Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 L>r. Llocb s Mocvenscvnrr. Seite 311 Rechtschutztätigkeit im allgemeinem jüdischen Interesse und in Einzelfällen (Hilsner, Jacob Stern, Hetzpresse rc.) und einem Auszug aus dem Kassastand bringt der Bericht eine eingehende Würdigung der politischen Situation, Nachrichten über die Intervention der Union für eine jüdische Interessenvertretung in den Sudetenländern und schließlich eine Darstellung der Kandidatenfrage im I. und V. Wiener Wahlkreis. Schon die Verlesung des Berichtes gibt Anlaß zu Zwischenrufen und starker Unruhe, weswegen der Vorsitzende die Anwesenden bittet, bei der herrschenden Spannung sich umso größerer Zurückhaltung zu befleißen. Als erster Redner zur Tagesordnung spricht Dr. Josef S. Bloch. Er will eine Anfrage an das Präsidium richten, zuerst jedoch eine Vorbemerkung machen. Seine Freunde bitte er, sich der Beifallskundgebungen zu enthalten, seinen Gegnern sage er, daß jeder Versuch zum Terrorismus fruchtlos sei. Er finde es für geraten, sich der Versammlung vor allem vorzustellen. Er sei zwar genügend bekannt, heute aber finde er in der Versammlung so viele ganz neue Gesichter, daß er seine Visitkarte vor diesen neuen und unbekannten Mitgliedern der Union abgebeu müsse. Der Bericht erwähne diesen Zuwachs und im allgemeinen sage man bei einem Vereine wie bei einer Familie bei Ankunft eines neuen Mitgliedes: maseltow! Wie aber, wenn eine Familie Leute von auswärts rufe, um ein Mitglied umzubringen? (Großer Lärm.) Redner habe erwartet, daß die ueueingetretenen Herren ihr Interesse für das Judentum nicht erst vor wenigen Tagen, sondern schon vor Jahren entdeckt hätten, daß sie von den großen jüdischen Fragen schon längst hätten finden sollen, daß es ihre ureigenen Angelegenheiten seien. Redner heiße sie willkommen, wünsche jedoch nur, daß ihre Anteilnahme für das Judentum, ihr jüdisches Herz sich fortab stetig betätigen möge. Im allgemeinen hätte eS der Redner viel lieber gesehen,- wenn die ganze Generalversammlung erst nach den Wahlen, nicht in der Hitze des Wahlfiebers stattgefunden hätte. Dann hätte man ohne Leidenschaft die im Rechenschaftsbericht erwähnte Hoffnung, betreffend die Schaffung einer jungen kräftigen Partei des Freisinnes, auf ihren realen Inhalt prüfen,, die Aktion nach den Erfolgen beurteilen können und sie eventuell gutgeheißen. Im Rechenschaftsbericht sei nun der letzte Punkt der Tagesordnung, die Kandidatenfrage, als erster Punkt behandelt worden. Deswegen möchte Redner seine Anfrage an den Präsidenten der Versammlung vor allem beantwortet wissen: Ist eS wahr, daß der Vorstand der Union, und zwar nicht vollzählig, sondern nur in Gegenwart von 5 oder 6 Vorstandsmitgliedern ohne Einladung an den Beirat oder das von der Union selbst eingesetzte, 60gliedrige Wahlkomitee sich selbständig für einen der Kandidaten entschieden hat? Billigt der Präsident der Versammlung diesen ohne Beirat und Wahlkomitee gefaßten Beschluß? (Lebhafte Unruhe.) Diese Anfrage wird von dem Vorsitzenden Dr. Alexander Mintz sofort ausführlich beantwortet: Ihm für seine Person wäre es gewiß sehr angenehm gewesen, wenn man auch jene Instanzen befragt hätte, welche dem Vorstand durch eine gewisse Zeit Assistenz geleistet hätten. Das sage er, obwohl ein formaler Zwang dazu nicht vorliegt. Zur kritischen Sitzung war der Vorstand mit der Motivierung zusammenberufen worden, daß die Generalversammlung vorbereitet werden müsse. Inzwischen hatten sich Dinge ereignet, welche es notwendig machten, daß der Vorstand auch die Wahlen zum Gegenstand der Erörterung mache, wovon Redner telephonisch verständigt wurde. Redner war der Annahme, daß Beirat und Wahlkomitee auch geladen gewesen wären, fand jedoch bei dem oft zutage tretenden Mangel an jüdischem Interesse es nicht verwunderlich, daß nur wenige Personen anwesend waren. Schließlich kam der bekannte Vorstandsbeschluß .zustande, und wenn sich auch später herausstellte, daß die Einladung zur fraglichen Sitzung nur an Vorstandsmitglieder ergangen sei, so bedauere er das Versehen des Bureaus. Schließlich sei heute die Generalversammlung da, die in breitester Oeffentlichkeit Maßnahmen billigen oder verwerfen könne. (Beifall, Unruhe.) Herr Ehrlich führt unter stetig steigendem Lärm und heftigen Zurufen aus: Der Beschluß des Vorstandes sei nicht rechtsgiltig und müsse verschwinden. Der Vorsitzende selbst hätte zugestanden, daß Formfehler vorgekommen seien. Der Beschluß sei vollkommen gegen Geschäftsordnung und Statuten. Redner protestiere gegen den Beschluß und verlange dessen Annullierung. Herr Doktor Bloch habe schon darauf hingewiesen, daß in der Generalversammlung viele neue Mitglieder anwesend seien. Alten Mitgliedern, die ohne Einladung gekommen seien, habe man Schwierigkeiten beim Eintritt gemacht. Der Vorstandsbeschluß sei erfolgt, nachdem Sekretär Fleischer in einer Wählerversammlung beim Hauswirth für Herrn Doktor Ofner eingetreten sei. Er pries die Verdienste des Herrn Dr. Ofner und scheine vergeffen zu haben, welche Verdienste sich Dr. Gustav Kohn um das Judentum erworben habe. Redner stellt den Antrag, den Vorstandsbeschluß zu annullieren und den Punkt 6 von der Tagesordnung abzusetzen. Präsident Dr. Mintz bestreitet, daß er gesagt habe, es seien formale Fehler vorgekommen. Es sei vielleicht ein Verstoß, ein Formfehler vorgekommen, da man bei der Kürze der Zeit die Herren nicht befragt habe, deren Dienste man sonst gerne in Anspruch nahm. Daß aber eine Verlegung der Statuten oder der Geschäftsordnung vorgekommen sei, kann man eigentlich nicht sagen. Die Statuten haben den Beirat gar nicht vorgesehen, noch viel weniger ein Wahlkomitee. Nichtsdestoweniger bringe er den Antrag Ehrlich zur Abstimmung, und zwar in zwei Teilen. Zur Geschäftsordnung verlangt Herr Hofbauer vom Taktgefühl der neuen Mitglieder, daß diese nicht mitstimmen sollen, wofür der Präsident nirgends Grund oder Vorschrift findet. Die Anträge Ehrlich werden hierauf abgelehnt. Zu turbulenten Szenen kam es während der nun folgenden Rede des Herrn Hof- und Gerichtsadvokaten Doktor Karl L i f c z i s, dessen Zwischenrufe schon früher Anlaß zu scharfen Kontroversen gegeben hatten und dessen Rede viele Angriffe enthielt. Im Rechenschaftsbericht ärgere ihn am meisten der Satz, daß die „Union" die Anerkennung der jüdischen Nationalität ablehne. Zu seinem größten Erstaunen habe der Vorsitzende der heutigen Versammlung diesen Satz hingenommen und sei im Vorstand geblieben, obwohl er der Mitarbeiter Herzls gewesen sei und der zionistischen Studentenschaft das Gegenteil gepredigt hätte. Der Vorstand der „Union" hätte sehr merkwürdig gehandelt, als er den Beirat und das Wahlkomitee, Männer seines eigenen Vertrauens, nicht befragte. (Verstärkte Unruhe. Dr. I m a l i s bittet um Redefreiheit. Er und viele andere seien gekommen, um sich hier zu informieren. Schluß der Debatte wird beantragt und angenommen. Die persönlichen Reibungen im Sgale dauern fort. Schließlich ruft Dr. Bloch: „Die Anhänger Dr. Kohns verlassen den Saal!" Dies geschieht und nun kann der Redner das Wort wieder erlangen.) Er sei eines der ältesten Mitglieder der „Union", man habe aber nie versucht, die Denkfreiheit der alten Mitglieder mit Hilfe der neuen Mitglieder so zu verletzen wie heute. Der wahre Wille der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" kommt in dieser Generalversammlung nicht zum Ausdruck. Es widerspricht der Tradition dieser jüdischen Körperschaft, sich in katholische Angelegenheiten zu mengen und hiedurch den Haß der katholischen Mitbürger und der katholischen Kirche auf die wirtschaftlich schwachen Juden zu laden. Anlangend die Kandidatur des Dr. Ofner ist gegen die Person des Letzteren gewiß nichts einzuwenden. Allein die Art, wie seine Wahl gemacht wird, ist eine unwürdige und unjüdische. Nur durch brutale Gewaltakte, durch Unterdrückung der fteien Meinungsäußerung wird diese Wahl pouffiert. Un-