Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 20 SDt Jbioct>’3 Mocvenscvnn. Sette 339 der Welt herumlaufen, die nur dadurch noch, wahrscheinlich sehr häufig zu ihrem eigenen unsäglichen Erstaunen, mit dem Judentum verknüpft find, daß sie alle zehn Jahre eine Liste ihrer Kondeszendenten erhalten, die gleich ihnen stiftungsberechtigt sind. Nach oberflächlicher Schätzung find mindestens neunzig Perzent der jetzt lebenden Abkömmlinge des seligen Landesrabbiners „Arier" geworden. Und es finden sich darunter mehr als 40 Adelige bis empor zum Fürsten, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Italien. Diese vielen Hunderte sind also die Deszendenten eines vor knapp 200 Jahren verstorbenen Mannes; wer will dem gegenüber die Bebauptung wagen, daß auch nur ein einziger Germane existiere, dem nicht einige Tropfen des verhaßten semitischen Blutes beigemischt find. So steht es mit der gedanklichen Grundlage, der Methodik und dem heuristischen Prinzip der Chamberlain'schen Rassentheorie. Aber fast noch schlimmer steht es mit der Ausgestaltung seiner Lehre! Auch er beruft sich natürlich auf die Erfahrungen der modernen Züchtung; auch für ihn find die beiden Faktoren: Blutkreuzung und Isolierung der Zuchtprodukte vor der Vermischung mit andersartigen Wesen, die einzig ^Maßgebenden. Das hört sich alles außerordentlich exakt an 1'Und dennoch hat der große Gelehrte etwas übersehen. FreMch nur eine Kleinigkeit, aber doch genügend, um sein ganzes Gebäude selbst dann umzuwerfen, wenn man seine höchst verdächtigen, psychologischen Grundlagen einmal gelten lassen will. In aller Züchtungskunst gibt es nämlich außer dem variablen Faktor der Blutkreuzung und den konstanten Faktor der Isolierung noch einen konstanten Faktor, von dem der Züchter aus dem einfachen Grunde niemals spricht, weil er sich von selbst versteht. Dieser Faktor ist der der gleichmäßigen und guten Fütterung, Behausung und Behandlung sämtlicher Zuchtprodukte. Wenn man irgend einen Züchter von Rosen oder Gemüsen, oder Hunden oder Pferden ftagen würde, ob es für das Resultat seiner Bemühungen von Einfluß ist, wie er .seine Beete lockert, düngt und vor Unkraut und Insekten schützt oder wie er seine Füllen oder jungen Hunde füttert, bestallt und behandelt, so wird er diese Fragen mit höchstem Erstaunen über ihre Albernheit mit ja beantworten. Er wird erklären, daß es möglich ist, aus einer verkommenen Raste lediglich durch auserlesen gute Fütterung und Behandlung eine wenn auch nicht hochedle, so doch unverhältnismäßig edlere Rasse aufzuziehen, auch ohne einen Teil der vorhandenen Exemplare von der Nachzucht auszuschließen. Und er wird auf der anderen Seite ohneweiters erklären, daß es möglich ist, die edelste Rasse durch Unterernährung und schlechte Behandlung auf einen jämmerlichen, tiefen Standpunkt herabzudrücken. Ein ungeschickter Jäger kann den edelsten Jagdhund zum unbrauchbarsten Köter verprügeln, ein ungeschickter Reiter das edelste Pferd zuschanden reiten. Und umgekehrt wird folgendes Faktum zur Erwägung gestellt: Eine Bauernkuh wog in Deutschland vor etwa 100 - Jahren durchschnittlich zirka 4 Zentner, heute durchschnittlich 13 bis 14 Zentner, ein Bulle damals 5 bis 6 und Heute 16 bis 20 Zentner, ein Ergebnis, das im Wesentlichen nur durch bessere Fütterung, beffere Behausung und geringere Arbeitsanspannung erzielt wurde. Nun ist ein Bulle von 6 Zentnern kaum einem Wolf gewachsen, ein solcher von 18 Zentnern wohl auch einem Bären überlegen, - und es zeigt sich hier bereits im Tierischen die wichtige Tatsache, daß gewisse hochgeschätzte, psychische Eigenschaften, z. B. die des Mutes, der Tatkraft usw. mit rein körperlichen Eigenschaften, der Größe und Muskelkraft, auf und ab variieren. Nun aber waren Ernährung, Behausung und Behandlung in den Züchtungsversuchen, die die Weltgeschichte mtt den Völkern unternommen hat, nichts weniger als ein konstanter Faktor, sondern ein Faktor, von allerhöchster Variabilität, und es ist im höchsten Maße a priori wahrscheinlich, daß diese Unterschiede der umgebenden Welt auf ihre körperliche und seelische Ausbildung von ungeheuerem Einflüsse gewesen find. Schlecht ernährte Völker werden, so kann man annehmen, an Größe und Muskelkraft und daher auch an Mut und Energie abgenommen haben. gut ernährte werden emporgekommen sein; Völker, denen die eigene Tatkraft oder glückliche Umstände eine günstige staatliche und soziale Verfassung verliehen haben, werden die edlen Charaktereigenschaften des freien Mannes entwickelt, unglückliche Völker sie verloren und an ihrer Stelle die Kuechtseigenschaft entwickelt haben. Von all diesen Dingen, die ich als die „Plastizität der Rasse" bezeichnet habe, ist bei Chamberlain überhaupt nicht die Rede. Er legt sich niemals die Frage vor, ob neben der Blutkreuzung und der Isolierung nicht etwa auch die Gunst oder Ungunst des Klimas und des sozial-staatlichen Milieus auf die Ausbildung der Raffekennzeichen hingewirkt haben könnte. Und doch war die Frage im Augenblick wo man sie stellte, schon beantwortet. Eine unbefangene Betrachtung der Geschichte und Völkerkunde lehrt mit unwidersprechlicher Deutlichkeit, daß die Wirtschaftsstufe und die soziale Verfassung unvergleichlich stärker auf die Rassebildung einwirken, als die Blutkreuzung. Man kann geradezu Charaktertypen der verschiedenen Wirtschaftsstufen aufstellen, die für Neger, Gelbe und Weiße gleichmäßig richtig find. Ueberall ist der Jäger der kleine, hagere, schwächliche, im Charakter hinterlistige und unbändige praktische Anarchist, den man vernichten oder verdrängen, über niemals unterwerfen kann. Ueberall ist der Nomade der hochgewachsene, riesenstarke, todverachtende, kriegerische Herrenmensch, der die benachbarten Ackervölker unterwirft, um sich als Adel über sie zu setzen. Ebenso finden sich typische Charaktereigenschaften beim Junkertum, beim Bürger, beim Bauern über alle Grenzen der Länder und Raffen hinweg. Was z. B. dem Cäsar als Raffenpsychologie der Kelten erschien, was heute noch das Rassenideal der Franzosen darstellt und was sogar ein Mommsen gläubig übernahm, war die^ typische Landjunkerpsychologie, die sich in gleicher Ausbildung nicht nur bei den Lukanern, Campanern, Böotiern, Thessaliern des Altertums, und den Polen, Böhmen, Magyaren des Mittelalters, sondern auch bei den feudalen Landjunkern Japans fand. Diese Verschiedenheit der Klaffen- und Standespsychologie muß man kennen, wenn man Geschichtsphilosophie treiben will. Karl Lamprecht hat eine außerordentlich geistvolle geschichtsphilosophische Erklärung gegeben, wonach der Charakter der Völker die gleiche psychologische Abwandlung erfahren soll, wie sie auch beim Einzelmenschen in seinen verschiedenen Altersepochen als typisch betrachtet wird. Also eine Anwendung des biogenetischen Grundgesetzes auf die Geschichtsphilosophie! Aber mir erscheint diese geistreiche Theorie dennoch als falsch. Lamprecht sieht z. B. den „Deutschen" von Epoche zu Epoche mit anderen psychologischen Kennzeichen auf der geschichtlichen Bühne stehen und nimmt eine allmälige innere Entwicklung seiner Psyche an. In der Tat aber steht jedesmal ein anderer Repräsentant des deutschen Volkes, ein anderer Klaffen- oder Standesrepräsentant im Vordergrund der historischen Bühne. Zuerst der freie Bauer der Markgenossenschaft, dann der Landjunker, dann der ritterliche Ministeriale, dann der Bürger der freien Stadt, der absolute Landesherr, der Bürger des konstitutionellen Staates, der Aesthet der kapitalistischen Kultur, jeder mit seiner ihm eigentümlichen Standespsychologie. Von allen diesen Dingen, von all diesen tiefsten und feinsten Problemen der Geschichtswissenschaft weiß die moderne Rassentheoretik nichts. Ein Mann wie Chamberlain erinnert mich immer an den dummen Menelaus aus der „Schönen Helena". Der hat für jedes Rätsel, das ihm vorgelegt wird, die eine Antwort parat: mein Hausschlüssel! Und so antwortet die Raffentheorie auf jedes Geschichtsproblem mit der einen Albernheit: Rasse, Raffe, Raffe! In der Tat find es fast ausschließlich, wenn nicht ganz ausschließlich die sozialen und wirtschaftlichen Dinge, die die Bewegung der geschichtlichen Massen unterhalten und lenken. Wir sahen, daß sowohl Gobineau, wie Chamberlain im wesentlichen aus der Betrachtung Her Geschichte der antiken Stadtstaaten zu ihren Konzeptionen gelaugten; ihre Rassentheorie ist nicht viel mehr als eine Erklärung der „zyklischen Katastrophen", die jene Periode charakterisieren. Und gerade hier läßt sich mit