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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-05-03 · 18 (3.5.1907) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Dr. Llocd s MocbenscvrM. Seite 397 dem Minister des Innern eine geharnischte Interpellation überreichen, ob er nicht eine Untersuchung einleiten und die Schuldigen strenge bestrafen wolle. Die Wühler, welche sich von gewissen, durch Schimmelpilze gährende Freiheitsphrasen gerne berauschen lassen, mögen so bald als möglich Abstinenzler werden; der Katzenjammer wird ihnen zu fürchterlich sein. Wir glauben kaum, daß der uneigennützige Herr Neustadt!, der so wenig Reklame betreibt, eine Dankes-Deputation von tausend entzückten Wählern an Dr. Ofner zusammenbringen wird, um ihm die Anerkennung dafür ansdrücken zu lassen, daß er uns Juden glücklich die größten Machthaber im Staate, Feudale bis zu kaiserlichen Prinzen in der Umgebung des Thronfolgers hinauf, die jetzt fast allmächtige katholische Kirche zu erbitterten Feinden gemacht hat. Mit solchen Gefahren zu spielen, wäre ein Verbrechen der Wähler. Nur die Gerechtigkeit, die Ruhe ini Auftreten, die Bescheidenheit haben uns einen gewissen Schutz seitens der Behörden verschafft, der jetzt umso nötiger sein wird, als das kommende Parlament der verstärkte Antisemitismus ist. Besonnene, verständige Männer, die an ihrem Judentum hängen und es verschmähen, um den Preis der persönlichen ReklameihreStammesgenossen inunabsehbare Gefahren zu stürzen, müssen wir haben, müssen wir auch im brennenden Interesse der Juden in der Provinz bekommen, die in der Leopoldstadt mitvertreten werden. In dieser Beziehung bedarf der Kandidat Landesschulrat Dr. Kohn keines Rühmens. Ueber das Judentum, das er beherrscht und das ihn beherrscht, braucht man kein Wort zu verlieren. Jeder weiß, wie es bei ihm im Herzen und im Kopfe sitzt. Sein Freisinn ist der allein würdige, allein echte. Ohne aggressiv zu sein, arbeitet er mit Unterstützung der Wahrheit und Gerechtigkeit auf jenes Ziel hin, das wir alle wünschen, auf die Wiedereinrichtuug der Staatsgrundgesetze, die Gleichheit aller Bürger im Staate, für das Verschwinden aller jüdischen Spezialinteressen. Seine Leidenschaft zeigt er nicht bei der Wahlmache, sondern bei der Vertretung der ihm anvertrauten hohen Interessen. Als Vizepräsident seiner großen Korporation, die seine persönliche Bedeutung und Kraft vor der Außenwelt erhöht, als verdienstvolles Präsidialmitglied der großen Wiener jüdischen Kultusgemeinde, in welcher alle Stände vertreten sind, hat er bei seiner stadtbekannten Arbeitsamkeit die Gelegenheit wahrgenommen, alle Stände und deren Bedürfnisse gründlich kennen zu lernen. Er weiß genau, wo jeden Stand der Schuh drückt und von seiner ehrlichen, mustergiltigen Auffassung der Amtspflichten wie von der berühmten Güte seines Herzens ist eher als von tönenden Versprechungen anderer Kandidaten zu erwarten, daß er sich um eine ausgleichende wirtschaftliche Gerechtigkeit aufrichtig bemühen wird. Die glänzenden persönlichen Eigenschaften dieses Wahlwerbers, der in loyalster Weise einem höheren Zweck zuliebe zwischen die feindlichen Lager getreten ist, die außerordentlich großen Verdienste, die sich Landesschulrat Dr. Gustav Kohn um Juden und Judentum erworben hat, hätten es als sicher erwarten lassen, daß seine Kandidatur allseitig mit Jubel ausgenommen werde. Daß dies nicht überall geschah, daß der tüchtigste Mann im Felde von einigen leichtfertigen Nachbetern und einigen unklaren Elementen angefeindet wurde, ist nur für die Angreifer ein Armutszeugnis, das ihnen die überwiegende Zahl der Wähler bestätigen wird. Diese wissen, daß sie nicht dem Rummel einiger stimmgewaltiger Ausrufer zulaufen dürfen, hinter dem eine gewaltige Enttäuschung, wenn nichts Schlimmeres kommt. Es ist ein Vertreter des Leopoldstädter jüdischen Bürgertums zu wählen, nicht dessen bitterster Schädling, nicht ein Vertreter der Ehereform, nicht ein Gegenvertreter gegen die katholische Kirche und die Machthaber in Oesterreich. Kon der Taufe des Inden. Unter obigem Titel bringt der „Badische Landesbote" das Zentralorgan der badischen Demokratie, in seiner Nummer vom 26. v. M. den folgenden Aufsatz: „Die Uebertritte von Juden zum Christentum niehren sich von Tag zu Tag; bald treten Erwachsene über, bald lassen Eltern, die selbst noch im Judentum bleiben, ihre Kinder taufen. Das ist nun nicht, wie man auf den ersten Augenblick annehmen möchte, eine interne Angelegenheit der jüdischen Gemeinschaft, sondern es spielen hier Fragen herein, die das ganze deutsche Volk betreffen. Von diesem Gesichtspunkr aus treten wir einmal dieser Erscheinung näher. . . . Diese Dinge müssen einmal besprochen werden im Interesse der deutschen Volksgemeinschaft. Wir haben in Deutschland einen starken Antisemitismus, stärker wie in den meisten anderen Kulturländern. Die Gleichberechtigung der Juden, in der Verfassung verbrieft, existiert in Wirklichkeit nicht; von der Verwaltung sind die Juden in allen deutschen Bundesstaaten so gut wie ausgeschlossen; die Richterkarriöre verschließen ihnen einzelne deutsche Staaten, andere erschweren sie. Die ordentliche Professur ist an vielen Hochschulen von der Taufe abhängig; im Offizierkorvs sind Juden nicht geduldet. Noch schlimmer der gesellschaftliche Antisemitismus. Judenreine Vereine, judenreine Studentenverbindungen, judenreine Freimaurerlogen „zur Pflege der Toleranz". Wir treten in keine Kritik dieser Zustände ein; sie sind, sie werden iu Jahrzehnten nicht verschwunden sein. Um den Schwierigkeiten, die der Antisemitismus ihnen bereitet, zu entgehen, lassen sich nun viele Juden, die zu ihrer Religion keine Beziehungen mehr haben, taufen. Sie eröffnen sich damit eine bessere Karriere; der unduldsame Staat wird plötzlich dem getauften Juden gegenüber merkwürdig tolerant. Erzählt man sich doch auch aus unserem badischen Musterlande das gute Stücklein von dem jüdischen Juristen, dem sie die Verwaltungslaufbahn zunächst verschlossen, aber nach der Taufe eröffneten. Als er dankerfüllt zum Minister kam, soll der ihn mit den heiteren Worten empfangen haben: „Sehen Sie, es geht schon besser!" Die Argumentation dieser neuen Christen ist eine sehr einfache: Juden sind wir nicht; wir glauben nicht an unsere Lehre; die Gebote unserer Religion existieren für uns nicht; sie sind uns nahezu völlig unbekannt. Warum sollen wir nicht, um dem Antisemitismus auszuweichen. unsere Religion, der wir tatsächlich längst nicht mehr angehörten, auch formell aufgeben?" Bis dahin ist die Argumentation ganz gut, wenn schon vornehmere Naturen gerade wegen des Antisemitismus im Judentum bleiben. Fahnenflucht in Zeiten der Gefahr ist immer verächtlich. Aber die Sache hat eine andere, schlimmere Seite. Diese Juden treten nicht nur aus dem Judentum aus, um sich, der Wahrheit gemäß, freireligiös zu erklären. Das bringt keinen Nutzen; sondern sie treten zum Christentum über, an das sie so wenig glauben, wie an ihr alles Judentum. Die seltenen Fälle, wo Juden aus innerer religiöser Ueberzeugung Christen werden, scheiden selbstverständlich aus unserer Betrachtung aus. . . . Der Normalfall aber ist der, daß ein Jude, der so wenig an das Christentum wie an das Judentum glaubt, sich taufen läßt. Und hier liegt das Tieftraurige der Sache. Nicht sein Austritt aus dem Judentum ist das moralisch Verwerfliche; sein Uebertritt zum Christentum, die große Lüge, die er in feierlicher Form ausspricht, um sich materielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erkaufen, macht den getauften Juden so verabscheuungswürdig. Der Staat aber, dieser Wächter der Sitte und Moral, belobnt diese Charakterlosigkeit; er setzt eine Prämie auf sie aus; er heißt den Streber, den die Lüge nicht schreckte, willkommen, den charakterfesten Juden aber stößt er von sich. Wir verlangen volle Gleichberech. tigung für die Angehörigen aller Konfessionen; die Frage aber wäre zu prüfen, ob nicht im Jnteresie der moralischen Reinheit der Beamtenschaft dem getauften Juden, der ohne Ueberzeugung den „Glauben" wechselte, staatliche Stellen zu verschließen wären. Die Geistlichen aber, die — und das ist die Regel — in genauer Kenntnis der wahren Gesinnung des „von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugten" Juden einen heiligen Akt ihrer Religion in dieser schmählichen Weise mißbrauchen lassen, scheinen uns auch merkwürdige Vertreter ihres Standes zu sein. Nun gibt es. wie wir oben angedeutet haben, noch einen andern heute recht gebräuchlichen Weg. Eltern, die selbst Juden bleiben, lassen ihre Kinder taufen. Die Eltern fühlen, daß es schmählich ist. ohne innere Ueberzeugung eine andere Religion anzunehmen; warum aber, so fragen sie, sollen wir nicht unsere Kinder vor den Vorurteilen bewahren, unter denen wir selbst so viel gelitten haben? Ich sehe ab von einer besonders heiteren Form, wo Eltern ihre Söhne taufen ließen — aber nicht ihre Töchter. Den Buben die Kirche, den Mädchen die Synagoge, den Söhnen die Karriere, den Töchtern die Ehe. Auf dieser Paarung christlicher und jüdischer Religion lastet zu sehr der Fluch der Lächerlichkeit, als daß man sich ernstlich damit zu beschäftigen braucht. Ich behalte die äußerlich ernstere und würdigere Form im Auge, wo Eltern, denen aus Gründen der eigenen Ueberzeugung der Uebertritt unmöglich ist, ihre Kinder ohne Unterschied des Geschlechtes dem christlichen Glauben zuführen. Aber auch hier suchen sich die Eltern über ihre eigene Charakterschwäche hinwegzutäufchen. Stehen die Eltern noch auf dem Boden der jüdischen Religion, so wäre es ein großer Ueberzeugungsbruch, die Kinder um

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