Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 298 Dr. Dlocb's MLocvenscvrin. Nr. 18 irgendwelcher Vorteile willen einer anderen Religion zuzuführen; stehen die Eltern aber auf freireligiösem Boden, auf dem Boden keiner Konfession, so mögen sie ihre Kinder in ihrem freien Geiste erziehen; unverantwortlich aber ist es vor den Gesetzen der Wahrheit und der Vernunft, die eigenen Kinder einem Glauben zuzuführen, der nicht der Glaube der Eltern ist. Und dann die Erziehung des Eharakters der Kinder! Wer es mit angesehen hat, für den wären Erörterungen wahrlich unnötig. Die Kinder merken in frühester Jugend, daß etwas nicht stimmt; sie sind Christen, die Eltern Juden; sie wachsen nicht auf einem festen Boden, auf dem allein sich Charaktere entwickeln können; eine Halbheit, eine Unsicherheit haftet sich ihnen an und läßt sie nicht los Zeit ihres Lebens. Da kommt der Augenblick, wo sie sich schämen, daß die Eltern Juden sind; da kommt das Erröten über die eigene Familie. Seelische Konflikte schlimmster Art sind unausbleiblich. Die Leidensgeschichte eines zartfühlenden jüdischen Kindes ist groß; die Leidensgeschichte dieser Kinder wird größer sein. Zuviel Tradition ist ein Unglück, aber ein Unglück, das eher zu tragen und zu überwinden ist, als der Mangel jeglicher Tradition." I Bürgermeister Dr. Eduard Deist in C;ernormh Samstag den 27. v. M. um 4 Uhr nachmittags starb der Bürgermeister von Czernowitz Dr. Eduard Reiß im Sanatorium Fürth in Wien im Alter von 57 Jahren. * * * 3):. Eduard Reiß, im Jahre 1850 in Zalosce geboren, stand im 57. Lebensjahre. Im Alter von sechs Jahren kam er nach Czernowitz, wo sein Vater, Medizin-Dokter Salomo« Reiß. Jahrzehnte hindurch die ärztliche Praxis ausübte. Im Herbste 1872 trat Dr. Reiß in die Rechtspraxis beim Landesgerichte in Czernowitz ein. Im Jahre 1873 wurde er zum Auskultanten befördert und stand in dieser Eigenschaft mehrere Jahre im Justizdienste, darunter auch zwei Jahre bei der Staatsanwaltschaft in dienstlicher Verwendung. Im März 1880 wurde der Verstorbene in die Liste der Bukowinaer Advokaten eingetragen. Dem Ausschüsse der Advokatenkammer gehörte er seit 24 Jahren an und im Jahre 1901 wurde er zum II. Präsidentenstellvertreter dieser Kammer gewählt. Nach der im Jahre 1879 erfolgten Uebersetzung aus der Reserve in die k. k. Landwehr avanzierte Dr. Reiß im Jahre 1880 zum Oberleutnant der nichtaktiven Landwehr im 77. Landwehrbataillon. Im Jahre 1884 wurde Dr. Eduard Reiß vom II. Wahlkörper in den Gemeinderat gewählt, dem er seit jener Zeit ununterbrochen, also durch dreiundzwanzig Jahre angehörte, und am 16. Jänner 1894 zum I. Vizebürgermeisler gewählt. Nach siebeumaliger Wiederwahl befand er sich ununterbrochen in dieser Stellung. Im März 1900 wurde Dr. Reiß von Sr. Majestät mit dem Titel eines k. k. Regierungsrates ausgezeichnet. Doktor Reiß war seit 1893 Mitglied der judiziellen Staatsprüfungskommifsion, im Jahre 1901 wurde er zufolge Allerhöchster Entschließung zum Mitgliede des k. k. Landesschulrates ernannt. Dr. Reiß wurde am 11. April 1905 zum erstenmal und hierauf am 7. Februar 1907 zum zweitenmal als Bürgermeister gewählt. Mit Allerhöchster Entschließung vom 14. Dezember 1906 wurde Dr. Reiß zum Ritter des Franz Joseph- Ordens ernannt. Trauerfeier im Gemeinderat. Heute um 12 Uhr mittags hielt der Gemeinderat eine Trauersitzung zu Ehren des verstorbenen Bürgermeisters Doktor Eduard Reiß ab, zu der sich sämtliche Gemeinderäte, Magistratsbeamten und ein zahlreiches Auditorium eingefunden hatten. Die Präsidialtribüne war mit schwarzem Flor umgeben, mitten an der Tribünenwand sah man das schwarz umrahmte Bildnis des Verstorbenen. Eine tiefe Trauer beherrschte die Anwesenden und eine schmerzliche Ergriffenheit. Hier wie in allen Kreisen d-7 Bevölkerung sah man, welche erschütternde Wirkung die Hiobspost vom Hinscheiden des geliebten und verehrten Stadtoberhauptes hervorgerufen hat. Präzise 12 Uhr bestieg Vizebürgermeister Baron Fürth die Tribüne und hielt dem Verstorbenen den folgenden Nachruf, der von allen Anwesenden stehend angehört wurde: Ein trauriger Anlaß hat uns heute wieder zusammengeführt. Der Tod hat in letzter Zeit empstndliche Lücken in die Reihen der Stadtvertreter gerissen, aber diesmal uns ganz besonders schwer getroffen : Er hat uns das erst jüngst unter großem Beifalle einstimmig wiedergewählte Oberhaupt genommen. Vor etwa acht Wochen schied Bürgermeister Dr. Reiß erholungsbedürftig aus unserer Mitte. Der freundliche Wunsch „auf baldiges frohes Wiedersehen" begleitete ihn und nun bringt man uns seine Leiche! Die Kunde von dem erschütternden Ereignis verbreitete sich, obwohl sie nachts hier eintraf, wie ein Lauffeuer in der Stadt und die allenthalben laut gewordenen Aeußerungen des Schreckens und der Trauer sind ein sprechender Beweis für die Liebe und Verehrung, deren sich der dahingegangene Bürgermeister in allen Schichten der Bevölkerung erfreute. Und mit vollem Rechte erfreute, denn er war nicht nur der Mann, von dem wir erhofften, daß er unser Gemeinwesen emporführen werde zur gewünschten Höhe der Kultur und des Fortschrittes, sondern er war auch ein wahrhaft guter und edler Mensch und das ist weit mehr als Anführer sein auf dem Wege nach vorwärts. Sein weiches Gemüt empfand die unvermeidlichen Bitternisse des täglichen Lebens schmerzhaft und wir wollen zu unserem Tröste annehmen es wären die Gemütserregungen, die sich beim Verewigten oft wahrnehmbar machten, schon die Anzeichen der nahenden Krankheit gewesen. Regierungsrat Dr. Reiß hat schon als Vizebürgermeister, welche Stelle er lange Jahre hindurch einnahm, vielfach die Geschäfte der Stadt geführt, da der mehr und mehr alternde Bürgermeister Dr. Kochanowski häufig daran verhindert war. Als der Letztgenannte dann die Würde niederlegte, deren Bürde er nicht mehr tragen konnte, wurde Dr. Reiß vor zwei Jahren durch einstimmigen Beschluß des löblichen Gemeinderates auf den Stuhl des Bürgermeisters gesetzt und Sie, meine Herren, haben ihn sofort nach Zusammentritt des neuergänzten Gemeinderates, zu Beginn dieses Jahres, wieder zum Stadtoberhaupt gewählt. Die kaiserliche Bestätigung und die damit im Zusammenhang stehende feierliche Installation hat der allzufrüh dahinaegangene Bürgermeister nicht mehr erlebt. Seine sehr ersprießliche Tätigkeit im Dienste unserer Stadt hat auch durch die Gnade Seiner Majestät die entsprechende Anerkennung gefunden, indem ihm erst der Titel Regierungsrat und jüngst, eine hohe Ordensauszeichnung verliehen worden ist. Wir wollen des verdienstvollen Mannes nicht nur in Ehren gedenken, indem ich diese Trauerkundgebung in das Protokoll dieser Gemeinderatssitzung aufnehmen lasse, sondern auch dafür sorgen, daß sein Name im Gedächtnis zukünftiger Geschlechter erhalten bleibe. Die bezüglichen Anträge werden folgen. In der gestern abgehaltenen außerordentlichen Sitzung des Kultusrates hielt Dr. Straucher dem verstorbenen Bürgermeister einen warm empfundenen Nachruf. Hierauf wurde beschlossen, ihm ein Ehrengrab neben dem der Familie Wagner zu bewilligen. Landespräsident Dr. v. Bleyleben erschien als Erster unter den Kondolierenden bei Vizebürgermeister Baron Fürth und drückte ihm in überaus warmen Worten seine Teilnahme anläßlich des Ablebens des Dr. Reiß aus. Gleichzeitig richtete der Landespräsident folgendes Schreiben an den Vizebürgermeister: Euer Hochwohlgeboren! Tief erschüttert durch die Trauerkunde von dem Ableben des Bürgermeisters, Regierungsrates Dr. Eduard Reiß, beeile ich mich. Euer Wohlgeboren und dem löblichen Gemeinderate den Ausdruck meiner aufrichtigsten Teilnahme an dem schweren Verluste, den der löbliche Gemeinderat und die Landeshauptstadt Czernowitz durch den Tod seines hochverdienten Bürgermeisters erlitten hat, zu übermitteln. Czernowitz verliert in Dr. Reiß einen Mann, welcher durch viele Jahre in seinen Eigenschaften als Vizebürgermeister und Bürgermeister die Geschicke der Stadt mit der vollsten Hingebung und den glänzendsten Erfolgen geleitet hat. — Der ungeahnte Aufschwung, den die Stadt in dem letzten Dezennium genommen, legt Zeugnis ab von der unermüdlichen Schaffenskraft des Verblichenen und ist jede Errungenschaft, welche Czernowitz in den letzten Jahren zu verzeichnen hat, eng.mit seinem Namen verknüpft. Dr. Reiß erfreute sich infolge seines hochachtbaren Charakters und seines herzgewinnenden Wesens einer schrankenlosen Beliebtheit, und glaube ich, daß es in der ganzen Stadt wohl niemanden gibt, der durch das plötzliche Hinscheiden dieses ausgezeichneten Mannes nicht auf das Tiefste ergriffen wird. Auch ich verliere in dem Dahingegangenen einen wahren und aufrichtigen Freund, der mir von der ersten Stunde meiner Amtstätigkeit im Lande stets als treuer Mitarbeiter und erfahrener Ratgeber zur Seite gestanden ist. Indem ich Euer Hochwohlgeboren bitte, den Ausdruck meines tiefsten Beileids dem löblichen Gemeinderate zu vermitteln, verbleibe ich mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebenster Bleyleben.