Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Llocb's MocDenscbrtu. Seite 353 lich eng begrenzten Bedarf ihres Eigentümers an Erzeugnissen oder Diensten. Sobald aber ihre Arbeit auf dem Umwege über den Marktverkehr Geld einzutragen beginnt, erweist sich der Geldbedarf dieser Herren als schlechthin grenzenlos und die Arbeitslast der Sklaven steigt in demselben Maße, wie ihre Verpflegung und Behandlung finkt, so daß die kapitalistische Sklavenwirtschaft die Sklavenbevölkerung buchstäblich zermalmt. Aber noch viel schlimmer wirkt dieses verruchte System auf die Gesellschaft im Ganzen. Die kapitalistische Sklavenwirtschaft ist eine immer tätliche, meist mit äußerster Geschwindigkeit zum Völkertode führende Volkskrankheit, eine Art von galoppierender Völkerschwindsucht. Diese Krankheit vernichtet vor allem mit ungeheuerer Geschwindigkeit das wichtigste Organ jeder Gesellschaft, den Mittelstand. Auf dem Lande schwindet der freie Bauer reißend dahin, erdrückt vor allem durch die Last des auf seine Schultern gewälzten Kriegsdienstes in Feldzügen, die im Interesse der großen Sklavenhalter und Grundherren geführt werden und die ihn selbst dann ruinieren, wenn sein eigenes Land von der feindlichen Invasion verschont bleibt. Da er, als Landwehrmann fortwährend ins Feld berufen, sein Grundstück nicht gehörig bestellen kann, versinkt er in Schulden, in Unfreiheit und wird zuletzt auf eine oder die andere Weise, häufig genug auf dem Wege der unmittelbaren, widergesetzlichen „Legung" expropriiert. Die von Sklavenheerdeu bestellten Latifundien dehnen sich über das Land und mit dem freien Bauern verschwindet der auf seine Kundschaft und Kaufkraft angewiesene städtische Mittelstand des Handwerkers und Kleinhändlers, denn die großen Sklavenwirtschaften stellen auch den geringen Bedarf ihrer unfreien Arbeiter an Kleidung, Werkzeug u. s. w. in eigener Regie, in der Eigenwirtschaft her. Der reiche Großgrundbesitzer aber bezieht die Befriedigungsmittel seiner hochgesteigerten Luxusbedürfnisse ausschließlich aus den großen Städten, in denen der Zusammenstrom kostbarer Rohstoffe und zahlreicher spezialistisch geschulter Kunsthandwerker allein derartig verfeinerte Produkte herzustellen gestattet. Aus diesen Gründen schwellen in allen kapitalistischen Sklavenwirtschaften die Hauptstädte ungeheuerlich an, echte „Wasserköpfe", während die kleinen und mittleren Zentren des Plattlandes stagnieren oder zurückgehen. In den Großstädten sammelt sich alles an, was von der freien Bevölkerung überhaupt noch lohnende Beschäftigung finden kann; und hier vor allem sammelt sich ein nichtshäbiges, unregelmäßig oder gar nicht beschäftigtes Lumpenproletariat, das davon leben muß, seinen Körper an die Herrenklaffe zu verkaufen (Prostituierte, Bravi, Lakaien, Schauspieler und Tänzerinnen, Schmarotzer aller Art); oder das sein Leben dadurch fristet, daß es seine Stimme als Wahlbürger an den Meistbietenden verschachert. Was irgend noch Energie und Streben besitzt, wandert aus, um sich als Händler oder Söldner eine Existenz zu schaffen. Daher finden wir in der ganzen antiken Welt eine für unsere Begriffe ungeheure Masse von Kaufleuten aller Klaffen über die Länder des damaligen Weltwirtschaftskreises zerstreut. Mithridates soll am Tage des Blutbades von Ephesus in seiner Machtsphäre nicht weniger als 80.000 römische Bürger, namentlich Kaufleute, haben niedermetzeln lassen. Und wenn diese Zahl auch sicherlich stark übertrieben ist, so dürfte sie doch einen Begriff von der ganz ungeheuerlichen Auswanderung geben, die zu den charakteristischen Kennzeichen der kapitalistischen Sklavenwirtschaft gehört. In Parenthese sei mir zu bemerken gestattet, daß ich in dieser Erscheinung die wesentliche Ursache für die merkwürdige Entwicklung erblickte, die das Volk der Juden aus einem Stamm sprichwörtlich handelsfremder Bauern in das Handelsvolk eigentlichen Sinnes verwandelt hat. Man pflegt diese Erscheinung, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein, auf den angeborenen „Handelsgeist der Juden" zurückzuführen. Das ist ebenso bequem, als wenn man die vielen Fehden der Germanen auf ihren kriegerischen Geist, die gewaltige Rechtsausbildung der Römer auf ihren Rechtsgeist und, wie ich es in der Tat in einer berühmten Geschichte des russischen Volkes einmal gefunden habe, die starken Wanderbewegungen der Slaven auf ihren Wandergeist zurückführt. Aber es enthält gerade so viel an wirklicher Erklärung des Problems, wie die berühmte nationalökonomische Erklärung Onkel Bräsigs in der „Stromtid", der die allgemeine Armut aus der allgemeinen Powerthee erklärt. Uns kann diese Erklärung vom Handelsgeist der Juden, die auch wider alles Geschehen auf angebliche angeborene Raffeneigenschaften zurückführt, nicht genügen. Die wahre Erklärung scheint mir aus folgenden Erwägungen hervorzuspringen; so lange das hellenistisch-römische Weltreich bestand, wär die Sprache des damaligen Weltkulturkreises im Osten vorwiegend die griechische, im Westen vorwiegend die lateinische; Sprachen, die die überall verstanden wurden und so einen internationalen Weltverkehr größten Stiles gestatteten. Als aber das durch die kapitalistische Sklavenwirtschaft entkräftete Riesenreich unter dem Ansturm der Barbaren zusammengebrochen war, als in den ehemaligen Provinzen Dutzende barbarischer Sprachen die alte Weltsprache verdrängt hatten, da gab es nur noch eine Sprache, die in allen städtischen Zentren, von der Grenze Chinas bis an die Säulen des Herkules, von der Sahara bis an den Piktenwall wenigstens von einigen Kaufleuten verstanden wurde: die hebräische Sprache, die Sprache der heiligen Bücher der Juden, obgleich sie damals schon längst aufgehört hatte, eine lebende Sprache zu sein. Welchem Lande der jüdische Kaufmann auch entstammen mochte, welches barbarische Idiom auch immer in seinem Heimatlande herrschte: er fand doch in jedem fremden Land Geschäftsleute, mit denen er sich verständigen konnte, die ihm als Agenten und Dolmetscher dienen konnten. Nur aus diesem Grunde, so will es mir scheinen, wurde der jüdische Kaufmann der Träger des internationalen Geld- und Handelsverkehrs. Ich sehe wenigstens keine andere Möglichkeit, die Tatsache zu verstehen, daß er während der hellenistischen Periode als Kaufmann nur eine sehr bescheidene Rolle spielt, während er unmittelbar, nachdem der Taifun der Völkerwanderung verlobt ist, mit einer die ganze Welt umspannenden Handels- und Kreditorganisation auf der geschichtlichen Bühne steht. Dies als ein kleines Beispiel, wie kunstvoll die Fäden des wahren Geschehens sich schlingen — und wie plump die Rassentheoretik jede ernstliche Fragestellung abschneidet. Um nun zu der Oekonomik der kapitalistischen Sklavenwirtschaft zurückzukehren, so stellt sich das geschilderte Zusammenschrumpfen der ländlichen und städtischen Mittelstände äußerlich dar in einem erschreckenden Hinschwinden der Bevölkerungsziffer, ein Phänomen von solcher fürchterlicher Eindeutigkeit, daß es uns gestattet, die Sklavenwirtschaft im eigentlichen Sinn als galoppierende Völkerschwindsucht zu bezeichnen. Der Stlavenstand, zu geregelten Eheverhältnissen nicht zugelaffen. durch Ueberarbeit und Unterernährung zermalmt, kann, durch eigenen Zuwachs seine Ziffer nicht entfernt aufrecht erhalten; und mit noch größerer Geschwindigkeit schwinden die freien Elemente dahin, teils durch Auswanderung, teils durch die in jeder Beziehung, moralisch wie sittlich, höchst ungesunden Berhältniffe in den großen Städten. Mit der Bevölkerungszahl aber schwindet die Wehrkraft, und so kommt früher oder später der Zeitpunkt, wo das einst so mächtige Reich fast ohne Widerstand dem Ansturm eines Grenzfeindes unterliegen muß. Es kommt aber eine Zeit, wo die Berufung auf den göttlichen Willen nicht mehr hinreicht, um jenes alte Unrecht noch immer als Recht erscheinen zu lassen. Die Maffe will nicht mehr glauben, daß Gott in seiner unerforschlichen Weisheit die Güter der Welt so ungleichmäßig verteilt hat und dann gibt es nur noch eine letzte Zuflucht für die Verteidiger des alten Staatsrechtes, und das ist die Behauptung, daß die privilegierten Klassen ihre bevorzugte Stellung einer ihnen spezifischen, der beherrschenden Masse aber versagten, ungebornen Tüchtigkeit verdanken, mit anderen Worten: die Rassentheorie. . Das ist des Pudels Kern. Der ganze Aufwand von stupender Belesenheit und glänzender Rabulistik, wie ihn Gobineau und Chamberlain an die Ausarbeitung ihrer Systeme gewandt haben, dient nur dem einen Zweck, einerseits den Ansturm der beherrschten und ausgebeuteten Maffen gegen das