Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 306 Dr. LLocv s MlocdenLcörM. Nr. 18 Böhmen am Tschechen denselben spezifischen Geruch wahrnehmen wollen, wie viele „Arier" am Juden, so ist das alles lediglich Klassengezänk und Rassengezänk. Und es heißt die Wissenschaft Prostituieren, wenn man sie mit derartigen Kindereien behelligt. .Nicht ganz so arg steht es um die Raffentheorie als geschichtsphilosophischen Erklärungsversuch; aber auch als solcher steht sie unter dem Niveau eigentlich wissenschaftlicher Betvachtung. Spencer, der große Soziologe, hat einmal klipp und klar ausgesprochen, daß die Raffentheorie von allen geschichtsphilosophischen Erklärungsversuchen unzweifelhaft der dümmste ist. Dennoch müssen wir uns mit ihr beschäftigen, nicht weil sie wiffenschastlich relevant ist, sondern weil sie in den mächtigsten und einflußreichsten Kreisen zahlreiche Anhänger besitzt und durch sie auf unser öffentliches Leben einen nicht zu überschätzenden Einfluß ausübt. . Der erste „wissenschaftliche" Schöpfer einer Raffentheorie har der Graf Gobineau, ein verdienter französischer Literat. Der 8Hcg, auf dem er selbst zu seiner Theorie gelangte, ist so charakteristisch für den Entstehungsgrund dieser ganzen pseudowissenschaftlichen Auffaffung, daß er näher dargestellt zu werden verdient. . Gobineau entstammte einer südfranzösischen, ursprünglich bürgerlichen Strumpfwirkerfamilie, deren Mitglieder sich als eifrige Katholiken an dem Kampf gegen die Albigenser und Waldenser beteiligten und dadurch zu Adel und Grundbesitz gelangten. Es waren also Kelto-Romanen, und das Portrait Gobineaus zeigt denn auch den Typus eines schönen brünetten Kelto-Romanen mit den großen mandelförmigen, dunklen Augen. Nun betrachtet sich der französische Adel gern als Abkömmling der germanischen Erobererrassen, der Franken, Burgunden Westgothen, die sich in den Zeiten der Völkerwanderung als Adel über die römisch-keltische Bevölkerung gesetzt haben. Schon diese Ableitung ist nicht unbedenklich: denn es steht geschichtlich fest, daß nicht nur viele der sogenannten Professoren der spätrömischen Zeit (Alt-keltische Dynasten und römische Nobiles) in den Aoel des Merowinger- und Karolinger-Reiches ausgenommen sipd, sondern daß sich ihnen auch zahlreiche Freigelassene angegliedert haben. Aber die Ueberlieferung von der germanischen Abstammung des französischen Adels besteht einmal, und Gpbineau hatte das begreifliche Bedürfnis, seinen eigenen, sehr jupgen Adel auf den alten Stamm zu okulieren. Das bewerkstelligte er durch eine Geschichtsgliederung von überwältigender Komik. ■' . In den Zeiten des tiefsten Niederganges des westfränkischen Reiches landete ein Wiking norwegischer Herkunft, ein „Odinssohn" namens Ottar-Jarl, an der bretonischen Küste und gründete dort ein selbständiges Fürstentum, das Jahrhunderte lang bestand. Zur Zeit der Ritterromane wurde in dieser hochfendalen Familie der Name eines der berühmtesten Artusritter gebräuchlich: Gawan oder Gawein. Nun meint Gobineau, daß der Name Gawan als Koseform das Diminutiv Gawaneau (Gaweinchen) erhalten habe und daß daraus allmählich der Geschlechtsname Gobineau entstanden sei. - Diese Ableitung erinnert stark an die bekannte ethymologische Verbindung von Cicero mit Eierkuchen: „Cicero—Eiero —Eierochen—Eierkochen—Eierkuchen." Selbst seinen fanatischen Anhängern in Deutschland war dieser Tabak zu stark. . Dank dieser unglaublichen Geschichtsgliederung beförderte sich- Gobineau also zum Odinssproffen und Germanen und wurde Dadurch zum Erfinder einer modernen Geisteskrankheit, die ich als „Germanomanie" bezeichnet habe und die ihn in Deutschland bei den Teutschtümlern geradeso populär macht, wie sie ihn in Frankreich, das im Allgemeinen auf sein Galliertum stolz ist, zu einer lächerlichen Person gemacht hat. Wenden wir uns nun von dem Autor zu seinem Werk. Das Gobineausche Buch über die Ungleichheit der Menschenrassen ist interessant genug, das Werk eines geistreichen, belesenen und sogar scharfsinnigen Mannes. Es betrachtet die gesamte Weltgeschichte als das Resultat eines Rassenkampfes zwischen niederen und edlen Raffen. Die edlen Raffen, denen allein das Geschenk staatenbildender Kraft verliehen ist, unterwerfen kraft ihrer Herrschertugenden die unedlen Raffen und gründen mächtige Reiche, die eine Zeit lang blühen, dann aber mit verhängnisvoller Geschwindigkeit welken und dahinsinken, u. zw. ausschließlich durch den Verfall der Herrscherraffe, der sich im wesentlichen durch zwei Umstände vollzieht. Erstens durch Bastardierung. Die Männer der Herrenraffe verschmähen es nirgends, sich mit den Frauen der beherrschten Raffe zu vereinigen, und so entsteht eine meist sehr zahlreiche Schicht von Bastards, die dem väterlichen Blute in ihren Adern eine höhere Kraft und Staatsbegabung verdanken. Werden sie ohneweiters, wie es zuweilen geschieht, in den Herrenstand mit ausgenommen, so sinkt er durch die Mischung mit dem unedlen Blut. Bleiben sie, wie es häufiger geschieht, von dem Herrenstand ausgeschlossen, so werden sie, dank ihrer höheren Begabung, die Führer der unterworfenen Volksmasse gegen die Herren. Dieser Raffenkampf oder Klassenkampf im Innern der Reiche muß schließlich zur Vernichtung der Herrschaft der Edelrasse führen, weil das Verhältnis der Zahl für sie ein immer ungünstigeres wird, und das ist der zweite Grund für den Verfall der Reiche. Denn erstens vermehrt sich die Edelrasse nicht mit der Geschwindigkeit, wie die „kaninchenhaft" sich vermehrende beherrschte Schicht — die Fabel von der Löwin, die nur ein Junges zur Welt bringt, ist eine echt aristokratische Klaffenfabel. — Und zweitens ist die Lebensbedrohung der Herrenklaffe im Kriege eine viel größere,- als die der gemeinen Masse. So verfällt das Reich allmälig und wird zur Beute eines neuen Volksstammes der hohen Rasse, der mit ungemischtem Blute und daher ungebrochener Kraft aus der Steppe oder Wüste hervorbricht. So schichtet sich Reich über Reich, bis zuletzt das Reservoir der adligen Völker reinen Blutes, erschöpft ist. Den Gang der Geschichte schildert Gobineau genauer derart, daß erst die Gelben die Schwarzen unterwerfen, daß dann die Weißen die Kultur zu noch höherer Stufe emporführen, bis schließlich das reinste, edelste, höchststehende Volk, das der Planet erzeugt hat, die Germanen die Bühne betreten. Aber auch dieses Edelvolk verliert seine Rassen- und Blutreinheit, bastardiert sich und sinkt. Das Raffenchaos verschlingt gleich einer Sintflut alle Kultur, die Götterdämmerung ist hereingebrochen, denn nun ist kein Volk mehr auf dem Planeten zu entdecken, das die Kulturlast der Germanen auf seine Schultern nehmen könnte, und so muß alle höhere Menschlichkeit im Weltenbrande zu Grunde gehen. __ (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Der Gott der Rache." Drama in drei Akten von Schalom Asch (Verl. S. Fischer, Berlin 1907.) Wir waren nicht in Berlin und sahen die Aufführung dieses ursprünglich im „Jiddischen" Jargon geschriebenen Dramas nicht. Desto aufmerksamer lasen wir das Bnch und sind der Meinung, daß hier ein Drama geschrieben wurde, das, gut gespielt, eine außerordentliche Wirkung Hervorbringen müsse. Das Milieu freilich, in das uns der Dichter führt, besitzt des Abstoßenden genug. Es ist Jankel Schepschowitsch Haus in eurer großen polnischen Provinzstadl und dieses besteht aus einem Souterrain und Oberstock, also dem Hinter¬ und Vorderhause, wie diese sattsam aus der modernen und modernsten dramatischen Literatur bekannt sind. Im Oberstocke wohnt Jankel mit Sara, seiner Frau, auch ist seiner Tochter Riwkeles Zimmer da. Hier will man sowenig als möglich wissen von dem im Souterrain betriebenen „Geschäfte". Oben die Reinheit, unten der Schmutz. Und Riwkele soll nach des Vaters Willen in der Reinheit bewahrt werden. Es soll sich zeigen, ob „der Gott der Rache" die Schuld der Väter strafen wird an dem Kinde. Dem will nun Jankel Vorbeugen; er will der Vorsehung ins Handwerk pfuschen, indem er Buße tut. Er gehört nämlich zu denen, von welchen der Prophet sagt, daß sie dem Herrn und dem Baal zugleich opfern. Aber seine Tochter will er dem Nimmersatten Rachen dieses Baal entreißtn . . „Da unten (zeigt mit dem Finger nach dem Fußboden) ist das Geschäft und hier oben wohnt eine reine jüdische Jungfrau. Du hörst? (Schlägt mit den Fäusten auf den Tisch.) Eine reine jüdische Jungfrau 1 Abgetrennt soll es seinl" So wettert Jankel, dieser ins Polnische übertragene „Meister Anton" in Hebbels erschütternder Tragödie „Maria Magdalena", den Lewinskys erhabene Kunst mit so ergreifender Tragik zeichnete. Und cs ist auch eine große Tragik in der Gestalt Zankels. Er will ein Baal-Teschubah sein, büßen für seine schweren Sünden. Eine Thorarolle, die er von