Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit- 296 L-r. VLoLL's WschrmchrM» Nr. 18 suchen durch immer lauteren Wirbel den Marsch der Wählermaffeu nach dem gewünschten Ziele zu lenken. Zwifche nall dem Getöse, zwischen den sieben Männern, die sich um eine Stadt streiten, wie sich einst im grauen Altertum sieben Städte um einen Mann gestritten haben, fällt es dem von allen Seiten sehr geehrten Wähler schwer, den Kopf so kühl und ruhig zu erhalten, wie es die Notwendigkeit gebieterisch ihn heißt. Denn wenn das Kriegsgeschrei der Majorität nicht bald verstummt, wird es schließlich von dem Gelächter des Herrn Emerling übertöut werden, der zur Bekämpfung des Bürgertums ins Parlament eiurückt, oder gar des Kammerrates Zesewitz, der in der Still' und in der G'ham die Häupter seiner Lieben zählt, ordnet und vermehrt. Bleibt also die Wahl zwischen den beiden aussichtsvollen Kandidaten, deren Unterschied kurz mit den Worten bezeichnet werden kann, daß der eine mit getauften Juden umgeben ist, der andere mit uugetauften. Mit jener feierlichen Ruhe, deren eine so wichtige Angelegenheit bedarf, soll nun die Wage aufgestellt werden, um das größere oder kleinere Gewicht der Kandidaturen zu prüfen. Denn schließlich werden sich die Wähler einigen muffen, um nicht die wirklichen Interessen ihres Wahlbezirkes dem lieben Gott zu überlassen, was ja auch für die ganz Freisinnigen gar nicht in Betracht käme. Wir wollen nicht verschämt tun und heraussageu, daß die Judenfrage im Arbeitsgebiet des Abgeordneten der oberen Leopoldstadt die Hauptrolle spielen wird. Wenn auch in der Wählerversammlung des Herrn Dr. Ofner am vorigen Samstag der Universitätsdozent Dr. Ludo Hartmann mit dem Brustton seiner erst seit neuerer Zeit „arisch" gewordenen Ueberzeugung sagte, das Judentum sei kein staatliches Programm, so wagen wir hingegen zu behaupten, das Judentum sei ein staatliches Programm, und zwar das der Antisemiten! Warum hat sich denn Herr Hartman« konfessionslos erklären lassen? Vielleicht aus religiöser Ueberzeugung, vielleicht aber auch deßwegen, weil das Judentum das unüberwindliche Hindernis auf der akademischen Laufbahn ist. Da hat nun der Herr Dozent und alle diejenigen, welche dozieren, daß der Kampf gegen den Antisemitismus nicht notwendig sei, die Antwort. Nur einem Schwachköpfigen dünken die Reden der Antisemiten Schall und Rauch. Gerade im empfindlichsten Lebensnerv treffen uns diese Reden, die jenseits des Taufbeckens so verachtungsvoll angehört werden. Der Arzt, der Gewerbetreibende, der Kaufmann — alle jüdischen Erwerbsmenschen sehen die Kürze und Bedeutung des Werdeganges, auf welchem ans den antisemitischen Worten der Führer antisemitische Taten der Bevölkerung werden, von schwerstem wirtschaftlichen und moralischen Eintrag. Es ist nicht nur sehr löblich, sondern sogar sehr notwendig, hochverehrter Herr Dozent und meine Herren stürmischen Beifallsspender, daß Herr Dr. Kohn ruft: „nieder mit dem Antisemitismus", das heißt, daß er alle verfügbaren Kräfte gegen diesen barbarischen Feind sammeln und anführen will. Wenn auch der Antisemitismus davon nicht gestorben ist, so wird er doch durch systematischen Widerstand verlangsamt, zum Stillstand gebracht, eine Menge von Existenzen werden sich noch erhalten können und vielleicht wird man es bei einiger Ausdauer und Geschicklichkeit ncch so weit bringen, daß sich jüdische Universitätsdozenten nicht taufen lassen müssen. Ja, wenn mau aufrichtig sein wollte! Dann müßte mau ganz einfach sagen, daß Herr Dr. Ofner einen Kampf für das Judentum gar nicht führen könne, weil ihm das Judentum vollkommen fremd sei. Man müßte sagen, daß sein Arsenal in dieser Frage jene Waffen sind, die den Antisemitismus weder töten, noch auch verwunden, sondern bloß zum Lachen kitzeln. Das sind jene kraftlosen Schlagworte aus anno Tobak, die wir nur mehr in Nestroys Lustspielen, nie mehr aber auf der politischen Tribüne zu finden hofften. Dem ganzen Verleumdungsfeldzug der Antisemiten gegen die Juden wird Herr Dr. Ofner hilflos gegenüberstehen, was Argumente anbetrifft. Unsere Feinde werden reden dürfen, was sie wollen, ohne Widerspruch. Denn eine schöne Rede auf die allgemeine Freiheit wird kein Mensch als richtige Antwort betrachten. Dieser Mangel ist es nicht allein, der die Bedenken schafft. Herr Dr. Ofner ist nicht nur vollständig wertlos vom Standpunkt des kämpfenden Judentums, er fügt ihm noch den allerschwersten Schaden zu. Ein Mann, der nicht imstande ist, uns zu verteidigen, darf es nicht wagen, den übermächtigen Feind anzugreifen und ihn auf uns zu hetzen. Es ist allgemein bekannt, daß im christlichen Oesterreich ein wahrer Kreuzzug zur Verteidigung der katholischen Ehegesetze und gegen die Freie Schule geführt wird. Von allen Kanzeln wird er gepredigt, flammende Hirtenbriefe werden von allen Bischöfen erlassen, die ersten Personen des Staates nehmen an enormen Massenversammlungen zugunsten der Kirche teil. Wir fragen nun, was uns die Geschichte eigentlich angeht? Es ist Geschmacklosigkeit und Aufdringlichkeit, sich in die Angelegenheiten anderer Konfessionen hineinzumischen. Selbst der liberale Christ, dem die klerikale Herrschaft nicht recht ist, empfindet die jüdische Einmischung als ekelhaft. Wir tun ja auch alles, damit sich niemand in unsere konfessionellen Verhältnisse einmengt und bezeichnen es ungescheut als Frechheit, wenn es wirklich geschieht. Man mag zehnmal sagen, daß es sich um staatliche Gesetze handelt. Doch sind es staatliche Gesetze für die Christen und sie sollen sich sie selbst abschaffen, wenn sie ihnen nicht recht sind. Die Mithilfe der Juden ist auch vom Standpunkt des Verstandes aus durchaus verwerflich. Keiner liberalen Bewegung wird durch unsere Teilnahme genützt, vielmehr ist das Gegenteil notorisch. Besonders aber der aktive Kampf für die Ehereform, gegen welche sich die katholische Kirche mit aller Macht verwahrt, ist ein unverantwortliches Vorgehen seitens eines Juden. Ohne kriechen und uns ducken zu wollen, verlangen wir ja immer besondere Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger, weil wir ruhig und auf ehrliche Arbeit bedacht dahinleben. Weil die schweren Vorwürfe, die man gegen uns erhebt nicht wahr feien, die Schädigung des Volkes, die Lockerung des Staatsgefüges, das Streben nach unberechtigter Macht. Unter dieser Voraussetzung konnten wir noch immer auf die Wirkung eines Anrufes der Gerechtigkeit, auf eine Schonzeit durch die Uebermacht rechnen. Wie wollen es nun die Wähler der Leopoldstadt vor sich selb st und allen anderen Juden des Reiches verantworten, daß sie zum Vertreter eines jüdischen Bezirkes den Mann machen, welcher den klerikalen Antisemitismus aufs schwer st e provozierte, der die berechtigte Rache unbesiegbarer Machtfaktoren heraufbeschworen hat und dessen Tätigkeit schon wiederholt das Echo hervorrief: „Nieder mit den Juden!?" Dieser Mann ist Dr. Ofner. Und ohne in eine weitere Beleuchtung seiner Würdigkeit einzugehen, erklären wir, daß er die Befähigung zu einem Vertreter der jüdischen Leopoldstadt an jenem Tage verlor, an dem er die Führerschaft der Bewegung für Ehereform und Freie Schule übernahm. Niemand darf von uns den Antisemitismus, noch dazu mutwillig, provozieren; ein Mann schon gar nicht, der dem Antisemitismus gegenüber hilflos ist. Der Volkshaufe, den aufgeregte Priester in die Versammlung Dr. Ofners im Bayrischen Hof geführt haben, wird sich noch öfters in den Straßen des zweiten Bezirkes zeigen, wenn die teueren Leiden des billigen Heldentitels eines antiklerikalen Vorkämpfers, als den sich Dr. Ofner ausgibt, von der jüdischen Bevölkerung werden getragen werden müssen. Wenn infolge der Wirksamkeit dieses Kandidaten Judenkrawalle in der Leopoldstadt entstehen sollten wie vor einigen Jahren, dann mag vielleicht derselbe Kandidat