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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-10 · 19 (10.5.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 322 Dr. Llocv's MocoenscdrlN. Nr. 19 der Zweck des Züchtungsvorganges gewesen ist. Es ist bekannt, daß die lebende Substanz so plastisch ist, daß die unglaublichsten Variationen in verhältnismäßig kurzer Zeit erzielt werden können. Man kann Pferde auf Zugkraft oder Geschwindigkeit, Hunde auf Größe und Kleinheit, bestimmte Färbung und bestimmte Eigenschaften, z. B. Jägereigenschaften, Tauben auf fast jede beliebige Form und Farbe züchten usw. Die Bedingungen find immer dieselben: Geeignete Auswahl der Eltern und Isolierung der Zuchtprodukte gegen die Kreuzung mit solchen Exemplaren, die die gewünschten Eigenschaften nicht besitzen. Hieraus geht klar hervor, daß auch Menschenrassen nur dann zu bestimmten, charakteristischen Eigenschaften des Leibes und der Seele gelangen können, wenn die Natur oder die Geschichte selbst als Züchterin beiden Postulaten genügt. Aber beide Postulate find in der freien Natur viel schwerer zu erfüllen, als im Garten oder Stall des Züchters. Schon die Auswahl der Eltern ist unverhältnismäßig schwieriger, denn die Natur hat auch die weniger „edlen" Wesen mit leistungsfähigen Zeuguugsorganen versehen, deren sie sich rückfichtslos bedienen, wenn kein menschlicher Wille vorhanden ist, der fie abschließt, tötet oder der Organe beraubt. Und aus demselben Grunde ist eS unverhältnismäßig schwierig, die schon einmal durch irgend welchen Zufall erreichte Veredelung der Rasse vor ihrer Wiederzerstörung durch die „Panmixis" (allseitige Blutmischung) zu bewahren. Um diesen Schwierigkeiten gedanklich auSzuweichen, haben einige neuere Rastentheoretiker eine Konstruktion ersonnen, die an Kühnheit der Phantastik Jules Verne weit hinter sich läßt. Sie benutzen die Eiszeit als veus ex machina. Die Vorstellung ist die, daß eine Gruppe der primitiven Menschen, die noch sehr tief in der Kultur standen, durch die erste Eiszeit in einem Polargebiet abgeschlossen worden seien; hier habe hie Härte und Rauhigkeit des Klimas, die Schwierigkeit der Lebensfürsorge die schlaffen und schwachen Elemente vernichtet und nur die besten und stärksten, energischesten und tatkräftigstenübriggelaffen. Da die Eisbarre das Eindringen der südlichen Verwandten tausende von Jahren wirksam verhinderte, so hat sich hier allmälig in der glücklichen Isolierung eine höhere Raffe mit festen, guten Kennzeichen entwickelt, die dann, ganz wie bei echten Zuchtrasscn, stabil, konstant blieb. So entstand aus der schwarzen, noch sehr affenähnlichen Urraffe die gelbe Raffe. Die zweite Eiszeit schloß dann wieder einen Teil der gelben Raffe ab und züchtete sie zur Weißen Raffe und schließlich entstand durch die dritte Eiszeit die Raffe der Raffen, die Edelblüte der Menschheit, die Germanen. Diese ganze Theoretik beruht auf höchst unzuverlässigen Grundlagen: aber Herr Driesmanns, ihr begeisterter Verfechter, spricht mit einer Sicherheit von all diesen Dingen, als wäre er höchst persönlich während der ganzen Epoche zugegen gewesen und könne die Länder dieser dreifachen Abschließung auf Breiten- und Längengrad und die Daten auf Jahr und Tag angeben. Das Gute bei dieser ganzen Theorie ist nur das, daß fie uns die Hoffnung übrig läßt, es könne auch noch nach den Germanen eine noch edlere Raffe von Nietzfche'fchen Uebermenschen entstehen. Denn die Möglichkeit, daß noch einige Eiszeiten kommen, ist ja gottlob nicht gänzlich ausgeschlossen. Kehren wir zu unserer modernen Rassentheorie zurück! Ihre Anhänger haben einen ungeheuren Fleiß und Scharffinn darauf verwandt, somatische Unterschiede aufzufinden, mit deren Hilfe aus der Mischung der modernen Völker die einzelnen Bestandteile wissenschaftlich ausgeschieden werden können. Das einzige Merkmal, das schließlich überzubleiben schien, war die Schädelform. Man fand in alten Gräbern, die als rein germanisch mit mehr oder weniger Recht angesprochen wurden, vorwiegend Schädel von dolichocephaler Form, die auch in den vorwiegend von germanischen Stämmen bewohnten Ländern des Nordens überwiegen sollen, und man hat nun alle möglichen Anstrengungen gemacht, um mit diesem einen Merkmal in das Chaos der Raffenmischung Ordnung zu bringen. Das Endergebnis ist schließlich rein negativ gewesen. Es hat sich nach jahrzehntelanger Arbeit herausgestellt, daß noch nicht einmal eine sichere Methode der Messung existiert, so daß die Resultate verschiedener Untersucher gar nicht mit einander vergleichbar sind; vergleichbar sind nur die von dem gleichen Untersucher mit der gleichen Methode erhobenen Ergebnisse und diese haben nichts Bleibendes und Brauchbares ergeben. Dasselbe gilt in verstärktem Masse für die den anderen Körperteilen zugewandte Forschung. Der Kuriosität halber mag erwähnt werden, daß ein Anatom versucht hat, das scheinbar charakteristischeste aller Rassenorgane, die Judennase, wissenschaftlich zu fixieren. Aber eine auf äußere und innere Form erstreckte minutiöseste Untersuchung hat weder einen nur für die jüdische, noch einen nur für die arische Nase charakteristischen Zug ergeben. Trotz dieses Bankerotts der kraniometrischen Raffenforschung halten immer noch viele an ihr fest und bilden sich sogar ein, damit auf festem wiffenschastlichen Boden zu stehen. Ammon, eine der wunderlichsten Pseudogelehrten-Figuren der Gegenwart, hat auf die Differenz der Schädelform sogar eine ganze soziale Theorie gegründet. Nach seiner Behauptung ziehen die Langschädel, als die edleren tatkräftigeren Elemente, vorwiegend in die Städte, während die Rundschädel, durch ihre Raffenträgheit zurückgehalten, vorwiegend auf dem Lande bleiben. Umfragen bei Hutmachern über die gebräuchlichsten Hutweiten spielen in diesen Untersuchungen eine groteske Rolle. Nun ist aber das Schlimmste, daß die sogenannten edlen Raffeneigenschaften sich auch bei unedlen Raffen finden. Selbst angenommen, der reine Germane sei dolichocephal und hochgewachsen, langbeinig gewesen, so erscheinen diese hypothetischen Vorzüge dennoch in einem eigentümlichen Lichte, nachdem es sich herausgestellt hat, daß viele Negervölker noch dolichocephaler und noch langbeiniger sind. So haben denn die gescheiteren unter den Raffentheoretikern diese völlig unhaltbare Position, nämlich die Lehre von den wohl charakterisierten leiblichen Unterschieden zwischen Herrenraffen und unedlen Raffen mit mehr* oder weniger Entschieden- > > heit aufgegebeu. Aber auf die-Theorie selbst wollten und konnten fie darum nicht verzichten. Denn diese „Theorie" ist ein Postulat ihres Gefühles, ihres Willens, ist gleichzeitig dasjenige, was die deutsche Sprache grob und deutlich als den Stolz des Narren auf seine Kappe bezeichnet, und das Mittel, gewisse Klassen- und Standesvorrechte zu rechtfertigen und aufrecht zu erhalten. Und so baut denn der bedeutendste und gefährlichste dieser Pseudogelehrten, Houston Stewart Chamberlain, seine Raffentheoretik nicht mehr auf anatomischen, sondern auf psychologischen Kennzeichen auf. Wir werden diese Grundlagen sofort unter die kritische Lupe nehmen. Zunächst wollen wir feststellen, daß seine Theorie trotz Entwicklungslehre und Ethnographie der Gobineauschen außerordentlich ähnlich ist. Auch Chamberlain stellt eine Geschichtsphilosophie auf, die wesentlich darauf hinausgeht, die zyklischen Katastrophen der Antike zu erklären; auch er sieht in dem Verfall der Herrenrasse durch Bastardierung mit den niederen Rassen die Ursache des Verfalls, auch er erkennt im Germanen den Edelmenschen Kar* e£ox?)v, den geborenen Herren, ist also Germanomane wie Gobineau; und auch er prophezeit mit dem Verfall des Germanentums der letzten reinen Raffe des Planeten, durch Bastardierung den Zusammenbruch aller Kultur, den Verfall aller edleren Menschlichkeit. Nur ein wesentlicher Unterschied besteht, abgesehen von den schon berührten Verschiedenheiten der wiffenschastlichen Grundauffaffung, zwischen dem älteren und dem jüngeren Vertreter der Germanomanie. Gobineau, der sich als adeliger Germane im Gegensatz zu den beherrschten Kelten empfand, definierte den Begriff des Germanen im engsten Sinne im Gegensatz zu Kelten und Slaven ebenso gut, wie zu Romanen, Mongolen und Semiten. Chamberlain aber, der englischer Abstammung ist und unmöglich wissen kann, ob nicht bedeutende Quantitäten Keltenblutes in seinen Adern rollen, läßt diesen, für Gobineau gerade entscheidenden Unterschied unter den Tisch fallen. Er faßt den Begriff des Germanen in einem ganz neuen, viel weiteren Umfang; für ihn ist der Germane identisch, mit dem »domo enropäus", dem blonden, langschädligeu Nordeuropäer; seine Edelraffe ist der „Kelto-Germano-Slave".

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