Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021730--16367-3041183- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 316 Dr. JBlocb’s Mlocvenscvrm. Nr. 19 Sehr reich war auch der Alabarch Demetrius?) In der Apostelgeschichte wird ein alexandrinischer Jude als Schatzmeister der äthiopischen Königin Kandake genannt?) Die blutigen Verfolgungen, unter welchen die alexandrinischen Juden wiederholt zu leiden hatten, namentlich aber die Verfolgung im Jahre 116 bis 117, wo sie fast gänzlich aufgerieben wurden?) legten ihre wirtschaftliche Tätigkeit für lange Zeit lahm. Seit dem Blutbade vom Jahre 117 geschieht von den Juden in Alexandrien durch mehr als zwei Jahrhunderte keine Erwähnung, ein Beweis, daß ihre Bedeutung tief gesunken war. Erst um das Jahr 390 tauchten sie in den Geschichtsquellen auf, und zwar existiert aus diesem Jahre ein Gesetz von Teodofius, welches die Angelegenheiten einer jüdischen Schifferzunst (Judaeoriiiii corpus .... ad navicnlariam functionem) in Alexandrien regelt, von welchen man aber nicht recht weiß, ob es für sie günstig oder ungünstig sein sollte?) Um das Jahr 415 wurden sämtliche jüdischen Einwohner halb nackt aus Alexandrien vertrieben; ihr Vermögen wurde von der beutelustige» Menge geplündert?) Wohin sich die exilierten, einst durch ihren Glanz und Reichtum weit bekannten alexandrinischen Juden gewendet und bei welcher Gelegenheit sie zurückgekehrt find, verschweigen die Quellen. Von der wirtschaftlichen Betätigung der auf dem Festlande und den unzähligen Inseln von Griechenland ansäßigen Juden kann nicht bestimmt gesagt werden, welche Richtung sie angenommen hat. VonBermutungen wollen wir uns lieber zurückhalten. Das aber steht fest, daß sich die griechischen Juden am Anfang des Mittelalters und auch weiterhin keineswegs mit Handel befaßt haben, sondern daß ihre wichtigsten Erwerbszweige Ackerbau, Bienenzucht und Seidenspinnerei gewesen sind?) Für jüdischen Handel war im byzantinischen Reiche überhaupt nur sehr wenig Spielraum, zumal die byzantinischen Kaiser den Handel mit den eigentlichen Massenwaren wie Seide, Wein, Oel, Korn und allen sonstigen Lebensmitteln zum kaiserlichen Monopol gemacht hatten?) Suchen wir die Spuren jüdischer Gemeinden im. weiteren Westen Europas auf, ' so kommt hauptsächlich Italien in Betracht. Von hier aus ergoß sich der jüdische Emigrantenstrom nach Spanien, Gallien und Germanien. Es muß daher die genauere Erforschung der Vermögensverhältnifse der italienischen Juden über die Möglichkeit eines Herüberrettens jüdischer Kapitalien von der versinkenden Alten Welt ins Mittelalter Licht verbreiten. Gewöhnlich werden per analogiam die Juden im westlichen Römerreiche als die Träger jener umfassenden Geldwirtschaft bezeichnet, wie sie hier einige Jahrhunderte vor der Völkerwanderung ausgebildet war. Die uns überlieferten Quellen können aber dazu keineswegs berechtigen. Die soziale Lage der Juden in Italien war im allgemeinen eine recht ungünstige. Durch die bedeutenden Erhebungen ’) Daselbst, XX, 7, 3. *) Vgl. Herzfeld, Handelsgeschichte der Juden im Altertum, p. 238. 3) Vgl. Grätz, Geschichte der Juden, IV, 3, Kapitel 6, p. 107—119. <) Daselbst, IV, 3, p. 358 f. 5) Daselbst, IV, 3, p. 362. 6) Ein Responsum der Gaonim^ Nr. 230 (Schaare Teschubah) zwischen 860—869 bezieht sich auf die Bienenzucht der griechischen Juden. König Roger II. von Sizilien brachte von einem Streifzug jüdische Seidenweber aus Griechenland mit nach Sizilien, um durch sie die Seidenweberei etnzuführen. (Pertz, Monum. Germ. V, 192.) In seinen Reisebeschreibungen erzählt Benjamin von Tudela (ediert von Grunhut und N. Adler, Jerusalem 19< 3): In Crissa wohnen 200 jüdische Familien, die am Fuße des Parnaßberges ihr Quartier haben. Sie säen und ernten, denn sie besitzen eigene Ländereien (p. 13). In Theben wohnen 2000 jüdische Familien, die die geschicktesten Seiden- und Purpurfabrikanten von ganz Griechenland sind (p. 13). Die Beschäftigung der Juden in Bissens besteht in Seidenweberei (p. 14). Unter den Juden in Konstantinopel gibt es Seidenfabrikanten, viele Kaufieute und viele Reiche (p. 19). ') Vgl. Hüllmann, Geschichte des byzantinischen Handels. des üseuL iudaieus materiell ausgebeutet, durch eine große Zah neuer, meist mittelloser Ankömmlinge in eine noch tiefere materielle Lage herabgedrückt, bildeten die Juden in Rom ein zahlreiches Proletariat. Ein großer Teil ernährte sich kümmerlich vom ärmlichsten Hausierhandel. „Für die Juden — spottet Juvenal *) — ist ein Bündel Heu und ein Tragkorb der ganze Hausrat." Aehnlich klingt eine Satire von Martial^): „Es bettelt der Hebräer und nicht ruht das Triefaug, das die Schwefelhölzchen feilbeut." Viele römische Juden machten aus der Traumdeuterei und Wahrsagerei ein Geschäft, eine höhere Form der aufdringlichen Bettelei, welche Juvenal^) an den Juden nicht genug zu tadeln weiß. Aus dem Umstande, daß in Rom der Kleinhandel vorwiegend in den Händen der Freigelassenen war, folgert Herzfeld, daß sich mit ihm die zahlreichen Juden befaßten, welche in dem Quartiere „jenseits des Tiber" wohnten*); sie waren nämlich ursprünglich als Kriegsgefangene nach Rom gebracht und dann in Masse freigelassen worden. Doch scheint uns diese Masse nicht ganz zutreffend zu sein, da bekanntlich in dem transtiberinischen Judenviertel sich Gewerbebetriebe wie Gerbereien, Salbenfabriken * 2 3 4 5) u. dgl. befanden, woraus man folgern kann, daß die jüdischen libertini sich mit jenen Gewerben, die in der inneren Stadt nicht geduldet wurden, befaßt hab^l. Hingewiesen sei noch auf einige in den jüdischen Koemeterien in Rom gefundene Inschriften, welche aus der späteren Römerzeit stammen und in welchen einige Juden als Handwerker genannt werden.6 7 8 9) Anderwärts werden jüdische Fleischer, Schneider, Schmiede erwähnt?) Wohl berichtet uns eine Quelle, *) daß sich manche reichere Juden in Rrm mit Handel befaßt haben, doch kann man schwerlich annehmen, daß dieser Handel von größerer Bedeutung gewesen, zumal es die Syrer und wahrscheinlich auch die alexandrinischen Juden waren, welche der Siebenhügelstadt die Luxusartikel des Orients zuführten. Schließlich kann schon aus dem Umstande, daß die alexandrinischen Juden — wie früher erwähnt— die Geschäftsträger von Angehörigen der kaiserlichen 'Füniilie gewesen, gefolgert Werden, büß bei 1>en römischen Juden wohl keine größeren Kapitalvermögen zu vermuten sind. Auch die in Spanien und in der Provinz Germania in später Kaiserzeit sich vorfindenden Juden sind keineswegs als handeltreibende jüdische Kolonien aufzufassen. Gelegentlich werden im Kodex Teodorici (XII, 1,157—158) jüdische Kurialen genannt, die in Köln (Mitte des IV. Jahrhunderts n. Ehr.) ihr Amt bekleidet haben. Dieselben dürften — wie mit Recht G. Caro vermute?) — possessores gewesen sein, da die wichtigste Aufgabe der Kurialen das Einziehen der Grundsteuer war und zu solchen sich nur angesehene Possessoren eigneten. Wenn wir nun das bisher Gesagte zusammenfassen, so ergibt sich daraus: Größere Reichtümer find während des Zusammenbruches des römischen Reiches nur bei den Juden des weiten Ostens vorzufinden, u. zw. bei den durch Großgrundbesitz und kapitalistische Geldgeschäfte, wie Zollpachten, bereicherten Juden in Babylonien. Die durch das Kaufmannskapital im Handel akkumulierten Vermögen der alexandrinischen Juden waren am Anfang des V. Jahrhunderts völlig ausgeplündert. Bei den vorwiegend im Handwerk und Kleinhandel betätigten weströmischen Juden kann naturgemäß nur sehr geringes mobiles Vermögen vermutet werden. Ob es aber speziell den italienischen Juden gelungen ist, ihr doch nur geringes Sachvermögen während der schreck- ') Juvenal, Satir. III, 14, VI, 542. 2) Martini, Epigramme, XII, 57. 3) Juvenal, Satir. III, 16. 4) Herzfeld, Handelsgeschichte der Juden im Altertum, p. 266. 5) Vgl. Vogelstein-Rieger, Geschichte der Juden in Rom I, p. 61. 6) Daselbst, p. 62. 7) Berliner, Die Inden in Rom, I, p. 98. 8) Hippolyt, Philosoph, IX, 12. 9) G. Caro, Die Juden in ihrer wirtschaftlichen Betätigung im Mittelalter (Abdruck des Vortrages in: Monatsblätter für Geschichte des Judentums, herausgegeben von Brann, 1894, p. 423).