Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 18 m. JBiocb’s Mocvenscvrtn Seite 307 dem Sopher Red Aron schreiben läßt, sür oie Riwkele ein Mäntelchen mit dem Mogen-Dowid darauf stickt und welche in dem Zimmer Riwkeles aufgestellt werden soll, möge die Tochter in ihrer Reinheit bewahren und sie vor der Unreinheit des Geschäftes im Souterrain behüten. Jankel will den Kampf anfnehmen gegen das eherne Gesetz, das lehrt,, daß aus Unreinem nie das Reine erblühen kann. Diesem Gesetze, eine moderne Wissenschaft nennt eS das der Vererbung, ist auch Iankels Tochter Riwkele verfallen. Die Thora schützt sie nicht. Was die Mutter „gedurft", sollte sie nicht dürfen? Und w eilt sie denn mit fliegende,l Fahnen der Sünde rn die Arme, der Sünde, die ihr Manjka, eines von Iankels Mädchen, mit so lustigen Farben schildert. Riwkeles Geschick hat sich erfüllt — und Iankels auch. Und nun beginnt er mit seinem Gotte zu rechten. „Die Sünde liegt auf nur u»lo auf meinem Hause, wie der Strick um den Hals. Gott hat's nicht gewollt. Run frag ich Euch, Rebbe: warum hat er's nicht gewollt? Was hätt's ihm schon geschadet, wenn ich, Zankel Schepschowitsch, aus dem Sumpf herausgekrochen war', in dem ich steck?" Und da ihn dieser Gott und seine Thora aus diesem Sumpfe nicht gezogen, stößt er seine Tochter, welche die Wege der Mutter gegangen, in das Souterrain, wohin sie gehört, die Thora aber, die ihre Wirkung nicht im Sinne Iankels getan, gibt er Rev Elje, dem Heiratsvermittler, mit den Worten zurück: „Die Thora nehmt mit! Ich brauch' sie nicht mehr." Damit endet dieses Drama, das den tragischen Stoff von den „Sünden der Väter" mit großem Geschicke, wahrhaft packenden Effekten behandelt und vermöge seiner Bühnenwirksamkeit sicherlich imstande ist, den Zuschauer zu ergreifen. Die Kunst des begabten Autors in allen Ehren, aber fragen müssen wir uns doch, ob denn dieses Drama, das, wie alle modernen Dramen, den Anspruch auf Wahrheit erhebt, auch wirklich wahr i>l? Die „himmlischen Mächte" sind es, gegen die Iankels Wort gerichtet ist; sie, die schon Goethes „Harfenspieler" autlagt: „Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden." Diesem ewigen Naturgesetze entstammt auch die Anschauung der Bibel vor dem „Gotte der Rache". „Der Gott der Rache" ist eigentlich ein Gott der gerechten Vergeltung. „Mein ist die Rache und die Vergeltung," spricht der Herr. Wenn sich nun Jankel gegen diesen Gott der Rache auflehnt, liegt darin eigentlich eine groge Torheit; mit anderen Worten: wollte er sein Kind rein erhalten, dann hätte er eben sein Geschäft im Souterrain aufgeben müssen. Die Thora allem tut es nicht, man muß auch ihre Lehren beobachten. Wie man steht, hat dieses „Wahrhettsstück" sehr unwahre Voraussetzungen, was wunder, wenn auch die Konklusion eine unwahre wird. Nicht mit dem Schöpfer, mit sich sollte Jankel rechten. König Lear hatte den große»: Fehler begangen, schon bei Lebzeiten sein Erbe zu verteilen, und mußte die böse Erfahrung machen, auf wie schwachen Beinen die Liebe der Kinder zu den Eltern oft ruht. Und ähnliche schlechte Erfahrungen macht Shylock mit seiner Jeffika. Mag es nun in Rußland und Polen wirtlich so verkommene Gestalten geben, wie sie uns Asch in seinem Jargondrama vorführt, sie sind gewiß Produkte der iu diesen Ländern herrschenden Barbarei; auf einem Sumpfe können nur solche Giftpflanzen gedeihen. Und wenn bei aller Verkommenheit in Jankel die zärtlichste Liebe zu seinem Kinde blüht und zu einer gewissen tragischen Erhabenheit und Größe ihn vor unseren Augen emporwachsen läßt, dann hätte dieser Vater, der sein Kind aus den vergiftenden Miasmen seines „Souterrains" erretten will, ganz andere Mittel anwenden müssen, als das: sich eine Thora schreiben zu lassen. Wir wollen nicht allzu prosaisch werden; dem Dichter steht das Recht zu, seine Personen nach seiner poetischen Intuition zu gestalten, und größere als Asch haben dies mit großer dichterischer Freiheit getan . . . aber, wenn er sich von Reb Elje, dem Schadchen, den Rat geben läßt, eine Thora m Riwkeles Zimmer aufzustellen, warum ließ er sich von diesem nicht ralen, die Tochter, sobald als möglich, zu verheiraten und sie so der gefährlichen Umgebung der Manjtas und tzuiols und der anderen „Mädchen" zu entziehen, da er sein „Gewerve" nicht aufgeben wollte? Schlagworte, wie „Gott der Rache" ziehen heute eben mehr denn je, und es läßt sich mit solchen Worten ein Dramengebilde sehr effektvoll gestalten. Dieser Jankel mag sehr wirkungsvoll fluchen, doch seine Worte muten uns wie leeren Tiraden an. „Die Torheit des Menschen verführt ihn und gegen den Herrn wendet sich sein Sinn", so etwa spricht irgendwo der alte Dichter lebensfrischer Spruchweisheit. _ Asch wollte ein Wirklichkeitsstück schreiben. Er stellt eine These auf und dieser müssen sich feine Gestalten unterordnen. Er hätte sich aber sagen müssen, diese Riwkele kann nicht anders werden, als ihre Umgebung ist und ihre Mutter war. Schon die alten Erklärer der Heiligen Schrift haben in dieser Weise das Wort: „er straft die Schuld der Väter an den Kindern" ausgelegt, indem sie sagen: „dies geschieht bei denen, welche die Taten der Eltern nachahmen" (siehe Raschl zur Stelle nach Sanhedrin 27). Finder sich aber in der Bidets nicht ein Vers, der diesem Satze widerspricht, heißt es nicht: „Väter sollen nicht untergehen wegen der Kinder, jeder soll büßen für ferne Schuld?" Was anderes will dieser Satz besagen, als: haben die Eltern ihre Pflicht den Kindern gegenüber getan, dann haben sie die Schuld der Kinder nicht zu tragen. Und diese Pflicht tat Jankel nicht, denn sonst Hane er im Interesse der Reinheit seiner Tochter sein „Gewerbe" aufgeben oder sie aus dessen Umgebung entfernen müssen. Das Drama des sicherlich sehr begablen Dichters beruht demnach auf sehr schwachen Füßen und er stellt an die Denkkraft, nament. lich eines jüdischen Publikums, sehr geringe Anforderungen. Wir kennen den Bildungsgang des Dichters nicht und wissen nicht, ob er Ibsen, Shakespeare, Schiller und Sudermann gelesen, vermuten ab-r, daß er dies nicht ohne Nutzen getan. Besonders die sehr detaillierten Vorschriften, die er seinen Schauspielern gibt, die ins einzelne gehenden Regiebemerkungen lassen uns ahnen, aus welcher Quelle sie stammen. Da scheinen Ibsen und Sudermann zu Gevatter gestanden zu sein. Wie gesagt: es sind dies nur Vermutungen, die wir hier aussprechen.' Mit Gewißheit glauben wir aber annehmeu zu dürfen, daß Asch nicht nur das jüdische Leben in Polen, sondern auch das jüdische Schrifttum kennt, und da ist nun unsere Ansicht, daß der Dichter ein fein motivierteres Drama hätte schreiben können, als er es getan hat. Wollte er aber den Schauspielern gute Rollen zuteilen, dann ist ihm dies ausgezeichnet gelungen. Dieser Jankel, der Haderer mit Gott.. der geschäftskundige Schlojme, dessen Konkurrent, Sara, welche die Sünde wie ein altes Erbe mit sich trägt, die „Mädchen", an der Spitze die verführende Manjka, der schlaue Reb Elje und der fromme Reb Aron, das sind Gestalten, die nicht verfehlen werden, von der Bühne zu wirken. Alles in allem: ein bühnenkräftiges Stück; ein Beweis aber auch, wie die dramatische Technik mit innerer Unwahrheit, zu einem wirkungsvolle» Drama sich zu vereinigen vermag. Freilich dürfen wir es nicht unterlassen, darauf hmzuweisen, daß diese „Juden" nicht Juden sind, wie wir sie uns vorstelleu. In di» se Nacht mutz noch' der Lichtstrahl der alles erleuchtenden Kultur fallen. Die alten Römer sprachen von dem summum ius, das oft summa iniuria ist, wir können mit Beziehung auf dieses Drama sagen: Die grellste Wirklichkeit enthält oft die größte Unwahrheit. Wie viel hatten und haben wir darunter zu leiden! DrMaxGrünfeld. Nene Bücher. Dr. Aladär Deutsch. Rabbiner und Prediger des - Kaiser Franz Josef-Jubilaumstempels in Prag. „Die Zigeiner-, Großenhof- und Neusynagoge ist Prag." Denkschrift, herausgegeben anläßlich der Erbauung' des aus diesen Gotteshäusern hervorgegangenen Kaiser Franz Josef-Jubiläumstempels. Preis K 2.—. Das Reinerträgnis fließt dem Fonde des Kaiser Franz Josef-Jubiläumsvereines (Israelitischer Lehrer-Pensionsverein in Böhmen für dienstunfähige Rabbiner und israelitische Lehrer Böhmens, deren Witwen und Waisen) zu. Verlag des Israelitischen Lehrer-Penfions- Vereines Böhmen in Prag, 1907. Dr. S. Bernfeld, Kämpfende Geister im Judentum.. Bier Biographien. Preis Mk. 2.50. Verlag von Louis Lamm» Buchhandlung, B e r l i n C. und Julius H. G r e e n st o n e, Philadelphia (Pa.) 1907. Schluß- und Festsitzung des Kultusausschusses der israelitischen Kultusgemeinde Floridsdorf vom 27. März 1907, anläßlich ihrer Auflösung. Verlag der Kultus-- gemeinde Wien, XXI. Raschis Leben und Wirken. Zwei Preis-' schriften von Kreisrabbiner Dr. Beermann in' Insterburg und Landrabbiner Dr. Doktor in Cassel.' Kommission der H. K r ä u t e r's ch e n Buchhandlung (Julius Stern) Worms, 1906. A. Neuhaus, Lehrer in Fritzlar. Gesellschaftskunde in der jüdischen Schule. Ein Vortrag von allgemeinem Interesse, gehalten auf der 39. Jahresversammlung dkr israelitischen Lehrer-Konferenz Hessens. Verlag von L o u'i s Lamm, Berlin, 1907. Krirfkaste«. Dr. S. I. in B. In dem sehr intereffanten Buche „Aus meinem Diplomatenleben" des früheren amerikanischen Botschafters in Berlin, Andrew D. White, findet sich auf Seite 139-folgende Stelle:. „Ich bin im höchsten Grade erstaunt, daß, wie ich aus. anscheinend glaubwürdigen Quellen ersehe, das Haus Rothschild im^ Augenblicke eine große Anleihe vermittelt, die Rußland in den Stand' setzt, in Bezug auf Japan, China, Armenien, Finnland, Polen, die baltischen Provinzen und die jüdische Bevölkerung wieder in der gewohnten Weise vorzugehen. Keine Maßnahme in der ganzen Welt kann so antisemitisch wie diese sein." „Kurort Salzkammergut". Diejenigen, welche auf das Religionsgesetz Gewilt legen, werden selbstverständlich eine solche Restauration meiden. Zu einem offiziellen Verbot besitzt das Judentum keine Exekutivgewalt. _