Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite' 338 L)r. Llocv's Mocvenscvnn. Nr. 20 Salorüchi. Hier ist der Großrabbiner C h a n a n j a Covo im 81. Lebensjahre gestorben. Derselbe erfreute sich seiner Frömmigkeit und Humanität wegen allgemeinen Ansehens. An dem Leichenbegängnis, dem 5000 Menschen folgten, nahmen die Spitzen der Bchörden, der Generalgouverneur und die Konsuln Mer Staaten teil. Covo war Großoffizier des Osmanje- und des Medschidje-Ordens. London« Der Vertreter der Jüdischen Territorialgesellschast in London hat im südlichsten Teil Westaustraliens eine Million Acres zur Gründung einer jüdischen Kolonie ausgesucht und die Staatsregierung gebeten, dieses Landgebiet 18 Monate zur Verfügung der Gesellschaft zu halten. Bo« jüdischer Kunst. Bei dem Wettbewerb um die Stipendien der Michael Beer'schen Stiftungen im Betrage von je 2250 Mark zu einer einjährigen StMenreise nach Italien wurde der Preis der ersten Stiftung dem Bildhauer Benno Elkan aus Dortmund zuerkannt. _ Feuilleton. „Da» Rassenvorurteil". Vortrag des Herrn Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin, gehalten am 1. März 1907 im Festsaal des Gremiums der Kaufmannschaft in Wien, im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. (Fortsetzung.) . Nach dieser eben dargestellten Erweiterung des Begriffes des „Germanen" bleibt für Chamberlain eigentlich nur noch ein einziger Raffengegensatz übrig, der für die europäische Weltgeschichte von Bedeutung ist, nämlich der Raffengegensatz zwischen Ariern und „Semiten". Der ganze, große Aufwand von Gelehrsamkeit läuft schließlich nur darauf hinaus, ein wissenschaftliches Fundament für den — Antisemitismus zu liefern. Gerade weil die jüdische Raffe nach Chamberlain die einzige ist, die sich noch rein erhalten hat, gerade deshalb ist sie so gefährlich. Denn alle ihre unedlen, in der langen Isolierung und der furchtbaren Zuchtwahl ihrer Geschichte erhaltenen Eigenschaften wirken mit voller Kraft zerstörend auf die durch Bastardierung und Panmixis schon geschwächten Gastvölker ein, und der Niedergang der letzten Herrenraffe, der Germanen, wird sich mit ungeheurer Geschwindigkeit vollziehen, wenn es ihr nicht gelingt, die Mischung mit diesem Volke des Unheils auf die Dauer zu vermeiden. Diese Theorie, die ganz aus dem Geiste und den Jntereffe« des ehemaligen ersten Standes geschaffen ist, hat ihren Hakn; dieser Stand ist außerordentlich „christlich" gesonnen. Wie aber das Christentum retten, wenn man das jüdische Volk verurteilt? Nichts leichter als das! Christus war eben ein Arier! Chamberlain weiß ganz genau, daß Christus dem durch seine blonden Haare als arischer Abstammung legitimierten Volke der Amoriter angehörte, das mit Semiten und Hethitern zusammen in Palästina siedelte. Nun teilt mir zwar ein befteundeter Aegyptologe mit, daß gerade die Amoriter auf den ägyptischen Bildwerken denjenigen Typus besonders charakteristisch austveiseu, den man heute als „jüdisch" zu bezeichnen liebt; aber solche Dinge find für den waschechten Raffentheoretiker eirx Kleinigkeit. Wenn der Nachweis geliefert werden sollte, daß die Amoriter echte Semiten waren, so würde Chamberlaiu selbst oder einer seiner Nachfolger ohne Zweifel die Entdeckung machen, daß Jesus Christus einem anderen, bis auf den Nachweis des Gegenteils unzweifelhaft arischen, Volks- . bestandteil Palästinas entsprossen ist. Uebechaupt finden die Herren immer das, was sie gerade brauchen. Mchts charakteristischer dafür, als eben die Stellung zur Religion. Gobinean war als französischer Feudaler selbstverständlich katholisch; und so sind für ihn die Germanen die durch Charakteranlage prädestinierten Katholiken. Chamberlain war Protestant, und so erscheint ihm der protestantische Geist als das wahre Kennzeichen des Germanen. Und wenn er sich bemüht, Christus zum Nichtjuden zu machen, um dem jüdischen Volke die Ehre nicht zu lassen, einen Mann von solcher Größe hervorgebracht zu haben, so ist Christus für einen anderen Raffenantisemiten, Eugen Dühring, umgekehrt gerade der typische Jude, der mit der schlappen, antiarischen, den Ariern in tiefster Seele unangemessenen Lehre des Christentums die ganze indogermanische Kultur geradezu vergiftet hat. Man muß sagen, daß jede von diesen drei Auffassungen gerade so richtig ist wie die andere. Es läuft alles auf das schon einmal zitierte Wort hinaus: jedem Narren gefällt seine Kappe, so daß man aus der Ausgestaltung der Rassentheorie im einzelnen mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit auf die Eigenschaften und Liebhabereien ihres Autors zurückschließen kann. Ich kenne Herrn Chamberlain nicht persönlich, aber ich möchte jede Wette halten, daß er brünett ist, denn er stellt mehrfach mit äußerstem Nachdruck fest, daß auch schwarzhaarige echte Germanen Vorkommen. Da nun Chamberlain sich zu dem Eingeständnis hat drängen laffen müssen, daß die ganze Rassentheorie unmöglich auf anthropologische Grundlagen gestellt werden kann, so hat er, wie schon gesagt, sich eine psychologische Grundlage geschaffen. Er läßt sich „vom Gefühl der Raffe im eigenen Busen" beraten. Diejenigen Männer der Weltgeschichte, die seinem Ideal hoher Menschlichkeit am nächsten kommen, bezeichnet er als Germanen resp. Arier,' diejenigen, deren Wirksamkeit er von seinem sehr ausgesprochenen sozialen, nationalen und politischen Standpunkt aus für schädlich hält, find je nachdem Bastarde des Rassenchaos oder Juden. Es gibt kein Wort, daß hart und stark genug wäre, um diese Mißmethodik zu kennzeichnen. Jeder einzelne Satz seiner Erörterungen bildet einen typischen Kreisschluß. Zuerst werden einem gar nicht existierenden oder wenigstens nirgends nachweisbaren geschichtsphilosophischen Phantafieprodukt, den Ariern, den Germanen, den Semiten, bestimmte psychische Eigenschaften zugewiesen, und dann wird aus dem Vorhandensein dieser Eigenschaften darauf zurückgeschlossen, daß irgend eine bestimmte historische Persönlichkeit Arier, Germane oder Semit gewesen ist. Wenn unsere logische Durchbildung nicht im allgemeinen so jämmerlich tief stände, so würde ein Werk, das ganz und gar auf derartigen logischen Ungeheuerlichkeiten ausgebaut ist, nicht Auflage über Auflage erleben können, sondern wäre bei seinem ersten Erscheinen unter der Last seiner eigenen Lächerlichkeit begraben worden. Mein Freund Friedrich Herz hat sich die Mühe gegeben, im Einzelnen jede der Chamberlainschen Behauptungen nachzuprüfen, und es ist in der Tat sehr amüsant zu lesen, mit welcher Unbarm-./ Herzigkeit er sie zerpflückt und Wort für Wort als reine Klaffen^ advokatie und Raffenrabulistik nachweist. Aber ich meine, die Arbeit ist an ein unwürdiges Objekt verschwendet worden; das Erzeugnis einer solchen Methode bedarf keiner Kontrolle durch echt wissenschaftliches Vorgehen. In der Tat ist die Zuweisung der einzelnen ^Persönlichkeiten an bestimmte Raffen oder Stämme auf Grund psychologischer Bestimmung ihrer Charaktereigenschaften ebenso unmöglich, wie auf Grund anthropologischer Bestimmungen. Die Mischung nicht nur zwischen den verschiedenen Komponenten des Chamberlainschen Germanentums, sondern auch speziell zwischen Germanen und Juden ist eine so innige, daß es ganz und gar ausgeschlossen ist, hier scheiden zu wollen. Ein einziges Beispiel mag diese Mischung und damit die Chamberlainsche Methode illustrieren. Ende des 17. Jahrhunderts starb in Braunschweig ein fürstlicher Landesrabbiner. Er hinterließ ein hübsches Kapitälchen als Familienstiftung mit der Bestimmung, daß seine sämtlichen Deszendenten in Notfällen daraus Stipendien erhalten sollten. Augenscheinlich ist der fromme, alte Herr nie auf den Gedanken gekommen, daß einer seiner Nachfolger gottlos genug sein könnte, den Glauben seiner Väter zu verlaßen, und so ist es gekommen, daß heute unzählige Urenkel dieses alten Juden in