Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 310 Dr. Llocb's MocbenscbrlN. Nr. 19 tausend Scheiterhaufen den grausamen Flammentod willig und geduldig erlitten haben, den Verrätern nicht auszuliefern, dann darf kein Einziger von Euch dem Kandidaten die Stimme geben, welchem Herr Maximilian Paul-Schiff und seine rührige Partei die Protektion angedeihen lasten und von welchem sie die Förderung ihrer Pläne erhoffen. Für die ^Abstimmung am 14. Mai sind die jüdischen Wähler der inneren Leopoldstadt chrem Gewissen und dem Judentum gegenüber verantwortlich. Die Entscheidung, die Ihr fäüt, bringt zugleich die Entscheidung über das Geschick Euerer Kinder, ob sie in Zukunft uns und dem Judentum oder unseren Feinden gehören werde». Höret nicht auf die Einflüsterungen der Volksverführer, bleibet in entscheidungsvoller Stunde der Pflicht eingedenk und vereinigt Euere Stimmen auf den Kandidaten k. k. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, IX., Hahugaste 25. Die Generalversanrrntuirg der „Oesterreichisch-IsrarUtischen Union". Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union“ hat im Hinblick auf die Vorgänge im V. Reichsratswahlkreise Wiens in Anwesenheit von nur wenigen Vorstandsmitgliedern den Beschluß gefaßt, Partei zu ergreifen und die Kandidatur des Herrn Dr. Julius Ofner feinen Vereinsmitgliedern in der Generalversammlung zu empfehlen. Dieser Beschluß hat in allen Kreisen der Vereinsmitglieder den größten Unwillen und die heftigsten Proteste hervorgerufen. Mit allem Fug, denn dieser Beschluß verstößt in seinem Inhalte gegen das erste unter Mitwirkung Dr. Bloches zu Stande gekommene Statut der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". In jenem Vereinsstatut, welches die Tendenzen des Vereines festgelegt hatte, wurde »Pflege des"' jüdischen Stammesbewußtseins" als eines der vornehmsten Ziele des Vereines proklamiert, und ohne die ganze ruhmreiche Vergangenheit des Vereines zu verleugnen, durfte ein Mann, der die Vorbedingung des jüdischen Stammesbewußtseins entbehrt, als Kandidat für einen Wahlbezirk mit jüdischer Majorität nicht proklamiert werden. Insbesondere dann nicht, wenn ein Mann ihm gegenübersteht, wie der k. k. Landesschulrat Doktor Gustav Kohn, welcher Jahrzehnte im Dienste der jüdischen Oeffentlichkeit erfolgreich wirkt und in der Leitung der „Oesterr.-Jsr. Union" als Beirat teilnimmt, während Herr Dr. Julius Ofner die Aufforderung, der „Oesterr.-Jsr. Union" als Mitglied beizutreten mit Hinweis auf seine politischen Grundsätze, die mit den Tendenzen des Vereines nicht übereinstimmen, entschieden abgelehnt hat. Das Vorgehen des Bereinsvorstandes steht aber auch in grellem Widerspruch zu den früheren Beschlüssen, welche der Vorstand wenige Wochen vorher in einer gemeinsamen Beratung mit den Beiräten mit Hinzuziehung eines für die Wahlangelegenheiten eingesetzten fechziggliedrigen Wahlkomitees gefaßt hat und welche der Vizepräsident des Vereines, Herr Dr. Jakob O r n st e i n, in der Plenarversammlung der „Oesterr.-J;r. Union" vom 25. Februar 1907 unter einhelliger Zustimmung und rauschendem Beifall der Vereinsmitglieder mit den Worten definiert hat: „Wir können daher einen warmen Verteidiger unserer Interessen nur iu unserer Mitte finden, er muß Fleisch von unserem Fleische, Blur von unserem Blute sein." Was vor wenigen Wochen noch als oberster Leitstern für Richtung und Verhalten des Vereines vor aller Welt verkündet worben, wird plötzlich verleugnet und dem Manne, „in unserer Mitte", „Fleisch von unserem Fleische, Blut von unserem Blute" der Krieg erklärt und ein Kandidat auf den Schild erhoben, der, getreu feinen Prinzipien, es abgelehnt hat, „in unsere Mitte" einzuziehen, der fich nicht als „Fleisch von unserem Fleische und Blut von unserem Blute" weiß. Dieses geradezu ungeheuerliche Vorgehen hätte., selbstverständlich bei den Beiräten und den Mitgliedern des großen Wahlkomitees nie und nimmer Zustimmung gefunden; da erinnerte man sich plötzlich, daß man „eigentlich" gar nicht „verpflichtet" sei, die Beiräte und die 60 Mitglieder des großen Wahlkomitees anzuhören, daß man auch autokratisch dekretieren könne. Und so hat denn die Vereinsleitung in Anwesenheit von wenigen Vorstandsmitgliedern aus eigener Machtvollkommenheit den Beschluß vollzogen. Seit dem Bestände der „Oe st erreicht sch-Israelitischen Union" sind Beschlüsse in Wahlangelegenheiten nie ohne Hinzuziehung der Beiräte und eines eigens eingesetzten Wahlkomitees gefaßt worden. Diese Tatsache allein bringt das dermalige Vorgehen in grelle Beleuchtung. Beiräte und sechziggliedriges Wahlkomitee — diese Instanzen konnten durch einen Staatsstreich beiseite geschoben werden; die Plenarversammlung der Bereinsmitglieder war jedoch nicht zu umgehen. Von der Plenarversammlung der Vereinsmitglieder konnte und mußte man voraussetzen, daß in ihrer Mitte ein solches alle Ziele und Traditionen des Vereines verleugnende Anfinnen der derzeitigen Vereinsleitung mit nachdrücklichem Protest einhellig abgelehnt würde. Allein ein findiger Kopf weiß Hilfe und Auskunftsmittel in jeder schwierigen Situation. Am Tage vor der Generalversammlung wurden 200 Männer aus den Reihen der Agitatoren und Parteigänger des Herrn Dr. Julius Ofner als Vereinsmitglieder „ausgenommen" — zu dem Zwecke, um die Generalversammlung zu majorisieren. Nicht etwa, daß alle diese zweihundert Mitglieder auch einen Vereinsbeitrag geleistet hätten — ein Teil wurde mit Nachficht der Taxe zur Würde der Vereinsmitgliedschaft erhoben. Vergebens wandte fich ein hochgeachtetes Vereinsmitglied, Herr B. H o f b a u e r, an die „Mitglieder" von gestern, aus Gründen der Loyalität an der heutigen Abstimmung nicht teilzünehmens mit" Höhngelachker"svür8e"seln"Appell^ aüfgen'öüimen und das Verhalten der Vereinsvorsteher zeigte klar, daß man vor der sicheren Niederlage nur auf dem eingeschlagenen Wege sich schützen zu können überzeugt ist und darum das so „glorreich" begonnene Werk zu Ende bringen müsse. Beim Eingang des Versammlungslokales waren kräftige Männer postiert, um jedem Vereinsmitgliede, welches die Einladungskarte zufällig nicht bei sich hatte, den Eintritt zu verweigern. Von den alten Gründern des Vereines lebt nur noch ein einziger, dessen Name auf dem ersten Vereinsaufruf zu lesen war — Dr. Josef S. Bloch —. Seit dem Bestände des Vereines gehört er dem Beirat an und seine Reden und Vorträge haben Jahrzehnte hindurch die Vereinsversammlungen gefüllt. Als er diesmal zur Generalversammlung ging, verwehrte ihm der Vereinsbeamte Julius Löwy den Eintritt in die Versammlung. „Gedulden Sie fich, Herr Doktor, noch eine Viertelstunde", und auf Hinweis Dr. Bloch's, daß im Saale bereits Viele anwesend sind, sagte Herr Löwy: „Wo haben Sie die Einladungskarte?" Als Dr. Bloch aber im Saal erschien, waren bereits mit dem Vereinssekretär über 25 Personen anwesend, lauter neue, wenn auch wenig erfreuliche Gesichter und der Eintretende konnte fich nicht enthalten, gegenüber dem Sekretär die Bemerkung zu machen: „Das ist ja eine ganz neue Union, welche fich uns hier präsentiert." „Ja, es find neue Vereinsmitglieder, einige von ihnen find die „Ordne r" in der Generalversammlung." Die Generalversammlung durch fremde Elemente zu vergewaltigen — das wurde geplant und erreicht. Die Leitung führte der Vizepräsident der „Union", Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Alex. Mintz. Der Vorsitzende eröffnet um 8 Uhr mit kurzer Begrüßung die Versammlung und gibt dem Sekretär Herrn Siegfried Fleischer das Wort zur Verlesung des Rechenschaftsberichtes. Außer den notwendigen Daten über die engere Geschäftstätigkeit des Vorstandes und der Kanzlei, die Mitgliederanzahl (Stand zirka 7000, Bewegung zirka 500), die Agitation, einer langen Ausführung über die ausgedehnte