Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 330 Dr. Llocb's MocbenscbrLN. Nr. 20 Seite 397: Dann kam Maxime Ducamp auf die Juden zu sprechen und sagte: er habe einmal die Bekanntschaft mit Karl Marx gemacht, dieser habe ihm gesagt, die Juteruationale und seine Partei erkenne keine einzelnen Natioueu, nur die Menschheit an. Er habe darauf erwidert, es sei wahr, daß die Nationalität erst ein Moment zweiten Ranges sei, aber mit diesem an erster Stelle der zweiten Momente stehenden Prinzip habe man doch große Dinge ausgeführt. Darauf habe ihm Marx leidenschaftlich geantwortet: „6owmeut voulez-vonz que nous ayons du patriotisme, nous, qui dupuis Tituh n’avons plus de patrie!" Das sei, meinte Maxime Ducamp, die Ursache der Juteruationale, die eigentlich den Juden ihre Entstehung verdanke. Er glaube, daß die Juden nach der Universalherrschaft streben, „la monarchie juive universelle“. Die Könige von Frankreich hätten den. Grundsatz gehabt, keinen Untertanen zu dulden, der reicher als der König sei. Wenn dies der Fall gewesen, so habe man den reichgewordenen Untertanen aufgehängt und ihm sein Vermögen weggenommeu. Er belegte dies mit Beispielen. So werde es auch die französische Nation machen, die jetzt der Souverän sei. Der Augenblick werde nicht mehr lange auf sich warten lassen; denn die Rothschilds hätten schon sechs Milliarden. Es liest sich ganz eigenartig zwischen diesen auf die Juden bezüglichen Einstreuungen, die keineswegs für eine fteundliche Gesinnung sprechen, wiederum zu erfahren, daß der Reichskanzler eines Morgens einen rumänischen Juden empfängt, der ihm „viel Interessantes" über die Lage seiner Glaubensgenossen in diesem kulturlosen Lande'und die dort sonst herrschenden Zustände erzählt. Fast eine ganze Seite wird der Judenemanzipation (1866) gewidmet. Hier findet Hohenlohe hohe Gefühlstöne für die Juden und erklärt es als eine einfache Forderung der Gerechtigkeit und Zivilisation, daß ihnen die bürgerliche Gleichstellung gewährt wurde. * Oefter, wird Kaiserin Augusta im Zusammenhang mit dem Antisemitismus erwähnt, den sie tief verabscheut und tadelt. Auch die Kaiserin Friedrich steht, wie ihr hoher Gemal, auf diesem Standpunkt. Zieht man nun das Fazit aus den die Juden angehenden Stellen aus dem Memoirenwerk des verstorbenen Fürsten, so begegnen wir einer alten Erscheinung. Wo es den hohen Herren von persönlichem Vorteil erscheint, mögen sie den einzelnen Juden schon leiden und lassen seinen Fähigkeiten, soweit sie nützlich sind, Gerechtigkeit widerfahren. Die Gesamtheit ist ihnen verhaßt. Selbst der getaufte Jude bleibt ihnen ein Gegenstand des Abscheues, ja sogar, wie auch iu Hohenlohe's Buch, noch viel verabscheuungswerter und verächtlicher als der gesinnungstreue, und das dürste der einzige sympathische Berührungspunkt zwischen uns und .den Antisemiten aus hohen Kreisen bleiben. Es berührt ganz eigentümlich, zwischen den vielen weltlichen, die Torheiten der Menschen in beißender Ironie geißelnden, zwischen den vielen, die hohe Staatskunst und kleinen diplomatischen Kniffe beleuchtenden Aufzeichnungen unvermittelt auf philosophisch-religiöse Betrachtungen zu stoßen, die manchen großen Gedanken in sich bergen und den kleinen, boshaft humorvollen Schelm als einen tiefernsten Denker vor unser geistiges Auge rücken. Ein gläubiger Gottsucher, den inmitten aller weltlichen Freuden, auf dem Parkett, an der Tafel, oder auf der Jagd alle die bitteren Zweifel packeu, die Rätsel des Lebens wachrufen. Der Tod seiner Tochter Stephanie im März 1882 veranlaßt ihn zu einem wehmutsvollen Gedicht und wirkt in den Briefen mit seinen Verwandten und Freunden nach. Seme Briefe an die Prinzessin Elise zu Salm-Horstmar lasseu erkennen, wie sehr ihn religiöse und Jenseitsfragen beschäftigen. . Und der Mann, der so tiefernst wie nur ein Weltweiser denku konnte, den man über alle Vorurteile des Glaubens und der Rasse hoch erhaben wähnen sollte, konnte ein ganzes Leben lang nicht zu einer einwandfreien Beurteilung der Juden kommen? Und darin liegt, nach meiner Auffassung, die Lehre seiner Denkwürdigkeiten. Denn obwohl er anerkennt, daß den Juden viel Unrecht geschieht, hat er, so lange er Reichskanzler war, auch nicht als Statthalter . im Elsaß, auch nur das Geringste unternommen, um von diesem Unrecht etwas gut zu machen. In den Regionen, in welchen Hohenlohe lebte, weht ein scharfer antisemitischer Luftzug, und der Höfling ist in ihm denn doch stärker als der voraussetzungslose Philosoph, und das Gefühl für Recht ist nicht das Menschenrecht im Sinne der Humanität, wie aus dem Gesamtinhalt der Denkwürdigkeiten zu erfahren ist. Und darin liegt nicht der geringste Wert derselben. Für uns Juden haben sie noch den Vorzug, daß wir daraus erlernen können, daß wir nicht von Fürstengunst und von Ministerwohlwollen unser gutes Menschen- und Bürgerrecht zu erwarten haben» sondern von unserer eigenen Kraft, im Fortschritt der Sittlichkeit, an dem wir, unentwegt durch alle Anfechtungen, Mitarbeiten müssen. Dann erst, wenn die Scheinkultur der Gegenwart von dem höchsten Kulturfortschritt der Gerechtigkeit beseitigt sein wird, wird auch uns endlich unser Menschenrecht ungeschmälert zuteil werden, auch ohne den schändlichen Zwang und den Fluch des Renegatentums. Wir müssen es mit Jhering halten, welcher sagte: „Der Kampf ums Recht ist die Poesie des Charakters." Korrespondenzen. Zur Kritik über Dr. Bloch. Die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" schreibt in ihrer letzten Nummer: „Dr. Ofner ließ sich in einer Wähler- ' Versammlung eine Bemerkung entschlüpfen, die' als ebenst' üüwahr wie unklug bezeichnet werden muß. Er meinte, „er wolle keine Talmudftagen ins Haus werfen, wie es Dr. Bloch getan. Die natürliche Folge von diesem war — Ernst Schneider". So darf man Ursache und Wirkung nicht einmal in Kandidatenreden verwechseln. Die Talmudftagen werden von Ernst Schneider und Konsorten, und zwar in gefährlichster, anstehendster Weise, ins Haus geworfen, und Dr. Bloch war es, der die böswilligen Entstellungen. und Fälschungen, aus denen die Judenhetzen ihre Nahrung zogen, brandmarkte. Herr Dr. Ofner wird nachträglich wohl selbst erkennen, daß diese chronologische Darstellung zwar weniger sympathisch den Antisemiten sein wird, daß sie aber dafür den Vorzug hat, der Wahrheit zu entsprechen." Wahlagitations-Bilder. Mit so viel Schmutz und Unrat ist noch bei keiner Wahlkampagne herumgeworfen worden, wie bei der jetzigen. Die Presse, welche eigentlich bildend wirken sollte, entfacht mit ihrem von Kot und Ekel strotzenden Inhalt die Volksleidenschaften in einer Weise, daß einem gebildeten Menschen die Haare zu Berge stehen über die schauderhaste Wirkung, die derartige Vorgänge zu zeitigen geeignet find. Allen voran überbieten sich die Provinzblätter der christlichsozialen und deutschnationalen Partei, die einem zu Dutzenden ins Haus geschickt werden, von deren Inhalt man sich mit Abscheu wegwendet und das man sich ekelt, sogar als Makulaturpapier zu benützen. Der Umstand eben, daß eine jede Gemeinde, insoferne dieselbe ihren eigenen Kataster hat, zum Wahlorte bestimmt ist, hat solche Agitationsmittel geschaffen, da in einer jeden Ortschaft der Agitationsherd verlegt ist; er hat aber auch Spezies ganz neuer Art gezeitigt. Da ist die erste der Zutreiber. Ein Mann mit bewegter Vergangenheit und fraglicher Existenz, der die Gasthäuser des flachen Landes, zu Markttagen die der Stadt besucht und da für seinen Kandidaten Stimmung macht. Ich habe dem Manne sehr viel zu verdanken, ruft er einüber das anderemal aus,