Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang AXIV 4 Nr. 18 Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. ö-ö K. k. Postl'parftassen-Nmi Lleartng-Verkebr Nr. S10.976. Nrdnklion und Administration: Wien IX/i. Kerggasse Mr. 3S. Telefon Nr. 14.847 V-* Wien. 3. Mai 1907. Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mtten, IX/är. Lerggasse 39. Telegramm-Adresie: ffilOCft’S TKHocben0dbrift, Mien. V---£ Dezugsprris für Vesterreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller. Äür's Ausland: Halbjährig IO Kronen. Ganzjährig 2O „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: Kindidaienrede vo>: Dr. Ga'tap Kohil. — Aas deal V. Wahlkreis. — Boa der Taufe des Juden. — Bürgermeister Dr. Eouard Reiß in Czernowitz. — Korrespondenzen: Tempelspenden. Prag. Tabor. Verzeichnis über die in Suczawa gesammelten Spenden. London. Ein jüdisches Mitglied des Oberhauses von Transvaal. Ein Handschreiben des Kaisers Menelik II. von Aethiovien. Bon Juden in Amerika. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien, I., Seiteilstettengasse 4, für arme kranke Glaubensgenossen. Wien. Generalversammlung des Vereines zur Hebung der Gewerbe in Wien. Mistelbach. Budapest. Berlin. Paris Baku. Budapest. Brüssel. Rom. London. „Bezalel". — Feuilleton: „Das Rassenvorurteil." — Literatur. — Neue Bücher — Briefkasten. — Inserate. Kandidatenrede des vom Zentralwahlkomitee für das Neichsratsmandat des V. Wiener Wahlkreises (innere Leopoldstadt) nominierten Landesschulrates Dr. Gustav Kohn, gehalten in der Wählerversammlnng im großen Saale des »Hotel Stefanie" am 25. April 1907. Sehr geehrte Herren! Ueber die von dem Bezirkswahlkomitee der deutsch-freisinnigen Partei für diesen Bezirk in so auszeichnender Weise an mich.ergangene, vom Zentralwahlkomitee ratifizierte Einladung, mich um das Mandat des V. Wahlkreises zu bewerben, habe ich mich zunächst gewistenhast auf meine Eignung geprüft. Mit Rücksicht auf meine Kenntnisse und die vielen Erfahrungen im Schulwesen, auf meine ehrenvolle 36jährige Tätigkeit als Advokat, auf die vielen Erfahrungen, die ich so ziemlich auf allen Gebieten gesammelt habe, auf meine rege, wenn auch nicht öffentliche Jahrzehnte lange Tätigkeit im politischen Leben, durfte ich mir sagen, daß ich wohl in der Lage bin, für das Interesse meiner Mitbürger, für unser Vaterland auch auf diesem Gebiete etwas leisten zu können, und so stelle ich mich Ihnen, sehr geehrte Herren, nunmehr als Kandidat für dieses Mandat vor, gleichzeitig für die ganz besondere Auszeichnung meiner Berufung bestens dankend. Daß ich mir der Schwere und der Bedeutung der Aufgabe, die mir übertragen werden will, wohl bewußt bin, daß ich insbesondere bei dieser Gelegenheit und in dieser Stunde des nach jeder Richtung großen unerreichbaren Vorbildes des Altmeisters, Prof. Dr. Ed. Süß, sowie meines wackeren Vorgängers in diesem Mandate, meines Freundes und Kollegen Dr. Vogler, gedenke und daß ich diesen beiden Männern nachzustreben bemüht sein will, erschiene mir allein schon als ein erschöpfendes Programm. Ich will aber der allgemeinen Hebung folgen, daß die Bewerber um ein Mandat ihre Ansichten entwickeln, ihr Programni darlegen. Unser Staats- und Volksleben ist krank, sehr krank. Wenn ein Arzt zu einem Kranken berufen wird, so muß er vor allem die Gründe der Erkrankung zu erforschen bemüht sein. Ebenso steht es mit dem richtigen Volksvertreter und so muß ich mir zunächst die Frage beantworten, woran wir und unsere Zustände in Oesterreich in allererster Reihe kranken. Ich beantworte mir diese Frage dahin, daß in allererster Reihe der Mangel an Mut der Ueberzeugungstreue, an Mut zur Aufrichtigkeit, an Mut der Kongruenz der wirklichen inneren Meinung und des äußeren Ausdruckes derselben es ist, welche unsere Politik beherrscht, unter welchen alle bestehenden Uebelstande sich entwickelt haben, sich entwickeln mußten, unter denen wir alle leiden. Ich will diese Behauptung durch einige Beispiele erhärten Wir danken der so vielfach verlästerten liberalen Partei die Staatsgrundgesetze, welche unter anderen wertvollen Errungenschaften die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, insbesondere auch die Gleichberechtigung aller Konfessionen verbürgen; und von dieser Gleichberechtigung wissen wir Juden in erster Reihe ein merkwürdiges Lied zu fingen. Im Artikel 3 der Staatsgrundgesetze heißt es ausdrücklich, die öffentlichen Aemter sind für alle Staatsbürger gleich zugänglich. Und wie wird dieser Artikel der Staatsgrundgesetze jetzt gehandhabt? Beinahe in ganz Oesterreich, insbesondere zum mindesten aber voll und ganz in dem Wiener Sprengel wird seit Jahren kaum ein Jude zum Auskultanten ernannt, also in jener untersten Rangstufe, welche man passiert haben muß, um Richter zu werden. In den weitaus meisten Fällen werden jüdische Richter präteriert, indem man die entsprechende Form zu dieser Präterierung findet. Auch in den anderen Zweigen der Staatsverwaltung finden in letzter Zeit nur ganz ausnahmsweise Juden eine Anstellung, müssen Juden, wenn sie eine gewiffe Stellung in der Beamtenhierarchie oder im Heere, oder in der Marine erlangt haben, selbst bei der ausgezeichnetsten Qualifikation in voller Rüstigkeit den Ruhestand aufsuchen, lind all dies nicht etwa, weil die entscheidenden Faktoren antisemitische Vorurteile haben, sondern weil es denselben an dem Mute fehlt und sie vor jener Partei, die sie durch ihre Passivität groß werden ließen und insbesondere vor der Presse dieser Partei sich ängstigen.