Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 17 Vr. Bloch's Wochenfttzrist. Seite 283 gegenwärtigen Konstellation der Verhältnisse nicht viel verspreche, nichts gegen die Beteiligung und Betätigung der Juden auf dem politischen Gebiete und deren Eintritt in den Kampf für Freiheit und Recht, für soziale Hebung aller Stände und Schaffung der Möglichkeit eines menschenwürdigen Daseins für alle, die im Ebenbilde Gottes geschaffen find. Schmerzlich nur berührt mich, und dagegen trete ich mit aller Kraft auf, daß man diese auf ganz anderen Grundlagen beruhende politische Betätigung mit dem Zionismus in Zusammenhang bringe. Der Zionismus ist mir viel zu heilig, als daß ich es ruhig zusehen soll, wie man denselben im eigenen Lager und in den Augen aller Welt mit der Drapierung der angeblichen Gegenwartsarbeit zu Zielen hinüberleitet, die seinem Wesen widersprechen, so daß derselbe für alle Mißgriffe und möglicherweise Mißbräuche verantwortlich wird gemacht werden. Der Zionismus ist eine Befreiungsbewegung und Ehrenrettung des ganzen jüdischen Volkes und darf nicht zu einer politischen Parteimarke in dem einen oder anderen Galuthlande degradiert werden. Die zionistischen Vereine und Organisationen sind für den Zionismus da und nicht für andere Zwecke. Die Jnfiltrierung derselben mit einheimischer Politik muß dieselben notwendig ihrem eigenen Ziele entziehen, zur Zerklüftung und Disharmonie nicht nur im Verhältnisse zu den zionistischen Organisationen anderer Länder, sondern ein nnd desselben Landes bringen. Beweise hiefür finden Sie gerade in Ihrem Heimatlande. Man spricht nicht von einer „jüdisch-nationalen Politik", von einem Kampfe der Juden um ihre staatsbürgerlichen Rechte, sondern man weist überall mit dem Finger auf die Zionisten hin. Wenn Sie sich in Galizien bemühen, an Stelle von entnationalisierten Juden, die mit dem Volke und dessen Jntereffen kein Gefühl verbindet und die Sie als die Hausjuden der Schlachzizen bezeichnen, solche Juden als Vertreter zu wählen, welche ein Herz für die eigenen Stammesgenossen und für deren Bedrückungen haben, so tun Sie es immerhin, und ich wünsche Ihnen den besten Erfolg. Allein Sie können dies nicht im Namen des Judentums unternehmen, was meiner Ansicht nach aufrichtig und ehrlich wäre, und selbst bei geringem Erfolge aller Welt Achtung abringen müßte? Warum tun Sie es im Namen des Zionismus, der seine Ziele ganz anderswo hat, den man hiedurch verwässert und dessen erhabene Idee in kleinen Münzen verausgabt? Wenn Sie die Devise haben: Friede mit den Polen und Friede mit den Ruthenen, so bin ich gewiß nicht der Letzte, der dies gut und löblich findet, wenn ich auch nicht der Ansicht bin, daß es kaum möglich ist. Doch können Sie dies ja einfach als Juden tun. — Warum gerade unter zionistischer Flagge! Der Kampf gegen die Assimilation, den Sie bei dieser Gelegenheit ins Treffen führen, wird von den bewußten Juden schon seit lange geführt und wird von denjenigen am allermeisten unterstützt, denen sich unsere Volksverräter assimilieren wollen, indem sie die unerwünschten Anschlußsucher bald mit feiner, bald mit weniger feiner Zurückweisung, immer aber mit dem berechtigten Gefühle der Mißachtung behandeln. Die Rückkehr vieler verirrter Volksgenossen würde durch politische Kämpfe nicht gefördert, die nur verbittern und die Gegenwehr stärken, sondern durch Ueberzeugung und dem Zusammenbruch der Ässimilationsbewegung selbst, dem alles Falsche und Unwahre naturnotwendig verfällt. Wenn die hochgehende Welle der Politik, ich hoffe recht bald, geglättet sein wird, dann werden auch meine jetzigen Gegner mir dankbar sein, daß ich einer derjenigen war, der in der allgemeinen Berauschung nüchtern geblieben ist, und auch Sie, geehrter Herr Gesinnungsgenosse, werden einsehen, daß ich der Sache Zions bei Freund und Feind damit keinen schlechten Dienst erwiesen habe, daß ich gegen die Hineintragung fremden Elementes und für die Reinheit des Ideals trotz der Verratsverdächtigung der Menge gekämpft habe. Sollte ich mich aber irren und es noch länger dauern, bis sich die Wahrheit Bahn gebrochen haben wird, so werde ich meinen Trost darin finden, daß ich meine Pflicht erfüllt habe. Wenn Sie dieses Schreiben veröffentlichen wollen, habe ich nichts dagegen. Mit Zionsgrüßen Ihr ergebener Dr. Kahn. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 21. April 1907 unter dem Borfitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags. Präsident Dr. Alfred Stern: „Als wir das letztemal vor 8 Tagen hier unsere Sitzung abhielten, ahnten wir nicht, daß zur selben Stunde ein uns allen lieber, teurer, unvergeßlicher Kollege, Salo Landau, aus diesem Leben abberufen werde. Er war kaum von einer Reise zurück^ekehrt und sein erstes war es, Frieden zu stiften, seine erste Tätigkeit galt der Beseitigung von Mißverständniffen, die während seiner Abwesenheit entstanden waren und gewiß, wenn er anwesend gewesen wäre, nicht hätten entstehen können. Und ein zweites, ein Akt der Wohltätigkeit, den er sofort 'ausübte, zugunsten eines armen, unglücklichen Kindes, für welches man sich an ihn gewandt hatte. Und daß man sich mit einer solchen Bitte an ihn gewandt hatte, war kein Zufall. Denn immer wenn es galt, Unglücklichen zu helfen, Elend zu wildern, zu einer guten Sache beizutragen, wußte jeder, daß er sich an Salo Landau nicht vergebens wende. Das Wörtchen „nein", das in solchen Fällen so verletzend klingt, hatte Salo Landau in seinem Sprachschätze nicht. — Wir alle kennen sein wenngleich nur kurzes, so doch ersprießliches Wirken in dem Vorstande unserer Gemeinde. Sie, meine Herren, wiffen, daß es mit mancher religiösen Institution unserer Gemeinde infolge verschiedener Verhältniffe nicht so bestellt ist, wie wir es wünschen und anstreben. Unter diesen Institutionen war es namentlich eine, für welche der Verewigte ein besonderes Jntereffe bekundete, für welche er sich mit aller Kraft seiner religiösen Ueberzeugung einsetzte. Thora Aboda und Gemilas Chaffodim und da möchte ich noch ein viertes hinzufügen, Scholaum, waren die Leitsterne seiner Tätigkeit. Sein Andenken wird für alle Zeiten in unserer Gemeinde ein gesegnetes bleiben. Sie haben sich, meine Herren, zum Zeichen der Trauer von den Sitzen erhoben. Sie find gewiß auch damit einverstanden, daß diese Trauerkundgebung dem Protokolle der heutigen Sitzung einverleibt und hievon der Familie des Verewigten sowie dem Vorstande des Vereines „Beth Israel", dem er seine besondere Tätigkeit widmete, Kenntnis gegeben werde. Im Einlaufe befinden sich: Eine Spende des Herrn Moriz Edlen von Kuffner zum Ankäufe von Mazzoth und zur Verteilung an Arme für den XVI. und XVII. Bezirk je K 200.—, zusammen K 400.—. Dankschreiben des Herrn kais. Rat Dr. S. K r ü g e r und des Vorstandes des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhortes für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens der Frau Berta Krüger. Kondolenzschreiben des Bethausvorstandes für den XVI. und XVII. Bezirk anläßlich des Hinscheidens des Vorstandsmitgliedes Herrn Salo Landau. In der vertraulichen Sitzung des Vorstandes wurde der Errichtung eines Röntgenstrahlen-Jnstitutes im Spitale der Kultusgemeinde endgiltig zugestimmt und zur Leitung desselben Herr Dr. I. Robinsohn berufen. Nach Erledigung einer größeren Anzahl von Personalien, Steuer- und Subventions-Angelegenheiten wird die Sitzung um halb 2 Uhr nachmittags geschloffen.