Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite 343 Wenn man bedenkt, daß die großen Lehrer des Talmud und ebenso die späteren großen Lehrer in Spanien, Italien u. s. w. das ungeheuere Gebiet des jüdischen Schrifttums durchforschten und erweiterten, muß es schon Bewunderung erregen, daß sie doch noch Zeit fanden und imstande waren, alle Ergebnisse der anderen Wissenschaften, soweit diese bis zu ihrer Zeit reichten, in sich aufzunehmen und das war bei den meisten von ihnen der Fall. Einige erweiterten auch die Profanwissenschaft; die nach König Alfonso X. benannten berühmten astronomischen Tafeln rühren von seinem jüdischen Hofastronomen Don Zag (Isaak) Iber-Said her. Erst in den letzten drei Jahrhunderten haben die meisten von den talmudischen Zelebritäten „Gaonim" Polens, Ungarns und auch Deutschlands den Kontakt mit der Profanwissenschaft gänzlich verloren und diese sogar manchmal in Acht und Bann erklärt. Der berühmte Jonathan Eibenschütz berichtet in seinem Werke Krethi und Plethi zum Joreh deah C. 40, daß er sich, als man bei ihm wegen eines Huhnes, in dem man beim Oeffnen vergeblich nach dem Herzen gesucht hatte, wegen der Eignung zum rituellen Genüsse angefragt, an die medizinische Fakultät der Universität Göttingen mit der Frage gewendet habe, ob es möglich sei. daß ein Tier ohne Herz leben könnte. Alle Talmudgelehrten, welche diese Mitteilung Eibenschütz's später lasen, waren über diesen Vorgang sebr erstaunt, so sehr hatte man jeden Kontakt mit der nichtjüdischen wissenschaftlichen Welt und der Profanwissenschaft überhaupt verloren. Die weltlichen Wissenschaften wurden allerdings auch in früherer Zeit nicht um ihrer selbst willen, sondern im Interesse des Judentums gepflegt. Die jüdischen Religionsphilosophen beschäftigten sich mit der arabischen und griechischen Philosophie, um zu zeigen, daß die Lehren der Thora und zum Teile auch die Aussprüche der talmudischen Hagada mit deren Ergebnissen übereinstimmen, was auch ein Beweis ihrer Wahrbeit sei. Ebenso war es mit naturwiffenschaftlichen Forschungen der Talmudlehrer der Fall. Für alles, was aus langjähriger Beobachtung der Natur in Erfahrung gebracht und stchergestellt wurde, fanden sie einen Stützpunkt in der Thora oder leiteten es gar aus dieser ab. Am charakteristischesten hiefür dürfte wohl folgender Fall sein: Der Patriarch R. Gamaliel machte einmal in Begleitung des R. Josua und anderer Gelehrter eine Reise nach Rom. Dort verkehrte er auch mit heidnischen Gelehrten und Philosophen. Ein solcher ftagte ihn einmal, wie lange denn die Trächtigkeitszeit der Schlange dauere. Der Patriarch wußte es nicht und war darüber sehr bestürzt. Da traf ihn R. Josua, der ihm seine Niedergeschlagenheit vom Gesichte ablas, und fragte ihn nach deren Ursache. R. Gamaliel erzählte ihm nun das Vorgefallene. R. Josua war aber mit der Antwort gleich zur Hand und sagte, die Trächtigkeitszeit der Schlange dauert 7 Jahre und leitete das aus der Thorastelle, in welcher Gott den Fluch über die Schlange ausspricht (Gen. c. 3 v. 14) ab. Am selben Abend begab sich der Patriarch wiederum zu dem Philosophen und brachte ihm die Antwort auf seine Frage. Dieser war darüber so erstaunt und zugleich so wütend, daß er, wie es in dem Berichte (Leresebilb rabbah e 20) drastisch heißt, vor Wut mit dem Kopf an die Wand rannte und rief, wozu ich sieben Jahre gebraucht habe (er hatte nämlich ein Schlangenpaar begatten lassen und das Weibchen dann, bis das Resultat da war, gepflegt), sagt mir dieser da im Handumdrehen. Im Talmud (Leeborotb 8 b) wird die Geschichte anders und mit weniger glaublichen Zusätzen erzählt. Nach dem dortigen Berichte war es ein römischer Kaiser, der die Frage an R. Josua gestellt und ihn dann nach Athen geschickt hat, weil die dortigen Gelehrten ihm gesagt hotten, daß die Trächtigkeit der Schlange nur drei Jahre dauere (viäe Leeborotb). Ich denke, daß R. Josua, der wirklich ein eifriger Beobachter des Himmels und der Erde war (er hatte das Erscheinen eines Kometen voraus berechnet und darum auf eine Seereise in Gesellschaft mit dem Patriarchen reichlichere Wegzehrung als dieser mitgenommen, obgleich er sehr arm war (Hrajatb 10 a), die Trächtigkeitszeit der Schlange ebenso durch Beobachtung berechnet hatte, wie die Umlaufszeit des Kometen, und erst nachher den betreffenden Bibelvers zum Stützpunkt seiner Berechnung gemacht hat. Jedenfalls mußte dadurch die Thora, in der „alles" stand, auch in den Augen der Heiden an Wertschätzung gewinnen. Der Wiener MännergesanA-Uerern nnb der 33. Psalm. Anläßlich der Reise des Wiener Männergesang-Vereines nach Amerika bringen die Blätter säst täglich Berichte über die Gesangsproduktionen dieses Vereines in den wichtigsten Städten der Vereinigten Staaten Nordamerikas. So hat der Gesangverein schon Konzerte in New-Iork, Washington, Philadelphia, Baltimore und Buffalo abgehalten. Die in den Wiener Blättern veröffentlichten Konzertprogramme enthielten fast alle als Nr. 1 den Psalm 23 unter dem Dirigenten Heuberger. Während das Programm bezüglich der anderen Nummern oft wechselte, fand ich in allen Programmen den 23. Psalm als erste Nummer an die Spitze gestellt. Das machte mich auf den Psalm 23 besonders neugierig, da mir die Psalmen, insoweit sie in dem jüdischen Gebetbuche ausgenommen find, von meinen Kinderjahren her, also seit nahezu 60 Jahren, so ziemlich im Gedächtnisse haften geblieben find, und einzelne Akkorde derselben gar oft bei verschiedenen Anlässen in den Wechselfällen des Lebens in meiner Seele wiedertönen. Da mir der dem Gesangsvortrage zugrundeliegende, wohl gereimte deutsche Text nicht bekannt ist, so nahm ich mir nur den hebräischen Urtext der Psalmen zur Hand und da fand ich, daß dieses Kapitel in einigen älteren Ausgaben des jüdischen Gebetbuches dem Tischgebete vorgedruckt war und von meinem nunmehr über 35 Jahre in Gott ruhenden Vater oft vor dem Tischgebete rezitiert wurde. Vermutlich hat der Vers 5 dazu Veranlassung gegeben; denn er qualifizierte fich so recht vorzüglich als stimmungsvoller, herzerhebender Toast für eine Tischgesellschaft, als Ouvertüre für ein Bankettkonzert. Erst jetzt wurde mir klar, warum gerade dieser Psalm als Programmnummer 1 ausersehen wurde. Ich versuchte es daher, den Psalm in Verse zu bringen, wie ich das schon bei vielen anderen Psalmen versucht habe. Und da ich hier nun dem hebräischen Texte auch die Lutherische Uebersetzung an die Seite gestellt, so mag der denkende Leser, namentlich der des Hebräischen kundige, darüber urteilen, ob und inwieweit mir die Uebersetzung gelungen ist. Brünn, 16. Mai. Dr. M. Epstein. 23. Psalm. 1. Wenn Gott, der Herr, mich sorglich hütet, Bin vor Entbehrung immer ich gehütet. 2. Auf grünen Tristen ruh' ich wohl gebettet, Und ruhig, wie des Baches Flut geglättet. 3. Durch Lebensbitterkeit geschwächt, die Seelenkraft, Sie kehret wieder und von Neuem Gutes schafft. Der Herr gleitet mich auf gerechten Bahnen Und verherrlicht so seinen eignen Namen. 4. Und betrete ich auch das Schattenreich, Ich fürchte nicht der bösen Hölle Reich; Denn Gott, der Herr, ist in meiner Nähe, Sein Stab mich stützet, wohin ich immer gehe. 5. Er decket reichlich mir den Tisch, Daß der Feind erstarrt vor Wutgezisch. Er salbet mir mit duftend Oel das Haupt Und kredenzet mir den Becher voll und laut. 6. Ach, des Himmels Güte und Gnade Begleiten mich auf meinem Lebenspfade; Un ich weile gern' in Gottes Haus Zeitlebens, bis ich wand re aus dem Leben aus. Dr. M. Epstein. Luther's Uebersetzung. Ein Psalm Davids. 1. Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. 2. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. 3. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße, um seines Namens willen. 4. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir; dein Stöcken und Stab trösten mich. 5. Du bereitest vor mir einen Tisch gegen meine Feinde. Du salbest mein Haupt mit Oel und schenkest mir voll ein. 6. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.