Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blocb’s twiocbenacbrm. Sette 321 . Prosnitz. (P r ä.mri e run g.) Die bekannte Konfektionsfirma Brod u. Frankl in Proßnitz ist von der Jury der Internationalen Ausstellung für Hygiene in Paris mit dem Ehrendiplom nebst Kreuz und der Goldenen Medaille prämiiert worden. Aufruf. Hochverehrter Herr! Gefertigter unterbreitet die Bitte um gütige Berücksichtigung eines armen, jüdischen Schloss e r g e selten, welcher einen schweren Unfall erlitt. Ein jüdischer Schlossergeselle, derzeit im Rudolfspitale, erlitt beim Hämmern eine starke Verletzung des rechten Auges, wodurch selber die Sehkraft verlor, so daß selber nur auf das linke Auge angewiesen ist und durch diesen Umstand nicht mehr sein Handwerk ausüben kann. Vielleicht fände sich ein edler Chef, der diesen jungen Mann zu leichtem Dienste verwenden könnte, da derselbe äußerst fleißig, ehrlich und verwendbar ist. Ihnen, hochgeehrter Herr, dankt schon heute für die Verwendung ergebenst L. Ullmann, Oberlehrer, II., Czerninplatz 3. Feuilleton. „Das Vortrag des Herrn Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin, gehalten am 1. März 1907 im Festsaal des Gremiums der Kaufmannschaft in Wien, im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. (Fortsetzung.)' Diese Theorie hat den Vorzug, in sich einigermaßen geschlossen zu sein und mit den Tatsachen einer sehr großen Geschichtsepoche in leidlicher Übereinstimmung zu stehen, nämlich mit der Epoche der sogenannten mittelländischen Kultur unseres „Altertums". Diese „zyklischen Katastrophen", wie ich sie genannt habe, dieses schnelle Entstehen von mächtigen Reichen, die nach kurzer, märchenhafter Blüte reißend verfallen, um-sofort von anderen, ebenso blühenden- Reichen abgelöst zu werden, die in kurzer Zeit das gleiche Schicksal vollenden: das ist in der Tat die Quintessenz der antiken Geschichte, das ist das Schicksal der Egypter, Babylonier, Meder, Perser, Griechen, Römer, Mongolen, Türken; immer überlagert eine Schicht die andere, immer wieder setzen sich starke, reinblütige Wildstämme als Herren über schwach gewordene bastardierte Kulturvölker. Diese Theorie hat also unzweifelhaft etwas Bestechendes, und man konnte sie zu ihrer Zeit immerhin als eine wissenschaftliche Leistung gelten lasten. Heute ist das nicht mehr möglich! Die Grundlagen, von denen Gobineau ausging, sind nicht mehr gegeben. Er lebte in der vordarwinschen Zeit, seine Auffassung war noch beherrscht von der Idee, daß jede Art, jede Varietät, jede „Rasse" für sich durch einen eigenen Schöpferakt fertig in die Welt gestellt sei, mit ganz bestimmten Eigenschaften des Körpers und der Seele. Es war im Geiste seiner Zeit und vom Standpunkt der damaligen Wissenschaft durchaus einwandfrei, wenn Gobineau annahm, daß auch die menschlichen Rassen, jede für sich als „gute Art" durch einen solchen Schöpferakt entstanden seien, und so konnte er nicht nur Neger, Gelbe und Weiße, sondern auch Gräcoitaliker, Kelten, Germanen und Slaven als eigene, wohl charakterisierte, leiblich und geistig durch „gute Kennzeichen" von einander geschiedene, vom Anfang an differente Rassen auffasten. Diese Grundlage seines Denkens ist heute geschwunden. "Unsere ganze Zeit wird beherrscht von dem Gedanken der Entwicklung. "Ob wir uns heute noch zu Darwin selbst bekennen, der die Entwicklung der Arten aus einander durch die Auswahl des Passendsten im Kampfe ums Dasein sich vollziehen sah, oder ob wir mehr geneigt find, mit Lamarck der Anpassnng des Lebens an sein Milieu die Hauptrolle in diesem gewaltigen Prozesse zuschreiben, unerschütterlich feststeht und die Tatsache, daß Arten, Varietäten und Raffen nicht durch je einen eigenen Schöpferakt entstanden find und sich seitdem als unverändert und unveränderlich erhalten haben, sondern daß eine aus der anderen durch langsame Entwicklung entstanden ist. Und wie das für die Tier- und Pflanzenwelt gilt, so gilt es auch für die Menschenrassen: auch sie find kein Anfang, sondern ein Ende, auch sie nicht unveränderlich, sondern im höchsten Maße bildsam und anpassungsfähig. Vor allen Dingen aber wiffen wir heute mit aller Bestimmtheit, daß alle sogenannten Rasten, alle Stämme, Völker, Nationen usw., die geschichtlich handelnd aufgetreten find, schon als Ergebnisse einer starken Mischung verschiedener ethnischer Elemente die Bühne der Geschichte betraten. Vielleicht find die ersten Menschen schon an verschiedenen Stellen der Erde aus ihren untermenschlichen Vorfahren entstanden, wie die polyphyletische Theorie es behauptet; aber selbst wenn die ganze Menschheit, mit all ihren Unterschieden der Farbe und der übrigen leiblichen Charakterzüge, aus einem Urmenschenpaar entstanden sein sollte, wie es die monophyletische Theorie behauptet, selbst dann ändert sich nichts an der Tatsache der überaus bunten Mischung der Elemente innerhalb jeder Einheit, die uns als Raste oder Stamm historisch entgegentritt. Denn jene ersten Horden der grauen Urzeit, die als Pflanzensammler. Jäger und Fischer in der Oede schweiften, konnten aus Gründen der Nahrungsversorgung nie über eine bestimmte, sehr kleine Kopfzahl hinauswachsen. Sobald die Horde diese Zahl überschritt, mußte eine Teilung sich vollziehen; die Verwandten zerstreuten sich allmählich über ungeheuere Strecken, erhielten in der Anpastung an verschiedene Bedingungen der umgebenden Welt andere Charakterzüge des Leibes und der Seele und wurden so zu verschiedenen Rasten. Als sie nach einer unschätzbar langen Zeit auf höheren Stufen wieder zusammentrafen, waren sie so verschieden geworden, daß ihre Durchdringung eine echte ethnische Mischung bedeutete. Je weiter dann die Kultur schritt, je mehr sich die ehemals abgesonderten Bevölkerungseinheiten durchdrangen und zu höheren Einheiten aufbauten, um so intensiver wurde die Durchmischung der verschiedenen völkischen Bestandteile, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Völker im engeren Sinne, die großen geschichtsbildendeu Elemente, überall die Komponente zahlreicher Mischungen aus Unterelementen darstellten, die ihrerseits wieder durch Mischung entstanden waren. Ein Blick auf die modernen Kulturvölker beweist das auf das Schlagendste. In Frankreich, England. Deutschland, Oesterreich, in den Vereinigten Staaten find überall mindestens drei, häufig mehr sogenannte Rasten innig durcheinander gemischt: Romanen,' Kelten, Germanen dort, Kelten, Germanen, Slaven hier, zu denen baskische, lettische, magyarische und, wenn denn die Juden durchaus Semiten sein sollen, auch semitische Elemente getreten find. Aber ° auch die sogenannte semitische Abkunft der Juden ist nur eine Teilwahrheit. Schon im heiligen Lande selbst zur Zeit ihrer Unabhängigkeit waren sie gewiß aus mindestens drei verschiedenen Rassenelementen zusammengemischt: echten Semiten, arischen Weißen und Hethitern, zu denen dann, während der hellenistischen Zeit und namentlich während des Exils, lehr starke griechische, römische, afrikanischberberische usw. Einschläge kamen. Somit hat sowohl die naturwissenschaftliche, wie auch die geschichtsethnographische Forschung des letzten halben Jahrhunderts die Grundlage des Gobineau'schen Gedankenganges völlig zerstört. Wenn es überhaupt Rasten gibt, so gibt es doch keine Raffen im Sinne einer von Anfang an wohl charakterifierten, durch keine Blutmischung veränderten menschlichen Spielart. Und so hat denn die neuere Raffentheoretik ihr Lehrgebäude auf den modernen, naturwissenschaftlich-ethnographischen Begriff der Menschenrasse aufbauen müssen. Der Züchter spricht heute von Pferde-, Tauben-, Hunde«, Rosen-„Raffen". Er weiß, wie fie entstehen, denn er macht fie selbst. Eine Raffe entsteht dadurch, daß man ausgewählte Eltern miteinander kreuzt, von dem Nachwuchs die geeignetsten Exemplare auswählt, wieder mit einander kreuzt usw., bis diejenigen Eigenschaften wohl ausgebildet find, deren Erzielung