Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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<Beite 294 Vr. JSiocb'6 Mocbenscvrrrr. Nr. 18 Diese Partei ist sich ihrer Macht wohl bewußt und geniert sich gar nicht, diesem Bewußtsein Ausdruck zu geben. Sie haben, geehrte Herren, die Aeußerung des Landesausschußmitgliedes Bielohlawek in einer Wählerversammlung des Magistratsdirektors Dr. Weiskirchner gelesen, er warne den Ministerpräsidenten und die Behörden, das Treiben anderer, offenbar ihm mißliebiger Parteien ruhig zu dulden, es werde jeder Fall notiert. Dahin hat es schon die ängstliche Passivität leitender Stellen gebracht. Ein anderes Bild! Aus der glorreichen alten Zeit des Liberalismus ragt das Reichs-Volksschulgesetz herüber, entstanden aus der Begeisterung eines freigewordenen Volkes, ein Gesetz, das ein ewiger Denkstein für seine Schöpfer, ein unvergängliches Ruhmesblatt für Hasner und alle die Heroen jener großen Zeit bleiben wird, bestimmt, die Bildung und dadurch auch den Wohlstand des Volkes zu heben. Einsichtsvolle, mit gutem Blick für die Zukunft ausgestattete Staatsmänner, eine von Liebe zum Guten und Ersprießlichen ideal durchglühte Volksvertretung und ein auf hoher Zinne wachendes Herrenhaus, da und dort Leuchten des Geistes und der Wissenschaft, haben seinerzeit bei Schaffung dieses Gesetzes erkannt, daß die Schule ein Palladium sein muß, unantastbar, aber auch von höchster Bedeutung für die Entwicklung unseres Vaterlandes, für die Entwicklung aller Bürger desselben. Die Schule, welche berufen ist, für die Charakterbildung der Jugend, für die Erziehung derselben zu ehrenhaften, friedlichen, Nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu sorgen, kann dieser Aufgabe nur durch nicht bloß pädagogisch tüchtige, sondern auch selbst charakterfeste Lehrer gerecht werden. Was wollen wir dazu sagen, wenn bei dem aufrechten Bestände des Reichs-Volksschulgesetzes und unter offizieller Festhaltung an demselben die in diesem Gesetze enthaltenen, im Jntereffe aller Staatsbürger gelegenen Bestimmungen durch administrative Verfügungen, in letzter Zeit gar durch LandeSgesetze durchlöchert, zum Teile nullifiziert werden? Ist es zu erwarten, daß bei der heutigen Abhängigkeit die Lehrer, welche um die Existenz ihrer Familie ringen müssen, welche bei jeder Gelegenheit auf das Wohlwollen der jetzigen Machthaber angewiesen sind, unbekümmert darum, die Schule nach den ewigen unvergänglichen Prinzipien der Ethik und Moral führen, treu und ehrlich das Reichs-Volksschulgesetz zur Geltung bringen? Ist nicht vielmehr zu befürchten, daß die Lehrer den Winken der Machthaber gehorchen, im Bewußtsein, daß ihr Schicksal und das Schicksal ihrer Familie vollständig von dem Ermessen und von der Willkür abhängt — daß dieselben in diesem Bewußtsein Prinzipien in der Schule aufkommen lassen, Prinzipien in die Schule hineintragen, welche verderblich auf das Herz und auf die Erziehung der Jugend wirken müssen? Ist es nicht ein Jammer, daß schon in der Jugend, in der ftühesten Kindheit, unter Mißbrauch der wahren Religion, welche Liebe lehren soll, Zwietracht gesäet wird? Und was soll aus solcher Saat Hervorgeyen, wie soll es auf die Kinder wirken, wenn ihr Lehrer (glücklicherweise und zur Ehre des noch immer tüchtigen Lehrerstandes sei es gesagt, derzeit noch in einem sehr kleinen Bruchteile) die Kinder aus konfessionellen Gründen beschimpft und quält? Die Kinder haben ein gutes Gefühl für ähnliche Dinge, und so wie-Unaufrichtigkeit auf das Volk korrumpierend, zumindest verwirrend, die Empfindung, was Recht, was Unrecht ist, trübend wirken muß, ebenso wird in dieser Weise schon in die Brust, in die Seele der Jugend der Keim der Heuchelei und der Zwietracht gelegt. Was soll man dazu sagen, wie soll es wirken, wenn Personen ausgezeichnet werden, die berufsmäßig in ihren Organen Haß gegen große Klassen des Volkes, natürlich vor allem gegen uns Juden predigen, die aus der Verhetzung, aus der Saat des Unftiedens,'aus der Spekulation auf die bösesten Instinkte ihren reichlichen Erwerb finden? Gewiß erfolgte diese Auszeichnung nicht wegen der Verhetzungen, gewiß erfolgte sie aus anderen Gründen trotz der Verhetzungen; wird aber nicht dadurch der Schein erweckt, als ob diese Verhetzungen nicht nur mit einer nicht entschuldbaren Passivität geduldet, sondern von Fall zu Fall nicht ungerne benützt werden? Welchen Eindruck soll es machen, wenn vor kurzem, fast knapp vor den Wahlen, der Leiter des Wahlkatasters belobigt und ausgezeichnet wurde, zu einer Zeit, wo schon offenbar war, daß der Wahlkataster vielerlei Unrichtigkeiten enthält und wo man, mit Recht oder Unrecht, öffentlich erzählte und journalistisch behauptet wurde, daß die Unrichtigkeiten der in Wien herrschenden Partei zugute kamen? Muß nicht auch da der Schein erweckt werden, als ob diese Vorbereitungsaktion bei Anlegung des Wahlkatasters, welche der in Wien herrschenden Partei zugute kommt, höheren Ortes nicht unbequem erscheint und gewissermaßen als in das System gehörig angesehen wird? Wir haben in Oesterreich und insbesondere in Wien eine sehr große Volksschichte, für welche das Verhalten der hohen und höchsten Stellen, in Bezug auf ihr Verhalten, richtunggebend ist, und wenn nun der Schein der Billigung gewisser Unzukömmlichkeiten bemerkbar wird, so ist es zweifellos, daß eine große Zahl von Personen in dem falschen, irrigen Bewußtsein, damit ben Winken der Regierung zu folgen, sich bei der Wahl der Kandidaten leiten läßt. Ich könnte diese Beispiele des Mangels an Mut, der wirklichen Gesinnung Ausdruck zu geben, noch sehr erweitern; ich beschränke mich aber darauf, aus diesen Beispielen den Schluß zu ziehen, daß solche Vorkommnisse in der Volksseele einen Widerhall finden und verderblich wirken müssen. Ich meine, daß es die Aufgabe eines richtigen Volksvertreters fein muß, gegenüber solchen Erscheinungen Stellung zu nehmen und dadurch das Pflichtgefühl, die Sittlichkeit des Volkes zu heben, den durch solche Vorkommnisse hervorgerufenen Jndifferentismus zu beseitigen, welche Qualitäten für die Gesundung des Staatslebens unbedingt erforderlich sind. Es muß besonders bezüglich der Schule Wandel geschaffen werden. Die Lehrer müssen unabhängig von der jeweiligen Strömung gemacht werden, und es kann lediglich und allein die Aufgabe der Lehrer sein, erziehlich auf die ihr anvertraute Jugend zu wirken, dieselbe zu belehren und zu bilden und die Grundlage für die spätere Existenz ihrer Zöglinge als nützliche Staatsbürger, als ehrliche und fleißige Menschen zu schaffen. Dazu wird es aber auch vor allem nötig sein, für die Lehrersreudigkeit und für die Exigenzen der Lehrer in ausreichendem höheren Maße zu sorgen. Eine Folge der eingangs meiner Rede geschilderten Umstände sind auch die in den letzten Jahren im Reichsrate beschlossenen Gesetze, welche unter dem Scheine, Hilfe zu bringen, keinen anderen Zweck verfolgen, keine andere Begründung haben konnten, als daß geglaubt wurde, daß man damit uns Juden schadet, ohne daß dabei bedacht wurde, daß alle diese kleinen Hilfsmittel, so beispielsweise der Befähigungsnachweis, die Gewerbenovelle, dem sogenannten kleinen Manne, den man aus Parteirücksichten heute bei guter Stimmung erhalten wollte, gar nichts nützen, den Erwerb aber für Alle, ohne Unterschied der Konfession, unterbinden. Die Hetze begann mit dem Hausiergesetze und es wurden durch dasselbe auch' Tausende von nichtjüdischen Exigenzen und zwar in der weitaus größten Mehrzahl insbesondere in der Provinz an den Bettelstab gebracht. Wie viele Frauen und Mädchen, die bessere Tage gesehen, haben sich bei Verschlechterung der Verhältnisse aufgerafft und sich durch Hausschneiderei oder Frisieren oder andere Beschäftigung ehrlich durchgebracht, Frauen und Mädchen aus gebildeteren Ständen! Alle diese Existenzen sollten untergraben werden und nur ein günstiges Geschick hat einen Teil derselben durch die Interpretation des Gewerbegefetzes seitens der Regierung in der Vollzugsvorschrift vor dem vollständigen Ruine gerettet.