Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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S-it- 886 Dr. Bloches WortzeyjchrM Sic. 26 Die «e«e Zeit. Das allgemeine Wahlrecht war ein eiserner Besen für Oesterreich. So viel sich au dem Rohblock von Wahlresultalen erkennen läßt, hat der Zorn des Volkes sich an den chauvinistisch-nationalen Parteien schwer gerächt, welche ihre Macht dazu benützt haben, um mit mitleidslosen Händen das gesunde Leben des Staates zu strangulieren. Die Helden der wechselnden Obstruktion sind stark in den Hintergrund getreten vor den Vertretern wirtschaftlicher Znteressen, die nationalen Flaggen sind bedeutend kleiner geworden als die breit heruiederwalleuden Fahnen rot und schwarz, wie es ja auch im Deutschen Reiche eingetroffen ist und für alle gleichen Fälle prophezeit werden kann. Auf keinen Fall ein Resultat, das für die Juden erfreulich sein könnte. Denn das Wirtschaftsprogramm der Sozialisten ist gegen den Mittelstand gerichtet, das politische Programm der Christlich-Sozialen gegen die Juden und in dieser schönen Mittelstellung dürfen wir erwarten, in ein Kreuzfeuer genommen zu werden. Dies umsomehr, als der größere Rest nationalen Bürgertums stark antisemitische Färbung besitzt, der Mahlgang ein letztes Röcheln des ohnehin schon altersschwachen und wertlos erklärten Freisinns war, dessen sieben Schwaben in der Jndenfrage immer einer den andern vorschieben werden. Die Christlich-Sozialen konnten den Traum, eine Reichspartei zu werden, nur zu einem kleinen Teile verwirklichen. Nichtsdestoweniger ist festzustellen, daß ihr Programm vom dummen Kerl von Wien auf den dummen Kerl in der Provinz an vielen Orten übergegangen ist und daß ihr Gedanke, den Völkerstreit auf die Juden zu lenken, an sehr vielen Orten Anklaug gefunden hat, wenn es auch nicht überall zum Siege gelangen konnte. Daß dies nicht ein Augenblickserfolg ist, sondern daß wir mit einer dauernden und erbitterten antisemitischen Partei zu rechnen haben, beweist uns die gewaltige Stärke des Zentrums im deutschen Reichstag, iu dessen intelligente Wählerkreise auf dem Lands eine Propaganda der Aufklärung viel eher und leichter dringen kann als auf unser Flachland, ohne daß sie eine Wirkung ausübte. Gegen diese Partei aus der Hut zu sein und ihr alle verfügbaren Kräfte entgegenzusteüen, ist eine so selbstverständliche Pflicht, daß man es kaum nötig hat, die Juden Galiziens darauf noch besonders aufmerksam zu machen, welche erst iu der nächsten Zeit zur Wahl schreiten. Die Gefahr ist umso größer, als die national-bürgerliche Partei der Antisemiten noch eine beträchtliche Stärke besitzt, und daß allen jüdischen Fragen ein starker judenfeindlicher Block gegenübersteht, dessen Mitglieder im Zeitalter des Radikalismus ihre politische Stellung durch einen billigen Radikalismus gegen die Juden werden befestigen wollen. Man darf sich nicht durch den ersten günstigen Eindruck bestechen lassen, dm die Erfolge der Sozialdemokraten gewiß bei sehr vielen Juden hervorgerufen haben. Um mit einer Voraussetzung die politische Lage klarer erscheinen zu lassen : Man wird trotz dem gutes Willen und den Anstrengungen der Sozialdemo- Ugtm und Freisinnigen vom kommenden Parlamente die Freigabe Hilsuers nicht erlangen, jede Art von judenfeindlicher Gesetzgebung aber mit Sicherheit. Man hat vor der Wahl sehr viel davon gesprochen, daß den reaktionären Parteien so wie früher einmal die vereinigten Liberalen aller Nationen und der anderen Parteien gegenüberstehen werden. Da hat man vornehmlich auf die Tschechen gerechnet und noch andere Berechnungen angestellt. Woher diese Hoffnung des Schutzjudeotums eigentlich gekommen ist, bleibt unerfindlich. Denn das tschechische Zentralorgau, die „Narodny Lisch", ist im Judeupuukt eine Konkurrentin des Vergauiblattes und stets haben sich noch alle allgemeinen politischen Gruppen wohl gehütet, die Popularität bei ihren christlichen Wählern durch ausdrückliche Judeufreuudlichkeit einzubüßen. Wir Juden werden selbst für unsere Angelegenheiten nach wie vor den Motor machen müssen, wenn auch das Verlangen nach Gerechtigkeit und Gesetzmäßigkeit — ein anderes jüdisch-politisches Interesse in Oesterreich gibt es nicht — durch das Erwachen einer fortschrittlichen Partei mehr Aussicht hat, Erfolge zu erzielen. Es ist wohl wahrscheinlich, daß die politische große Generaldebatte der großen Parteien sür's Erste unsere Schonzeit sein wird, aber auch im Laufe der langen Session wird sich Gelegenheit zu einer Erinnerung an uns im schlechtesten Sinne geben, und dann wird unseren speziellen Vertretern Gelegenheit genug geboten sein, ihre Wirksamkeit zu entfalten. Keinesfalls ist ein Grund vorhanden, in unserem Wahlkreise großmütige Geschenke an fremde Parteien zu machen. Diese einfache Forderung zu erfüllen, ist namentlich Sache der galizischen Juden, die sehr gut wissen, daß es entsprechend ihrer Masse gerade ihre wichtigsten Interessen sind, welche durch die Gewerbegesetzgebung und andere wirtschaftliche Maßnahmen am stärksten in Mitleidenschaft gezogen werden, daß es gerade ihre gesellschaftliche und politische Lage beeinflußt, wenn sie starke und freie Wortführer besitzen. In ihrem Willen liegt es, sich von Titel und Charakter eines politischen Moschkos zu befreien. Jedenfalls kann es nur Heiterkeit in der ganzen übrigen Welt Hervorrufen, wenn sie jemanden anderen ins Parlament schicken, als Männer, zu denen allein sie nach so langer Erfahrung Zutrauen haben dürfen, und das sind nur unabhängige, fähige und freie Juden. Diese werden in jüdischen Fragen zu einem Teil gewiß, zum anderen wahrscheinlich Beistand finden bei den jüdischen Vertretern, welche der I. und der V. Wiener Wahlkreis ins Parlament entsendet hat. Die Wahl des Ministerialrates Kamillo K u r a n d a wurde imKaiviertel nur von den Christlich- Sozialen bekämpft aber nicht verhindert und gab der deutschfreisinnigen Partei ihren einzigen Erfolg in Wien. Baron Hock am Alsergrund ist offizieller Demokrat, Dr. Ofner im V. Wahlkreis partejlss . mitdeutsKfreisinnigem H^ogr^mm. Es ist nun weniger der äußere Mißerfolg'als' der' innere Zerfall, der die deutschfreisinnige Partei anläßlich der letzten Wahl kennzeichnet. Statt alle Truppen gegen den gemeinsamen antisemitischen Feind heranzuziehen und den Antrieb auszunützen, den die letzte Wahl in Deutschland dem Freisinn gegeben hatte, wurde am grünen Tisch eine Diktatur in der Kandidatenfrage eingerichtet, jeder Bundesgenosse zurückgestoßen, das Programm für die neue Zeit aus dem alten Archiv hervorgeholt. Wahrscheinlich hätte sie auf diese Weise bei der Verdrossenheit aller Anhänger gar keinen Erfolg gehabt, wenn nicht schon längst mit einem stillschweigenden Gedankenkompromiß die deutschfreisinnige Wiener Partei hauptsächlich als Judenpartei angesehen wurde. Daher kam es denn auch, daß die deutschfreisinnigen Kandidaten ihr Deutschtum ganz ruhig in der Tasche behielten und daß nur ihre Gegner Mut fanden, von der germanischen Trikolore zu sprechen. Ein solcher Gegner war Dr. Julius Ofner, der in der Leopoldftadt mit dem Christlich-Sozialen in die Stichwahl kommt, seines Erfolges aber sicher ist, da er die auf andere Kandidaten zersplitterten Stimmen auf sich vereinigen muß. Herr Dr. Gustav Kohn ist gegen ihn unterlegen,. da er zu spät in den Wahlkampf eingetreten ist und in seiner prinzipiellen Erklärung keinen Unterschied zwischen seinem und Dr. Ofners Programm machte. Die Jüdisch-Nationalen stürmten eine verlorene Position mit vielem Elan, die Sozialdemokraten hatten nur eine Scheinkandidatur und beeilten sich noch am Wahltag, Dr. Ofner zu unterstützen. Natürlich kam der gewählte Mann nur durch die Juden auf seinen Posten. Man hat vor nicht allzu langer Zeit nicht gedacht, daß ein Vertreter der Assimilation als Vertreter der Leopoldstadt wird gewählt werden können. Nach der Luegerherrschaft und den östlichen Pogromen war der Gedanke des bewußten Judentums sehr stark und hätte auch zum Siege führen sollen. Wir wissen ja, welche Erfahrungen wir mit der Assimilation gemacht haben und haben etwas nationalen Egoismus schon gelernt. Durch Selbsthilfe wollten wir das