Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 350 Dr. Lloco s MocvenscbrlN. Nr. 21 Kunstsammler lebt und in einer großen Zahl von Häusern der Hofgesellschaft und der Diplomatie verkehrt, ist jetzt zum Attachee bei der deutschen Botschaft in London ernannt. Schon im Jahre 1888 hieß es, Kaiser Friedrich werde den Bankier Osskar Hainauer, den bekannten Kunstsammler, dessen wunderschöne Kollektion vor einem Jahre für drei Millionen von seiner Witwe nach England verkauft wurde — Frau Hainauer ist die Schwiegermutter der Gräfin Hacke in Dessau, der Frau von Dincklage, der Freiftau von Zedlitz in Wiesbaden und der Mrs. Gaunders, deren Gemahl Vertreter der Londoner „Times" in Berlin ist — und den Geheimen Kommerzienrat Schwabach, Mitinhaber des Bankhauses S. Bleichröder, die beide jüdischer Abstammung waren, nobilitieren. Die neugierigen Berliner fanden indessen auf der großen Liste der am 3. Mai 1888 von Kaiser Friedrich aus Anlaß seiner Thronbesteigung mit einer Standeserhöhung Ausgezeichneten diese Namen nicht, und von Berliner Großmillionären wurde nur der Geheime Kommerzienrat Franz von Mendelssohn, der Vater der Herren Franz und Robert von Mendelssohn, der Großkaufmann Richard von Hardt, Vater des Kammerherrn von Hardt, sowie der berühmte Elektrotechniker Werner von Siemens nobilitiert. Als dann voriges Jahr die Geheimen Kommerzienräte Fritz von Friedländer-Fuld und Dr. Georg von Caro, die übrigens beide schon seit einer Reihe von Jahren ihre Konfession gewechselt haben, aus Anlaß der silbernen Hochzeit unseres Kaiserpaares mit dem Wörtchen „von" beglückt wurden, hieß es allgemein, dieser Beweis Königlicher Huld sei auch dem jetzigen Chef des Hauses S. Bleichröder, Dr. Paul Schwabach, einem Sohne des verstorbenen Geheimen Kommerzienrates Schwabach, zuteil geworden. Es folgte indessen ein Dementi, und erst seit einigen Tagen kann Dr. Paul Schwabach, der, wie es der verstorbene Gerson von Bleichröder und sein Vater waren, großbritannischer Generalkonsul ist, sich des Adelsprädikates bedienen, das ihm jetzt der König verliehen hat. Herr von Schwabach, der Oberleutnant der Reserve bei den Brandenburger Kürassieren ist, hat Geschichte studiert und sich erst nach Erlangung des Doktorgrades dem Bankgeschäft gewidmet." Petersburg. lieber den Ereignissen in Westeuropa hat man in der letzten Zeit den Vorgängen in Rußland weniger Beachtung geschenkt, zumal man sich ja daran gewöhnt hat, daß dort noch immer alles drunter und drüber geht; Nachrichten von Bombenattentaten, Metzeleien, räuberischen Ueberfällen auf Eisenbahnzüge, Banken, Fabrikkassen usw. haben nichts Sensationelles mehr; gegen Revolutionäre und solche, die man dafür hält — ein derartiger Verdacht gegen eine mißliebige Person kann bei den russischen Zuständen sehr leicht verbreitet werden — wüten nach wie vor die Feldgerichte, selten hört man aber etwas davon, daß Anhänger der Partei der „wahrhaft russischen Leute" wegen ihrer Mordtaten gehängt werden; kommen sie mit glimpflichen Strafen davon. Ist es doch schon so weit, daß diese Gesellschaft dem Zaren droht, ein großes Blutvergießen zu veranstalten, wenn er nicht die Duma auflöse und das autokratische Regiment wieder einführe. Ja, gegenüber den Erlaß Stolypins an die Gouverneure wegen Verhütung der Pogromme hat sogar der Verband der „echt-russischen" ein Gegenzirkurlar versandt, worin erklärt wird, daß die Verfügung des bestochenen „jüdischen" Ministeriums den gerechten Zorn des Volkes nicht aufhalten dürfe. Das russische Osterfest ist nun vorübergegangen, und, so wett man bis jetzt hört, ohne schwere Ausschreitungen, deren Opfer zumeist, namentlich in Südrußland, die jüdische Bevölkerung wttd. Daß man jetzt in Regierungskreisen selber von den „echt-russischen Leuten" weit abrücken möchte, beweist eine Auslastung der offiziösen „Rosfija", die die Presse der extremen Rechte davor warnt, weitere Hetzartikel zu veröffentlichen. Und jetzt ist das notwendiger als je, denn in Odessa begannen die Garden der „schwarzen Hundert" wiederum ihre Tätigkeit und überfielen viele Vorübergehende, auch Frauen, die sie mit Messerstichen verwundeten. Viele Juden wurden auf der Straße mißhandelt. Uud in Moskau wurde am 10. d. M. ein Kongreß der reaktionären Parteien eröffnet, an dem 3000 Personen teilnahmen. Der Kongreß forderte Diktatur und volle Rechtlosigkeit der Juden. Gegen die Sonntagsruhe. — Die „Bundisten" für die Sabbathheiligung. Warschau. Am 21. April hat der jüdisch-nationale Klub unter Vorsitz des Dr. Dawidsohn eine Versammlung abgehalten und nach eingehender Diskussion gegen das neue Gesetz über die Sonntagsruhe nachstehenden Protest eingelegt: „Die Versammlung erklärt, daß durch das Gesetz, welches die Juden zur Sonntagsruhe zwingt, die ökonomische Lage des jüdischen Volkes erschüttert und die Gewissensfreiheit, welche durch zwei Manifeste in Aussicht gestellt würde, vergewaltigt wird." Gleichzeitig wurde den Kaufleuten, die am Samstag ihre Geschäfte öffnen und die Solidarität verletzen, die Entrüstung ausgesprochen. Der Fachverein der Handelskommis hat in derselben Frage an die sozialdemokratische Fraktion der Reichsduma nachstehendes Telegramm abgesandt: „Die endesgefertigten Mitglieder des dem „Bund" angehörigen Fachvereines der Handelskommis begrüßen die Mitglieder der sozialdemokratischen Partei in der Duma und senden ihnen ihre Glückwünsche. Gleichzeitig können wir es nicht unterlassen, auf die zahlreichen Schäden zu verweisen, die uns von seiten der Bureaukratie zugefügt werden. Zu denselben gehört der Mas vom 15. November 1906 über die Sonntagsruhe. Diese neue Quelle religiöser und wirtschaftlicher Unterdrückung, welche eine eigenmächtige Verwaltung geschaffen hat, ruiniert die jüdische Bevölkerung und ruft in den Kreisen des Proletariates chauvinistische Tendenzen hervor. Wir verlangen von Euch, Genossen, den Kampf für die Gewissensfreiheit und insbesondere für die Aufhebung dieses Mas." Sofia. Es ist schon oft bemerkt worden, daß der Antisemitismus, der in Rumänien von Zeit zu Zeit so verheerend wütet, in den anderen Balkanstaaten nicht so leicht hat Eingang finden können. Bulgarien wenigstens hat sich bis heute ziemlich intakt zu erhalten gewußt. Zwar fehlt es auch hier nicht an systematisch betriebenen Judenhetzen, es fehlt auch nicht an antisemitischen Blättern und gelegentlich an kleinen Neckereien oder Prügeleien. Aber offiziell ist der Antisemitismus in Bulgarien noch nicht anerkannt worden. Zündstoff hat sich auch in diesem kleinen Ländchen angesammelt, und die dortigen Antisemiten sind erst vor Kurzem wieder mit der üblichen Oster- Ritualmordlüge förmlich hausieren gegangen, in der Absicht, einen Pogrom hervorzurufen. Glücklicherweise ist es mißlungen. Ja, während man in Rumänien die Juden beraubt, mißhandelt und vertrieben, hat das benachbarte Bulgarien die Fliehenden gastfreundlich ausgenommen und ihnen eine Zuflucht gewährt. Das liegt an der Regierung, die eben eine andere ist als in dem Lande der Bojaren. Als kürzlich aus Philippopel, der einzigen Stadt in Bulgarien, die einen großen Ansteckungsherd nach dieser Richtung hin besitzt, die Nachricht kam, daß dort nach berühmtem Muster von Mazedoniern und Zigeunern ein Pogrom vorbereitet werde, erließ der Premierminister Gudeff sofort ein Rundschreiben an alle Präfekten des Landes, in dem er energische Maßregeln zur Unterdrückung jeder Judenhetze anordnete. In diesem Rundschreiben heißt es: „Mit Rücksicht auf das Paffahfest und den Ausbruch der Agrarrevolution im benachbarten Rumänien, die antisemitischen Charakter trägt, ist es unbedingt notwendig, daß Sie jenen Vorgängen (den antisemitischen Hetzereien) ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, um Grausamkeiten gegen die Juden zu verhindern. Ich ersuche daher alle Gouverneure des Landes, keine wenn auch noch so unbedeutende antisemitische Bewegung zuzulassen." Aus der territorialiftischen Bewegung. Kapstadt. Hier fand am 14. April eine Neuwahl der Leitung der Kapländischen „Jto" statt und konstituierte sich das Komitee wie folgt: Se. Ehrwürden der Oberrabbiner von Kapstadt und Rev. A. P. Bender, Ehrenpräsidenten; Mr. F. G i n s b u r g, Präsident; Meffrs. R. Hermann und I. Gesundheit, Vizepräsidenten; Mr. A. B o r s o n, Schatzmeister; Mr. A. S. Levenstein, Ehrensekretär; als