Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 328 sr. Vlocv's Mlocvenscvrm. yiu 20 Es ist aber hier nicht der Ort, zu erörtern, ob — was ja auch von ernsten Männern vielfach behauptet worden — der im Leben so hochstehende Memoirenschreiber nur beabsichtigt habe, der Kulturwelt zu zeigen, mit wie wenig Verstand die Welt regiert, der Völkerfriede, oft nur an einem Haar hängend, von der gereizten Stimmung einiger Machthaber, zuweilen, und nicht einmal gar so selten, von dem Ehrgeiz einiger hohen Militärs oder Diplomaten, durch Eifersüchteleien und weibliche Jutriguen ins Wanken gebracht werden kann. Auch die gleichfalls von maßgebenden Kreisen geäußerte Ansicht, der Kanzler habe zeigen wollen, daß die Monarchen von oft sonst ganz unbedeutenden aber böswilligen Meuschen umgeben und belogen würden, die alle guten Ab-' sichten der Fürsten vereitelten, ist für die nachfolgenden Auszüge ziemlich irrelevant. Wir wollen uns nur noch erinnern, daß es ziemlich lange dauerte, bis sich die Wogen der Erregung, die die beide« umfangreichen Memoirenbände hervorriefen, allgemach glätteten und die am schwersten betroffenen Kreise ihre Fassung so weit wiedergewonnen hatten, um mit erkünsteltem Gleichmut zu versichern, die Bücher enthielten weiter nichts als den boshaften Klatsch eines alten, bereits halb kindisch gewesenen Greises. Wir müssen aber davon Notiz nehmen, um den toten Hohenlohe, wo er oft so lieblos von den Juden spricht, nicht allzu einseitig zu beurteilen. Heute uun, nachdem alle politischen Zeitschriften des In- und Auslandes je nach ihrem unabhängigen oder vordiktierteu und bezahlten Standpunkt aus ihr Parere über Hohenlohes politischen Nachlaß abgegeben haben, dürfte es auch für eine jüdische Zeitschrift angebracht sein, eine die Juden interessierende Nachlese zu hallen, wobei es ja auch von diesem Standpunkt aus uns ganz gleichgiltig sein kann, wieviele arische Halbgötter und teutonische ganze Götzen das kleine Männchen mit dem messerscharfen Verstand und den hellblickenden Augen so unbarmherzig von ihrem Sockel herabgestürzt und ramponiert hat, daß sie schier nie mehr zu reparieren wären, wenn die . Menschen nicht so vergeßlich sein würden. Kaum eine von allen diesen von dem fürstlichen Autor in den richtigen Sehwinkel des Volkes gerückten Nationalgrößen hat anders als feindselig oder ablehnend dem Judentum gegenübergestanden; viele von Nationalftolz' ihrer Zeitgenossen getragen gewesenen Vergangenheitsgrößen, denen das Judentum nur Wunden zu verdanken hat, erscheinen, im Lichte Hohenlohescher Darstellung so menschlich, nur allzu menschliche und daher so wenig groß, daß man sich nur darüber wundern könnte, wie wenig Geist dazu gehört, um andern zu schaden. Erst nachdem der Verfasser dieser Zeilen nach mehrere» Monaten nochmals das Buch durchbückt hatte, wollte er deyi jüdischen Publikum einmal zeigen, wie man in hohen Regionen über Juden und Judentum urteilt; wie selbst ein über seine Standesgenossen ethisch und mehr noch geistig hoch hiuausragender und teilweise vom Antisemitismus emanzipierter, dabei überaus kluger Beobachter sich niemals ' zu einem völlig vorurteilslosen Standpunkt den Juden gegenüber aufzuschwingen vermag. Die Psyche dieser hohen Herren wird sofort von einem Nebel umschleiert, sobald nur ein Jude oder Judenabkömmliug in ihr Gesichtsfeld tritt. Dann aber auch mußte es dem Verfasser als eine publizistische Pflicht erscheinen, dem jüdischen Leser zu zeigen, wie wenig wir von der wahren Stimmung, die gegen die Juden bei den Regierenden herrscht, unterrichtet sind. Schon um den Fürsten Hohenlohe nicht einseitig einzuschätzen, etwa nach seinem Urteil über die Juden allein, muß man ihn von dem Gesamteindruck aus, den seine Memoiren Hinterlassen, zu verstehen suchen. Dann wird man auch milder über seine Ausdrücke über die Juden denken lernen und eben deshalb soll dieser Eindruck zunächst in einem allgemeinen Resume vorausgeschickt werden. Für den allem politischen Parteigetriebe fernstehenden, leidenschaftslos und ruhig wägenden Leser steht jedenfalls fest, daß der Verfasser dieses Memoirenwerkes kein Alltagsmensch gewesen ist. Obzwar kein phänomenaler Geist, der unbedingt andere unter sich zwingt; auch kein Genie,' das uns, bewußt oder unbewußt, Bewunderung abnötigt. Aber auch kein hochragender Edelmensch, der, nach einem an-Jahren und reichen Erfahrungen durchsättigten Leben, von der hohen Warte des Weltweisen herab, mit der Milde des Allesverstehens und Allesverzeihens, still lächelnd, die Torheiten des Lebens an seinen geklärten Blicken vorübergleiten läßt — ohne Bitterkeit und ohne Zorn über die Welt regierende Dummheit und Bosheit. Nein, ein solcher Mensch ist der Memoiren niederschreibende Hohenlohe nicht gewesen. Und doch steckte in ihm ein beträchtlicher Teil von einem Philosophen, daher auch einem Satyriker, etwas von einem Demokritos. Sagte er doch auch, daß ihm gelehrt worden sei, über die Torheiten und Schlechtigkeiten der Welt weder zu lachen, noch zu weinen; man solle beides zu verstehen suchen. Und von sich selber spricht er wie folgt: „Was für ein ganz anderer Mensch wäre ich vielleicht geworden, wäre ich ohne strenge hofmeisterliche Leitung, vielleicht von meinem sechzehnten Jahre ab, geblieben. Manche Torheit hätte ich begangen, vielleicht wäre ich untergegangen. Allein mir scheint, ohne daß ich dm Verhältnissen zürnen will, daß ich besser geworden wäre. Einer von Natur ruhigen, träumerischen, tatschwachen Seele ist die Aufregung des Selbsthandelns, des nicht bloß Geschehenlasseus durchaus notwendig, wenn sie wirklich zu etwas gelangen will. Ich bin, von Natur passiv, durch diese ewige Bevormundung zu einer großen Ausbildung innerer Beschaulichkeit, die ich nicht einmal Philosophie nennen kann, gelangt, ohne daß mein Charakter die geringste Festigkeit erlangt hätte." Eine so bescheidene Selbstkritik verdient jedenfalls um so mehr Anerkennung, als sie in diesen Kreisen nur selten ist und gewiß nicht als das Resultat einer prinzlichen Erziehung, von dazumal gelten kann. Und der Fürst hat sich ziemlich richtig eingeschätzt. Er stand nicht auf der einsamen Höhe der Geistesheroen; er war kein Dichter, obgleich er manche hübsche Verse geschrieben, kein Philosoph, wenn er auch häufig philosophierte; zum hohen Flüge in die Sonnennähe der Idealwelt fehlten ihm die starken Schwingen des Adlers. Und wenn er schon einmal die Fittiche regt, sv bleibt es nur ein ikarischer Aufflug; man wird bald inne, daß er nur wächserne Flügel hat, daß er kein Adler ist, der hoch oben in den Lüften schwebt — vielleicht ein Sperber. Möglich, daß Hohenlohe ein großer Diplomat war, was übrigens für unsere Darlegung nicht in Betracht kommt. ' Alles in allem bleibt, wenn man dem Toten gerecht werden will, ein Mensch übrig, dem die Natur eine große Fülle geistiger Fähigkeiten und auch menschlich guter Eigenschaften verliehen hatte; nie hinabsteigend bis ins Gemeine, aber auch nie sich hinaufschwingend zu den Wolken, zum Uebermenschen. Wäre dieser Mann nicht im Schlosse und nicht als Fürst geboren worden und hätte ihn der Geburtsadel nicht prädestiniert, mit den Lenkern der Völkerschicksale Arm in Arm durch sein Jahrhundert zu schreiten, so hätten seine Memoiren niemals die Kulturwelt in Erregung versetzt und er hätte nicht vermocht, das Ansehen seiner Standesgenoffen in den Augen der Welt herabzumindern. Als Bürgerlicher hätte es Hohenlohe wahrscheinlich zum Stadtrat oder Bürgermeister gebracht und die dankbaren Bürger hätten vielleicht sein Bild im Rathaussaal aufgehängt. Ob es bis zu seiner Büste gekommen wäre, ob er sich nicht durch etwaige Unbeliebtheit auch um dieses Denkmal bürgerlicher Anerkennung gebracht haben würde? Vielleicht unterschätzt man dennoch diesen Fürsten in seiner geistigen Bedeutung, wenn man nicht in seinen Memoiren eine ganz bestimmte Absicht wallen lassen will, und er, der Hochadelige, in seinen Niederschriften gerade' dem Bürgertnm gegen seine Standesgenossen hat zuhilfe kommen wollen. Und wie bürgerlich konnte sich dieser Mann geben, ja fast kleinstädtischl Es mutet einen förmlich ge-' mütlich an, zu lesen, wie dieser Diplomat, der täglich mehrere