den geschärften Verstand des geübten Denkers. Und schließlich gibt es auch Sabbath und Festtage, Halbfeiertage, Chanukah, Purim, Jome-depagre,5) an welchen alle Grillen und Sorgen geschwunden und ungetrübte Freude die Herzen durchzittert. Eine solche, wenn auch kleine Jeschibah sollte Chajim beziehen. Es war ein trüber, regnerischer Ereco-Rosch-Chaudesch- Cheschwan 6), als Reb Selig Neuburg sich mit seinem Chajim nach T. begab. Reb Wolf, das.Andenken des Frommen sei zum Segen, ein Freund Reb Seligs, war der gelehrte und fromme Rabbiner zu T. Dorthin führte er seinen Chajim. Der Abschied von der Mutter fiel dem Jeschibah-Bochur diesmal schwerer als das erste Mal; der zweite Kater ist ja, wie bekannt, schwerer als der erste. Chajim hatte den Unterschied zwischen dem Elternhause und der Fremde bereits zwei Jahre verkostet und es . fiel ihm schwer auf's Herz, von der Heimat zu scheiden; doch es mußte sein. Die Reise von Neuburg nach T. ging über Alba, dort sollten die Reisenden einen Tag verweilen, um Reb Seligs Tante, Blume, und deren Bruder, Onkel Schlomoh, zu besuchen. Als die Reisenden einige Stunden im Coups saßen, hörte Chajim zu weinen auf und seine gute Laune gewann die Oberhand. „Cajim," begann der Vater, „Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie Du mit Reb Josef Harsch Melech und seiner Frau Edel, Deinen ftüheren Kostgebern, zufrieden warst." „Ich war ja so weit ganz zuftieden," antwortete der Bochur. „Aber Edel hat mich doch oft hintergangen, und nachdem ich mich an Edel nicht rächen konnte, habe ich an Reb Josef Harsch mein Mütchen gekühlt." „Was hat Dir denn Edel getan?" fragte Reb Selig. „Edel wußte, daß ich ein Liebhaber von Trauben war, die bei uns so teuer, in N. aber für billiges Geld zu haben waren, und so gab sie mir während einiger Wintermonate fast allabendlich, wenn ich um acht Uhr aus dem Cheder kam, ein Stückchen Trauben mit Brod zum Abendeffen und redete mir ein, daß sie diese für teures Geld gekauft habe, bis mir die Nachbarin erzählt hatte, daß Edel in der Weinlesezeit einen großen Korb Trauben für bMges Geld gekauft habe und mir diese, meine Genäschigkeit ausnützend, monatelang als Abendessen vorsetzte. Daß sie mir gehackte Rollgerste mit Kartoffel, eingeschmierte Nudeln (Nudeln mit Lequare), Möhrenstrudel und ähnliche Delikatesten kredenzte, habe ich ihr nicht übel genommen, ländlich, sittlich, aber daß sie mich getäuscht hatte, konnte ich lange Zeit nicht verschmerzen und Reb Joses Harsch mußte dafür büßen." „Reb Josef Harsch ist doch, wie Du weißt, ein stacker Schnupfer und der gelbe Rapee ist seine allergrößte Leidenschaft, aber auch dem kleinen Lotto huldigt er und bringt dafür die größten Opfer. Er durfte jeden Tag ein gewisses Quantum verschnupfen, welches ihm Edel alltäglich kaufte, was ') Freudentage. °) Rüsttag des Neumondfestes.