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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-17 · 20 (17.5.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Bloch"» Wottrenschrifiseit« 333 einem der größten deutschen Dichter auf deutschem Boden kein Denkmal errichtet wurde. Nun müssen sie wütend erdulden, daß auf einem Besitztum des Kaisers von Deutschland Heines Denkmal sich erhebt. In Achilleion hatte eine edle Fürstin dem Heine-Denkmal einen stolzen Ehrenplatz eingeräumt, und selbst die dümmsten Heine-Hetzer werden dem Kaiser Wilhelm nicht die Geschmacklosigkeit zumuten, daß er durch die Entfernung dieses Denkmales gewissermaßen auch die Pietät gegen die hochsinnige Kaiserin Elisabeth verletzen werde, mit deren Andenken das Achilleion für immer verbunden bleibt. Wer das Heine-Denkmal von Achilleion verbannt, würde demonstrativ verletzen, was Kaiserin Elisabeth demonstrativ ehren wollte. Wenn ein steinern Antlitz seine Mienen ändern könnte, dann würde Heine von seinem Sockel in Achilleion nicht mehr wehmütig, sondern ironisch lächelnd herabschauen. Berlin. Ueber den Fall des Rabbiners Cohn, der die jüdische Oeffentlichkeit in Berlin sehr stark beschäftigt, schreibt Dr. Franz Oppenheimer in der „Welt am Montag": Ein jüdischer „Fall Cösar". Die jüdische Gemeinde zu Berlin hat einen ihrer Rabbiner, Herrn Dr. Emil Cohn gemaßregelt; er ist vom Amte suspendiert, und seine Entlassung ist beschlossene Sache. Der hart betroffene, aus seiner Laufbahn geschleuderte Mann flüchtet sich jetzt in die Oeffentlichkeit mit einer kleinen Streitschrift, die der Beachtung durch größere Kreise wert ist; denn es handelt sich, wenn die Darstellung den Tatsachen entspricht — woran wohl kaum zu zweifeln sein dürfte, — um einen Fall gröblichsten Gewissenzwanges, der nicht zu dulden ist, obgleich hier die Gesinnungsschnüffelei nicht das religiöse, sondern das nationale Bekenntnis des Mannes betrifft. In der Absicht, sich um die Stellung als Religionslehrer zu bewerben, besuchte nach dieser Darstellung Herr Cohn seinen früheren Lehrer, jetzt Direktor eines Charlottenburger Gymnasiums, und hatte mit diesem Herrn eine mehrstündige Unterredung über die Stellung der Juden zu gewissen Problemen des öffentlichen Lebens. Dabei entwickelte der Herr Direktor Anschauungen, deren Verlautbarung einem Rabbiner gegenüber nicht gerade allzu taktvoll genannt werden kann: „Der Herr nennt sich einen Philosemiten; er steht auf dem Standpunkt Bismarcks: Ein arischer Hengst und eine jüdische Stute ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch in der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst wenn sie nicht aus Ueberzeugung erfolgt. Er fragte mich, ob ich nicht auch ein solches Aufgehen ersehne". Herr Cohn erwiderte, wie ein Rabbiner auf solche Anzapfungen erwidern mußte, „daß er durchaus nicht der Meinung des Direktors sei". Er beschränkte sich aber nicht darauf, als religiöser Jude und als Geistlicher gegen die Zumutung zu protestieren, seine Religion auszugeben oder sich darüber zu freuen, wenn andere sie aufgeben, sondern er war aufrichtig genug, sich auch als Zionist zu bekennen, der als solcher treu an seinem Stammestum hänge . . ." Der Direktor war entsetzt über diese Anschauungen: „Ich habe einen jüdischen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muß ihn doch für einen Heuchler halten?" „Keineswegs", antwortete ich, fährt Cohn fort, „ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich will und kann Schiller und Goethe nicht in mir ausstreichen. Trotzdem pflege ich mein jüdisches Stammestum, das mit einem guten deutschen Staatsbürgertum sich wohl verträgt." Diese Auseinandersetzung machte dem Direktor merkwürdigerweise schlaflose Nächte und er interpellierte seinen jüdischen Oberlehrer darüber, ob er auch solche Anschauungen habe. Der Herr wies das mit Entrüstung von sich, beriet mit drei anderen jüdischen Kollegen den Fall und diese Aktion endete mit einer Beschwerde an den Gemeindevorstand und mit der Suspension des „Beschuldigten" in den schroffsten Formen. Herr Dr. Cohn beschwert sich über mancherlei, z. B. darüber, daß man ihn verurteilt habe, nur auf Grund einer kurzen Niederschrift des Direktors, deren Aushändigung man ihm verweigert habe und ohne diesen Herrn um eine Erläuterung zu seiner Notiz zu bitten; ferner darüber, daß man ihn monatelang' hingezogen habe, ohne ihm über sein Schicksal Nachrichten zu geben; aber das sind Dinge, die nur die Gemeinde als solche angehen, mag sie ihre Beamten zur Rechenschaft ziehen! Was aber die Oeffentlichkeit angeht, daß ist der krasse Gewissenszwang, der hier von unverständigen Menschen ausgeübt worden ist. Es handelt sich hier zweifellos um Anschauungen rein privater Natur, die niemanden, weder den Staat, noch den Gemeindevorstand, das mindeste zu kümmern haben und die jeder Jude, wenn er sie hat, ruhig äußern kann, ohne sich irgend eines Amtes unwürdig zu machen. Wenn Herr Rabbiner Dr. Cohn sich seiner Abstammung von dem alten und berühmten Volke Israel mit Stolz bewußt ist, ist das etwas anderes, als wenn die französischen Refügiss sich ihrer französischen Abkunft rühmen? Oder kann König Carol von Rumänien kern guter Patriot sein, weil er sich noch immer als Abkömmling des deutschen Hauses der Hohenzollern fühlt? Oder ist der Zar ein schlechter Ruffe,' wenn er etwa gern an seine Abstammung von einem deutschen Fürstenhause denkt? Ist es in den Augen eines Deutschen ein Verbrechen, wenn die Amerikaner deutscher Abkunft an ihrer Sprache und Sitte festhalten? Oder werden sie dadurch schlechtere amerikanische Staatsbürger? Es scheint nicht der Fall zu sein, denn mehrfache Verlautbarungen von sehr hoher deutscher Stelle, die den Deutsch-Amerikanern empfahlen, der neuen Heimat treue Bürger zu sein und doch an ihrem Deutschtum festzuhalten, haben drüben, auch bei den Anglo- Amerikanern, nur Beifall gefunden. Warum in aller Welt soll denn nicht auch ein Jude seiner Abstammung froh sein dürfen, wenn sein persönlicher Geschmack in dieser Richtung weist? Das wird wohl das ■ Geheimnis des Vorstandes der jüdischen Gemeinde in Berlin bleiben. In dem Sinne, wie es die Antisemiten von uns Juden verlangen, können wir selbst dann nicht Deutsche werden, wenn wir es wollten. Denn bei ihnen heißt „deutsch sein": arischer Abstammung sein! Und das können wir nun einmal nicht mit Sicherheit behaupten, ohne uns lächerlich zu machen. Kein Mensch kann von uns anderes verlangen, als das, was Cohn bekannt hat: heiße Liebe zu unserem Baterlande und freudiges Bekenntnis zu seiner Sprache und Kultur. Ob jemand noch außerdem auf irgend eine Abstammung stolz ist und sich irgend einem fremden Volke oder einem Teile eines solchen näher verbunden fühlt, als anderen fremden Völkern, ist seine Privatangelegenheit und geht niemanden das geringste an. Wenn sich sich Lord Byron so sehr für die Hellenen intereffierte, daß er sogar für sie kämpfte und starb, oder wenn sich die besten Deutschen früher leidenschaftlich für die Polen und später für die Buren einsetzten, so wird man es auch einem deutschen Juden nicht übel nehmen dürfen, wenn er sich für die unglücklichen Juden Rußlands mehr intereffiert, als z. B. für die eben so sehr leidenden Armenier. Nun mag ja ein „philosemitischer" Arier vielleicht nicht angenehm davon berührt werden, wenn ein Jude mit Stolz seiner Abstammung gedenkt: denn alles Eigenwüchfige stört ja jenes kasernenmäßige Gleichmaß, welches das hohe Ideal gewisser Leute ist; wie aber der Vorstand einer jüdischen Gemeinde, deren Existenz ganz oder doch fast ganz darauf beruht, daß noch nicht alle Juden ihr Stammesbewußtsein verloren haben, darüber in Entrüstung geraten kann, das wäre mir ein psychologisches Rätsel, wenn ich nicht wüßte, daß solche „liberale" Herren in der Regel — Angstmeier find. Sie haben in schlotternder Angst, um einen Skandal zu vermeiden, einen Unbequemen geopfert, ohne überhaupt sich darüber klar zu werden, daß der „unter Anklage gestellte Wortlaut" nicht nur an sich völlig harmlos, sondern sogar der adäquate Ausdruck einer Ueberzeugung ist, die ein Rabbiner besitzen muß, wenn er seines .„Amtes nicht unwürdig sein will". Aber freilich, wenn man einen Gymnafialdirektor schlaflose Nächte gemacht und vier jüdische Oberlehrer aufgeregt hat, so

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