Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021728--16339-3041153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 290 Dr. Llocb's MocbenscbrM< Nr. 17 dorthin und verteilte den in deutscher und englischer Sprache verfaßten Bericht über die Tätigkeit des jüdischen Komitees. Es soll nicht übergangen werden, daß eine Rednerin aus Oesterreich dem Mädchenhandel eine konfessionelle Spitze gab, indem sie auf die vielen jüdischen Händler und die Connivenz der jüdischen Presse hinwies. Dieser Vorstoß prallte ab, nachdem Mr. Coote, der seit Jahren eifriger Mitwirkung der jüdischenglischen Gesellschaft besondere Anerkennung zollte und die wirkliche Schuld in anderen Ursachen klarlegte. Seit dem Londoner Kongreß hat die Arbeit des Komitees eine andere Richtung genommen. Bisher hat sich das Komitee mit vollem Fug und Recht eine gewisse Zurückhaltung zum Vorteil der Bestrebungen auferlegen müssen, um die Händler nicht aufmerksam zu machen und die Schwierigkeit der Arbeit nicht zu vermehren. Von jetzt ab lag es eben so sehr im Interesse der Sache, in die Oeffentlichkeit zu treten. Einmal war dieses ganze schmachvolle Getriebe zur öffentlichen Kenntnis der Welt gebracht, öffentlich behandelt worden, und da hatte das Komitee die unabweisliche Pflicht, angesichts des konfeffionellen Vorstoßes urdi et orbi klipp und klar uachzuweisen, daß unser Komitee schon längst sich mit der Bekämpfung befaßt, einige weibliche Personen schon befreit und eine systematische Abwehrtätigkett eingeleitet habe. Das Nächstliegende war, Fühlung mit dem Deutschen National- Komttee zu suchen. Auf Anraten von Tuch besuchte Maretzki den Pfarrer Burkhardt in Berlin, der die Absicht unsererseits, müzuarbetten, fteudig aufnahm. In einer zweiten Besprechung mtt chm, an welcher Tuch teilnahm, wurde zwar der Anschluß unseres Komttees an das Deutsche National-Komitee abgelehnt, weil dasselbe auf evangelischem Boden stände und darum auch die katholischen Vereine nicht ausgenommen habe, aber es wurde verabredet, daß die Berichte und Sitzungsprotokolle ausgetauscht werden sollen. Das geschah 1900. Indessen mehrte sich die Arbeit ungemein, eine'Zusammenfassung aller auf dem Gebiete der Verfittlichung täügeu Kräfte erschien absolut notwendig, das Deutsche National- Komitee nahm die katholischen Vereine auf. Inzwischen wurde ein zwetter Kongreß auf den 6. Oktober 1902 nach Frankfurt einberufen und eine Vorkonferenz des Deutschen Nattonal-Komitees sollte am Tage vorher abgehatten werden. Jetzt hielt es unser Komitee für geraten, sich wiederum an das D. N. K. zu wenden und ihm folgende 3 Anträge zu unterbreiten: 1. Unser Komitee in das D. N. K. als Zweigkomitee aufzunehmen. 2. Unserem Komttee eine Einladung zum Frankfurter Kongreß zugehen zu lassen. 3. Unserem Komitee Zutritt zur Vorkonferenz zu gewähren mit der Berechtigung, Bericht zu erstatten. Es wurde zu diesem Schrttt veranlaßt, um die Tätigkett unseres Komitees bekannt zu geben und in das richtige Licht zu stellen, unsere Auffaffung von den Ursachen des Mädchenhandels und den Mitteln der Bekämpfung dem öffentlichen Urteil zu unterbretten und jeder Ausbeutung in konfessionellem Sinn vorzubeugen. Dazu trat noch ein sehr wichtiges Moment. Durch das fortgesetzte Studium der Materie gelangte unser Komitee zu der Erkenntnis, daß wir in dem Mädchenhandel und der damtt verwachsenen Prostitution bei unseren osteuropäischen Glaubensgenossen einen Teil der mannigfachen Wirkungen des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Druckes zu erblicken haben, durch den sie der sittlichen Erniedrigung verfallen. Diesem inneren Zusammenhang hatte bereits Maretzki in der Bohemia-Loge zu Prag im November 1898 Ausdmck gegeben und die österreichischen Brüder aufgefordert, das Rettungswerk für Galizien ernstlich in die Hand zu nehmen. Nicht nur, daß das jüdische Komitee in diesem Sinne auf breitester Basis arbeitete und Wetter arbeiten wollte, mußte es uns auch viel daran gelegen sein, diese unsere Anschauung als zutreffend zu beweisen und unsere Tätigkeit als. allein erfolgreich zu begründen. Unsere Anträge wurden angenommen, Maretzki trat als Mitglied des D. N. K. ein, und das jüdische Komitee ist ein Zweigkomüee des D. N. K. geworden und fortan geblieben. — Zur Aufklärung und zur Mitwirkung hatte das Komitee eine Versammlung jüdischer Organisationen und Vereine nach Hamburg am 8. Juni 1902 einberufen, die zu einer einmüttgen Teilnahme au diesem Rettungswerke führte. Nicht unerwähnt möge bleiben, daß Krankenaustalten, wie das Hospital Schar Zion in Jaffa und der Emser Verein für Nervenkranke, von Logen mit Subventionen bedacht werden. Was die Ueberführung der Juden zum Ackerbau betrifft, so hat der Orden das vom verstorbenen Br. Simon (Hannover) begründete Institut in Ahlem, in welchem Knaben für die Gärtnerei ausgebildet werden, schon im Beginn seiner Tätigkeit mit einer Summe von 10.000 Mark subventioniert. Ferner hat er dem im Jahre 1900 begründeten Bodenkulturverein eine Summe von 5000 Mark zugewiesen. Treu der Verfolgung idealer Ziele hat der Orden sich der erwachsenen Jugend angenommen. Bereits 1891 wurde die Notwendigkeit der Bildung von Jünglingsvereinen betont, eine erziehliche Wirkung vorzubereiten und auszuüben besonders auf denjenigen Teil unserer Glaubensgenossen, welche der Schule bereits entwachsen, der Leitung und Beaufsichtigung der Eltern entbehren und somit leicht in die Gefahr geraten, der Verführung in jeder Gestalt anheimzufallen und den sittlichen Halt zu verlieren. Das ist namentlich in Großstädten zu befürchten, wo die Gelegenheit, auf Abwege zu geraten, leicht und vielfach gegeben ist. Dieser Idee lag auch der Wunsch zugrunde, die jungen Leute im Judentum zu festigen. Seitdem auf eine Anregung Grunwalds bei Gustav Tuch die Henry Jones-Loge 1897 den Jugendbund ins Leben gerufen, ist die Sache mehr in Fluß gekommen, aber langsam und allmählich. Der ^Hamburger Jugendbund zählt fast über 100 Mitglieder. Fast gleichzeitig bildete sich auf Anregung der Frankfurt- Loge ein Verein jüdischer junger Kaufleute unter dem Namen Montefiore-Verein. Er dient in erster Reihe populär-wissenschaftlicher Belehrung, sodann auch der Pflege der Geselligkeit und edlerer Unterhaltung. Wie sehr diese Gründung dem Bedürfnis entsprach, beweist die Tatsache, daß der Verein schon in der ersten Zeit 250 Mitglieder zählte. Die nächste Loge, die auf diesem Gebiete einen Erfolg zu verzeichnen hatte, war die Wehrend Lehmann-Loge. Sie gründete im Februar 1900 den Behrend-Lehmann-Verein zur Förderung idealer Bestrebungen unter den jüdischen jungen Kaufleuten, sie räumte ihm das Logenlokal ein und hält ihn in enger Fühlung mit der Loge. In der Folgezeit wurde das Arbeitsfeld weiter ausgebaut, belehrende Kurse wurden veranstaltet und ein ständiges Lesezimmer eingerichtet. Aus der Ueberfülle der Leistungen, deren sich die Großloge mit Recht rühmen darf, seien noch hervorgehoben: Einführung von Toynbeehallen, von jüdischen Krankenpflegerinnenheimen, Haushaltungsschulen, Handfertigkeitsunterricht, Jugendspiele, Kinderhorte und -Gärten, großartige Purim- oder Chanukabescherungen, Kinderhilfsstätten, Waifenfürforge, Jungfrauenvereine, Förderung des Handwerks, Arbeitsnachweis und Arbeitsstätten, Altersversorgung, Siechenhäuser rc. rc. In einem Schlußkapitel, das der „Zukunft des Ordens" gewidmet ist, lesen wir: „Bei aller Bescheidenheit und Einschränkung dürfen wir behaupten, daß der Orden eine soziale Großtat war und die Hochschule der Wohlfahrt werden soll. So tief haben sich soziale Ideen und Bestrebungen bei uns eingelebt und eingebürgert, daß sie zu ständigen, mtt Fleiß und Einsicht geübten unentbehrlichen Einrichtungen des Logenlebens geworden sind. Die soziale Arbeit hat die Brüder geweckt, aufgerüttelt, ihr Pflichtbewußtsein gehoben, sie gelehrt, ihre Gedanken zu konzentrieren, ihre Kräfte nützlich zu verwenden. Arbeit, mag sie noch so mühselig sein, gibt uns einen bleibenden Lebensinhalt und beseelt uns zu freudiger Zukunftshoffnung. Darum ist uns der Orden ein reiner, reicher Lebensquell geworden. Wir bekennen uns freudig zu unserem Orden, sind stolz auf seine großen Ideen, weil wir wissen, daß er ein Werk echt jüdischen Geistes ist. Und das soll ein Wahrzeichen des Ordens sein. Liebe zum Judentum, Treue dem jüdischen Glauben, soziale Arbeit für die Judenheit! In den Zetten des Schwankens und Wankens war er der feste Hort, zu dem sie sich flüchteten, wo sie Trost und Erholung fanden, wo sie sich im Geiste die Hände drückten, auszuharren im Glauben an Israels Mission und glückliche Zukunft, wo sie trotz aller Widrigkeiten und Zurücksetzung erstarkten in der Treue für den Glauben der Väter, wo sie aus begeistertem Munde vernahmen von der erhabenen Lehre der jüdischen Religion, von den Großtaten unseres Volkes, von den unsäglichen Leiden, die unserem Volke beschicken waren seit ur-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.