Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Vr. BIvch's Wochenschrift. Sette 315 die wirtschaftliche Betätigung der palästinischen Juden einige Zeit lang zurückgetreten sein. Aber allmählich erholte sich das Volk und entfaltete im Frieden seine wirtschaftliche Tätigkeit vornehmlich in zwei Richtungen: Ackerbau und Handwerk. Der Handel der palästinischen Juden und ihre Geldgeschäfte find „nur in bescheidenen Grenzen" nachweisbar '). Daß aber viele von den Juden in Palästina sich in den friedlichen Jahren zu Vermögenemporgearbeitet hatten, folgt aus dem günstigen Los der Schristgelehrten der damaligen Zeit, unter welchen mehrere mit Reichtümern gesegnet waren. Von den außerordentlichen Glücksgütern des Patriarchen R. Jehuda I. (2. Hälfte des II. Jahrhunderts) sagte man sprichwörtlich, seine Viehställe hätten mehr Wert als des persischen Königs Schatzkammern3). Weit bekannt waren auch die großen Schätze R. Judas II.3). Herrschte doch einige Zeit lang unter den palästinischen Juden ein förmlicher Handel mit Lehrämtern, zu welchen „silberne und goldene Götzen" befördert wurden 4). Um so bezeichnender ist die Umwandlung, welche in Palästina nach der Teilung des römischen Reiches in das westliche und morgenländische eingetreten. Ein unerträglicher Steuerdruck, der auf den palästinischen Juden in deN Formen von Getreide- und Viehlieferungen, Kopfgeld, Tribut, Gewerbesteuer (^puaapyuptov) hastete, erzeugte unter ihnen eine derartige Armut, daß im IV. Jahrhundert n. Chr. die Patriarchen ihre Würde nicht mehr aus eigenen Mitteln bestreiten konnten und sich an die auswärtigen Gemeinden um Unterstützung durch Beiträge wenden mußten 5). Der Steuerdruck rief sogar eine Erhebung der Juden (352) hervor; doch als dieselbe niedergeworfen war, wurden bald neue Schätzungstafeln ausgeschrieben, die den Steuerdruck noch erhöhten 6). Die Armut der Juden in Palästina am Ausgang des IV. Jahrhunderts wird durch den Verfall der ernsten Studien gekennzeichnet. „In früherer Zeit, als das Gold noch häufig war", sagt ein zeitgenössischer Agadist, „wendete man sich der Halacha zu; jetzt aber, wo das Geld selten geworden und man fich schwach vor Leiden fühlt, hört man nur auf die Segens- und Trostsprüche (der Agada)" 7 8 9 10). AMrAMr..es,.um Welbe -Zett .im.weiteren,, Osten, in. Babylonien. Hier blühte ein förmlicher jüdischer Staat, dessen öffentlicher Träger der Exilfürst war. Die Beschäftigung der babylonischen Juden war vorwiegend Ackerbau und Handwerke aller Art. Da es damals noch viel herrenlose Grundstücke in der Euphratgegend gab, durfte sich jeder, der fich verpflichtete, davon Grundsteuer zu zahlen, Grund und Boden aneignen?) Manche babylonischen Juden erwarben wieder große Reichtümer durch großkapitalistische Geldgeschäfte, wie Zollpachten?) Von den reichen babylonischen Juden werden gelegentlich genannt: Chama bar Aquilai (Ende des III. Jahrhunderts), Huna bar Chija, der Vorsteher der suranischen Akademie, dessen Herden in den Steppen Südbabylottiens weideten, Raba bar Joseph bar Channa (IV. Jahrhundert) und viele andere. Die reichen Juden bildeten hier gewissermaßen eine eigene Kaste, eine Patrizierklasse?") Wie stand es mit den westlich von Palästina zerstreuten Juden? Daß die jüdischen Emigranten vorzugsweise Handeltreibende waren, kann durch ausdrückliche Zeugniffe nicht bewiesen werden.") Völlig abwegig ist die Hypothese Kiesselbachs, daß die Juden schon frühzeitig in die Stelle und Rolle der Phönizier getreten sind, „indem sie nichts nur unter den Römern den merkantilen Zusammenhang der Alten Welt aufrecht erhielten, sondern auch die ersten Verzweigungen des asiatischen Verkehrs in das beginnende Ackerbauleben des inneren Europa vermittelten." l) Diese Behauptung will Kieffelbach durch Belege bewiesen haben, die von „syrischen Kaufleuten" sprechen. Letztere find aber keineswegs mit den Juden identisch. Die Syrer (negotiatores syrici) waren tatsächlich noch bis zum Ausgange des VIL Jahrhunderts* 2) der einzige Kaufmannstand, von dem man behaupten kann, daß er das Bindeglied zwischen Asien und Mitteleuropa bildete. „Bis heute wohnt in den Syrern ein solcher eingeborener Geschäftseifer," sagt Martian an einer Stelle in seinen Erklärungen zu Ezechiel3) „daß sie des Gewinnes wegen die Erde durchziehen; und so groß ist ihre Lust, zu handeln, daß sie überall innerhalb des römischen Reiches zwischen Kriegen, Mord und Totschlag Reichtümer zu erwerbe« trachten." Diese Worte können lediglich auf die Handelstätigkeit der negotiatores syrici schließen lassen, nicht aber darauf, daß die Juden „frühzeitig von den Phöniziern den Kapitalismus übernommen" hätten. „Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt", sagt Franz Delitzsch 4) ..zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem I. christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken." Die Vorliebe der Juden für den Ackerbau bezeugt unter anderem der Spruch des großen Amora Rab (erste Hälfte des III. Jahrhunderts n. Chr.): „Lieber ein kleines Maß vom Felde, als ein großes vom Warenlager."3) Das Ergebnis gründlicher Forschungen zusammenfassend, sagt von den Juden des Altertums der berühmte Handelsrechtsforscher L. Goldschmidt: „Ein Handelsvolk war das jüdische Volk (im Altertum) nicht."') Was aber Herzfeld in seiner Handelsgeschichte der Juden im Altertum von dem Handel der nach dem Verfalle des jüdischen Staates in Südeuropa und Egypten zerstreuten Juden zu sagen weiß, find zum größten Teile Vermutungen, die fich darauf stützen, daß in den Ländern ihres Aufenthaltes ein Handel blühte, dem sich wahrscheinlich auch Juden zugewendet. Eine ausgeprägte Handelsrichtu.ng i.n..der wirtschaftlichen Betätigung der Juden am Ausgang des Altertums ist nicht nachweisbar. Die Juden bildeten nirgends im Römerreiche eine von der übrigen Bevölkerung wirtschaftlich geschiedene Klaffe, wie es im Mittelalter der Fall war. Wo es anging, wendeten sie fich der gewiffermaßen ererbten Beschäftigung, dem Landbau, zu oder nahmen an den landesüblichen Industrien Anteil. Nur für die alexandrinischen Juden ist im Altertum eine regere Anteilnahme am Handel und an Geldgeschäften nachweisbar. So erwähnt Philo7) ausdrücklich Schiffsherren und Großhändler unter den dortigen Juden. Mit Erlaubnis der egyptischen Regierung waren diese zu Aemtern zugelaffen, wie die Kornverwaltung, was auf gewiegte jüdische Kornhändler hinweist. Auch übten sie eine gewiffe Aufsicht über die Meeres¬ und Flußschifffahrt aus?) Einen großen Teil ihrer Vermögen hatten die alexandrinischen Juden vornehmlich durch Zollpachtungen erworben. So berichtet Josephus"), ein jüdischer Steuerpächter hätte einem gewiffen Arion 3000 Talente anvertraut. Besonders begütert waren die jüdischen Vorsteher in Alexandrien, die Alabarchen. Der Alabarch Alexander gewährte dem König Agrippa ein Darlehen von 200.000 Drachmen'"); derselbe war auch Geschäftsführer der Mutter des Kaisers Claudius?') 1) Herzfeld, Handelsgeschichte der Juden des Altertums. Braunschweig, 1879, pag. 165. 2) Grätz, Geschichte der Juden, IV, 1, p. 232. 3) und 4) Daselbst. IV, 1, p. 277. 5) Grätz, Geschichte der Juden, IV, 3, p. 281. •) Daselbst, IV, 3, p. 315. 7) Canticum Rabba zu 1, 6. — Vgl. Grätz, IV, 3, p. 366. 8) Grätz, IV, 3, p. 254. 9) Vgl. daselbst p. 323. 10) Vgl. daselbst p. 334. ") Friedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Noms, 1888/1890, p. 571. ') Kieffelbach, Der Gang des Welthandels, p. 25. *) Scheffer-Boichorst, Zur Geschichte der Syrer im Abendlande. (Mitteilungen des Instituts für ö'sterr. Geschichtsforschung, VI.) 3) Vgl. Kieffelbach, Gang des Welthandels. *) Franz Delitzsch, Jüdisches Handwerkerleben zur Zeit Jesu (Erlangen 1879), p. 25. 5) Pesachim. 113a. ') L. Goldschmidt/ Universalgeschichte des Handelsrechtes, 1891, I, p. 52. ,) Philo, In Flaccum, ß 8. 8) Josephus, Contra Apionem, II, 5. 8) Josephus, Antiquitates, X. 4, 7. 'o) Josephus^Antiquitates, XVIII, 6, 3. ”) Daselbst, XIX, 5, 1.