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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-17 · 20 (17.5.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20 Dr. Llocv s Mocvenscvrlll. Seite 827 Ghetto ja nicht erbauen, sondern verlassen. Dieses Prinzip konnte jedoch nicht zum Durchbruch kommen, da seine Anhänger nicht die Taktik einer Einigung befolgten und durch ihren gegenseitigen Kampf ihren wirklichen Gegner stark Vorschub leisteten. So kam es zu diesem Ausgang, der zwar einem tüchtigen Manne zufiel, jedoch nicht einem Parlamentarier, wie er in der jüdischen politischen Bewegung der letzten Monate überwiegend verlangt wurde. Auf jeden Fall ist es ein Erfolg der neujüdischen Politik, daß für Bezirke mit jüdischer Majorität keine anderen als jüdische Kandidaten ernsthaft in Betracht gekommen sind, während sie in früheren Wahlzeiten als sichere Zufluchtsstätten gerade arischer Mandatsbewerber galten. Die Wähler haben allerdings teilweise übersehen, daß zum jüdischen Kandidaten auch ein jüdisches Programm gehört und daß für unsere allgemeine, direkte Interessenvertretung Juden von Geburt aber nicht von Gesinnung wenig Wert besitzen, wie ja die jüdischen Sozialdemokraten deutlich zeigen. Solche Vertreter zu schaffen, ist zum größten Teil den Juden Galiziens Vorbehalten und um die acht Tage, um welche diese später zur Urne schreiten, verschiebt sich für uns der Eintritt einer neuen Zeit. Hoffentlich wird die jüdische Wählerschaft Galiziens ihrer Pflicht gegen das Judentum eingedenk sein und die mannhaften jüdischen Vertreter schicken, nach denen ein brennendes Bedürfnis noch immer vorhanden ist. Wir haben von dem Ausgang der allgemeinen Wahlen bis jetzt nicht viel Gutes zu erwarten. Eine antisemitische > Majorität ist da, und es wäre Wahnsinn, ihr nicht eine tüchtige jüdische Gruppe entgegenzustellen. III. jüdischer Turntag. Wieder findet ein jüdischer Turntag — der dritte seit der Gründung der jüdischen Turnerschaft — statt, ein Freudentag für jeden selbstbewußten Juden, ein Ehrentag für jüdische Turner und Turnerinnen. Unter allen von der modernen jüdischen Bewegung geschaffenen Vereinen erscheinen die Turnvereine als die stetigsten, die ihre Arbeit nie unterbrochen haben, weil sie unabhängig von allen Parteiungen im Judentum unentwegt ihren Zielen zustreben, der körperlichen Hebung, der physischen Regenerierung, der Entlastung der Judenseele von dem schweren Drucke jahrhundertelanger Unfreiheit, der Wiederaufrichtung des Selbstbewußtseins, des Vertrauens in die eigene Kraft. So legen die jüdischen Turnvereine die Fundamente der Zukunft unseres Volkes, auf denen sich ein verjüngtes Juda in Kraft und Schönheit aufbauen soll- Jugend und Kraft, Mut und zielbewußter Wille, Arbeitsfreudigkeit und unerschütterliche Zuversicht, das find die Quellen des Erfolges der jüdischen Turnvereine. Darum find diese auch dazu prädestiniert, in der Renaissancebewegung des jüdischen Volkes die gleiche hervorragende Rolle zu spielen, wie sie den nationalen Turnvereinen in allen völkischen Bewegungen des Westens im letzten Jahrhundert zufiel. Mit Freude begrüßen wir es, daß die jüdische Turnerschaft die Delegierten der jüdischen Turnvereine zum heurigen Turnertag nach Wien einberufen hat, umsomehr als mit dem Turntage auch ein Verbandsschauturnen verbunden sein wird, zu dem die jüdischen Turnvereine von nah und fern Teilnehmer entsenden. In Basel geschah es zum erstenmale an der Stätte der politischen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, daß von Mischen Turnern der verschiedensten Länder ein gemeinsames Schauturnen — unter den Augen Theodor Herzls und der jüdischen Abgeordneten der ganzen Welt — abgehalten wurde, ein Bild, das, von einem jüdischen Künstler festgehallen, eine symbolffche Darstellung des Wiedererwachens unseres Volkes von ergreifender Wnckung ergäbe. Hier Theodor Herzl mitseinem strahlenden Auge die prächtigen Turnergestallen umfaffend, selbst unwillkürlich stramm aufgerichtet, ihm zur Seite ein weißbärtiger gebeugter Ghettojude, der wie verklärt auf dieses Junge Juda blickt, das längst begrabene Hoffnungen wieder erwachen, längst verstummte Saiten wieder ertönen läßt. Pros. Mandelstamm, der jüdische Turnvater, der zum erstenmal der Mischen Oeffentlichceit die Entwicklung und Pflege der körperlichen Hebungen unter den Juden ans Herz legte . . . Max Nordan. der das Wort vom „Muskeljudentum" geprägt, ringsum in bunten Gruppen die Delegierten, jede Gruppe fast eine eigene Kultur vertretend und doch alle geeint in der Arbeit für das jüdische Volk. Und die Wogen der Begeisterung drangen von den Zuschauern zu den Turnern und ließen ihr Herz höher schlagen unter dem Jubel, der ihrer wackeren Arbeit galt. Mehr als alle Reden begeistert die Tat. Auch das heurige Verbandsschauturnen in Wien soll eine solche Tat sein, aus Begeisterung entsprungen und Begeisterung erweckend. Es wird den noch indolenten Wiener Juden den Beweis erbringen, daß wir Juden es nicht nötig haben, unter Opfern des Intellekts und der Ehre uns die Duldung in fremdnationalen Vereinen zu erkaufen, sei es auch, um die höchste turnerische Fertigkeit zu erreichen. Die jüdischen Turner seien uns in Wien herzlichst willkommen! Ihren Beratungen und ihrem Schauturnen wünschen wir vollen Erfolg, für Judas Ehr', zu Judas Wehr'! Hedad! Wir begrüßen sie mit den Worten des Turnliedes des „Bar- Kochba": Stolz wollen wir aufrecht schreiten, In Treue für Juda streiten, Die Zeit der Schande ist nunmehr vorbei: Auf, Hedad, Hedad! Unsere Bahn ist frei! Die Jude« in Hohenlohes Memoiren. Von Dr. Arthur Kahn. . Etwa ein halbes Jahr mag es her sein, daß das Erscheinen eines umfangreichen Doppelbandes „Denkwürdigkeiten", aus der Feder des ehemaligen Reichskanzlers, des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, in der ganzen Kulturwelt großes Aufsehen erregte. Sie erschienen allerdings auch gerade zu einer für Sensationen sehr günstigen Zeit. Die politische Lesewelt drohte schon von großer Langeweile befallen zu werden; die Fleischteuerung, die Algeciras- und Kolonialdebatten im Reichstag, die Revolution in Rußland, die Berufung des Urenkels eines weiland jüdischen Vorbeters und Lehrers in Oberhessen in eine hohe Staatsstellung verloren bereits stark an Interesse. Da, ohne daß die sonst üblichen Ankündigungen in der Presse vorausgegangen wären, erschien ein verblüffendes Werk, von einem Manne verfaßt, der sein ganzes langes Leben hindurch mit den Mächtigsten der Erde verkehrt, an Fürstenthronen gestanden und selbst mit denen zusammen gearbeitet hatte, die über die Schicksale der Völker und Reiche, über Krieg und Frieden mitbestimmen. Der Eindruck, den das seiner ganzen Fassung und dem Inhalt nach fast einzig dastehende Buch auf die bürgerlichen, adeligen und hochadeligen Kreise, auf die Presse und die Diplomatie des In- und Auslandes gemacht hat, ist gerade jetzt wieder lebendig geworden. Vergeblich frug man sich, worauf es denn bei der Publikation hauptsächlich dem Verfasser — wenn es von ihm gewollt war — den Erben oder sonst nahestehenden Personen angekommen sei. Einen buchhändlerischen, d. h. einen finanziellen Erfolg brauchten die Erben des ehemaligen Reichskanzlers wohl nicht ins Auge zu fassen; sie sind, wie wohl bekannt, recht gut gestellt und nicht, gleich den Hinterbliebenen so mancher Schriftsteller, auf den Erlös des Werkes angewiesen. Da mag denn die Vermutung, daß die Veröffentlichung der von dem fürstlichen Verfasser ein langes Leben hindurch gesammelten Erlebnisse unter Kaisern, Königen und Staatsmännern einem wohlüberlegten Plan entsprang, schon richtig sein.

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