Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Lw. JSlocb’s Mocvenscvrm. Sette 345 eine energische Gegen-Aktion. Sie kamen um Verlängerung der von einer englischen Gesellschaft betriebenen Bahn Smyrna-Aidin quer durch Kleinasien ein, deren Trace sich der Bagdadbahn stellenweise dermaßen nähert, daß die Absicht, der deutschen Bahn Transporte wegzufangen, unverkennbar ist. Bisher ist das Projekt noch nicht verwirklicht, denn die Frage der Garantie ist noch nicht gelöst. Die Türkei macht sich natürlich die Rivalität zunutze und denkt gar nicht daran, einer Konkurrenzlinie dieselben günstigen Bedingungen einzuräumen wie der Bagdadbahn. Die Engländer haben aber noch ein anderes Eisen im Feuer. Sie arbeiten jetzt auf die Schiffbarmachung des Euphrat und Tigris hin und wollen die Wasserstraße gegen die Bahn ausspielen. Der Bagdadbahn und den deutschen Interessen überhaupt wäre damit nur gedient, denn es ist eine alte Erfahrung, daß ein im ersten Stadium der Erschließung befindliches Land sich nicht nur im Verhältnis zu den auf seine Nutzbarmachung verwendeten Mittel hebt, sondern diese Mittel um so schneller rentieren läßt, je mannigfaltiger sie find. Richard Wagner «der Heinrich Heine. Von Professor R. Sternfeld. Ueber die mannigfachen Beziehungen Richard Wagners zu Heinrich Heine gibt Professor R. Sternfeld im „Tag" außerordentlich interessante Aufschlüsse: In Paris hat Wagner durch Vermittlung Heinrich Laubes, des beiderseitigen Freundes, Heine persönlich kennen gelernt und sich mit ihm über die Dramatisierung des „Fliegenden Holländer" verständigt. Auch komponierte Wagner damals, um sich in Paris bekannt zu machen, Heines „Grenadiere" zu französischen Worten nach einer von dem Dichter selbst gebilligten Übersetzung, zur selben Zeit, in der Schumann daheim das Original in Musik setzte und ebenso wie Wagner am Schluffe die Marseillaise einflocht. Und wenn wir nun einen Bericht, den Wagner im Sommer 1841 an die „Dresdener Abend- Zeitung" schrieb,*) hier aus dem Schutte der Vergessenheit hervorziehen, so ergibt sich daraus eine wahrhaft freundschaftliche Gesinnung Wagners, die ihm zur Verteidigung Heines gegen Anfeindung und Verleumdung die Feder in die Hand zwingt. Ein Wort der Erklärung ist nötig zum Verständnis eines Vorfalles, der den Anlaß zu Wagners Ausführungen gab. Heine hatte in seiner Schrift über Börne, die nach dem Tode des Frankfurter Publizisten erschien, auch dessen Verhältnis zu einer Freundin, Frau Strauß, berührt. Der Gemahl der Dame, Salomon Strauß, verlangte Genugtuung, stellte Heine auf der Straße zur Rede und insultierte ihn. Bald waren in Deutschland Gerüchte verbreitet, die Heine des feigen Verhaltens bei diesem Auftritte beschuldigten. Heine kehrte darauf aus Cauterets, wohin er gereist war, zurück und forderte Strauß auf Pistolen. Das Duell am 7. September 1841 verlief unblutig. Schon am 6. Juli hatte Wagner als Korrespondent der „Dresdener Abend-Zeitung" sich über den Vorfall ausgelassen, in Sätzen, die in ihrer Bedeutung weit über eine gelegentliche Aeußerung hinausgehen: „Auch in Deutschland — so lese ich — hat man traurige Nachrichten aus Paris. Man schreibt viel über eine peinliche Affaire, die den Dichter Heinrich Heine hier betroffen hat; wie es scheint, freut man sich ganz außerordentlich über das Vorgefallene und glaubt dazu ein Recht zu haben, indem man *) Es ist bekannt, daß Wagners „notgedrungene" schriftstellerische Tätigkeit in den Pariser Lebensjahren viel ausgedehnter war, als man aus den Pariser Aufsätzen schließen dürfte, die er in seine „Gesammelte Schriften" später aufnahm. Mit Recht konnte der Biograph Wagners, E. Fr. Glasenapp, es beklagen, daß diese vom Geist und Witz sprühenden Feuilletons in allen Zeitschriften ungekannt vermodern. Erst durch gütige Erlaubnis des Hauses Wahnfried war es möglich, zum ersten Male eine vollständige Ausgabe der in Lewalds „Europa" und Theodor Hells „Dresdener Abend-Zeitung" 1841 erschienenen Pariser Aufsätze und Kunstberichte zu veranstalten. Sie erschienen dieser Tage in zwei Bändchen (64/65) der „Deutschen Bücherei" (Berlin 8. 59, Neelmeiers Verlag), herausgegeben von R. Sternfeld. ziemlich deutlich die Ueberzeugung ausspricht, daß Heine gerade nichts weiter als eine Behandlung wie die ihm hier letzthin widerfahrene verdiene. Man muß gestehen, wir Deutschen find ein großmütiges Volk! Wir sehen aus unserer Mitte ein Talent hervorgehen, wie Deutschland wenig ähnliche aufzuweisen hat; wir freuen uns der frischen, kecken Entfaltung desselben — wir rufen ihm Triumph und Vivat zu, als es unsere jungen Geister aus einer vollständigen Lethargie aufweckt, ihnen mit dem Opfer seiner eigenen Fülle den Weg bricht und zeigt, wohin die neuzugebärenden Kräfte unserer Literatur sich richten sollen, um an ein neues, unbekanntes, aber notwendiges Ziel zu gelangen. Wer von unserem jungen Volke eine Feder zur Hand nimmt: gut oder schlecht, bewußt oder unbewußt, sucht er es Heine nachzumachen, denn nie hat eine so plötzlich und mit Blitzesschnelle hervorgerufene, gänzlich unvermutete Erscheinung ihre Richtung so unwiderstehlich beherrscht, als die Heines die ihrige, Nicht genug aber, daß wir nachher geduldig zusehen, wie unsere Polizei dies herrliche Talent von seinem vaterländischen Boden verjagt, daß wir mit schnell erschlaffter Spannkraft übersehen, wie seine üppige Wurzel aus der Erde gerissen wird, die ihr allein Nahrung geben konnte, daß wir demzufolge mit schläfrigem Gähnen bemerken, Freund Heine hätte in Paris das Reisebilder-Schreiben verlernt, daß wir durch unsere Indifferenz ihn endlich gegen sich selbst blafieren, daß wir ihn zwingen, aufzuhören, Deutscher zu sein, während er doch nimmermehr Pariser werden kann — nicht genug, daß wir ihm das Terrain so weit abschneiden, daß seiner strotzenden Fülle nichts weiter übrigbleibt, als an dem Lächerlichen, was man ihm, ohne es vielleicht zu wollen, übrigläßt, seinen Witz zu üben — nicht genug, daß wir gleichgiltig und kleinmütig dieser Verstümmelung eines Talentes zusehen, das bei glücklicherer Pflege an die größten Namen unserer Literatur gereicht haben würde; nein! wir freuen uns auch und klatschen in die Hände, wenn diesem Heine endlich eine Behandlung widerfährt, wie wir sie bei uns gegen Sechzehn-Groschen-Rezensenten anzuwenden die praktische Gewohnheit haben! Man tut dies aber in Deutschland mit einer so ungestümen Schmähgier, daß man nicht einmal die Zeit findet, den Tatbestand jenes traurigen Auftrittes, den man so gern als eine verdiente Züchtigung betrachtet, zu ergründen. Der unberufene Berichterstatter in der „Leipziger Allgemeinen Zeitung" hat, wie ich versichern kann, die Umstände, sowie die ganze Erzählung des Austrittes nur aus der Aussage des Angreifers entnommen, welche Voreiligkeit er vergeblich durch die ebenso herrlichen, als passenden, moralischen Lehren, die er Heine gibt, zu rechtfertigen sucht. Noch keinem ist es eingefallen, die Aussage Heine's über einen Vorfall, der schlechterdings ohne kompetente Zeugen stattfand, ebenfalls zu vernehmen. Ich wende mich daher an das Rechtsgefühl meiner Landsleute und frage, ob es nicht schändlich ist, nach der Aussage der einen Partei die andere schonungslos zu verdammen? Heine befindet sich in diesem Augenblicke in einem Pyrenäen-Bade und liegt auf den Tod krank. Hatte er nicht den Mut, eine ihm wirklich zugefügte schmähliche Beleidigung zu rächen, so müssen wir ihn beklagen; keiner von uns aber hat das Recht, ihn deshalb zu schmähen, außer die Offiziere unserer Armeen und die Landsmannschaften unserer Universitäten; beide geht aber Heine nichts an. So viel ist gewiß: die Franzosen, die allerdings ihren Dichter auch besser gewahrt haben würden, hätten bei ganz gleichen Umständen sich besser zu benehmen gewußt, trotzdem sie genug witzige Köpfe besitzen, die aus einem solchen Skandale einen flüchtigen Stoff zu Späßen zu ziehen sich gedrungen gefühlt haben würden; gelästert aber hätten sie ihren Dichter nicht, zumal, ohne ihn selbst gehört zu haben. Ich habe keinen Grund, für die Franzosen passioniert zu sein; hier aber nehme ich sie mir zum Vorbilde." Ob Heine von diesem Artikel, der dem Gerechtigkeitssinne des jungen Musikers ebenso zur Ehre gereichte wie seinem psychologischen Tiefblick, Kenntnis erhalten hat? Wohl kaum.