Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 282 Dr. Blocb’ö MocbenscbrM. Nr. 17 jemals wahr gesprochen haben, so haben sie es in dieser Sitzung mit der Bemerkung über den Kirchenbesuch getan. Es ist nicht zweifelhaft, daß sie den Kirchenbesuch — zunächst in Wien, wo er seit Ende der Sechziger-Jahre stark abgenommen hatte — wieder in Mode brachten. Mir liegt es vollkommen fern, daran Kritik zu üben und ein Urteil darüber abzugeben; ich begnüge mich mit der Festsetzung des Tatsächlichen. Allein dadurch haben sie die Leute auch wieder dem Judentume näher gebracht und fie haben mithin jedenfalls kein Recht, jemanden Beziehungen zum Judentume vorzuwerfen. Zum Schlüsse muß ich auch einiges Persönliche Vorbringen, so ungern ich es tue. Meine vielen Verwandten leben in den verschiedensten Gegenden unter den verschiedensten Verhältnissen, in den verschiedensten Berufen. Ich habe hochgestellte, wohlhabende und tiefstehende, arme Verwandte; ich bilde mir nichts auf die Exzellenzen ein, schäme mich nicht der Taglöhner. Dasselbe Auf und Nieder, welches mir die Gegenwart zeigt, würde ich — nach den verschiedensten Richtungen hin — unstreitig auch finden, wenn ich die Geschichte der Familie bis in die fernste Vorzeit zurückverfolgte; ich habe daher kein Verlangen darnach; ich würde nichts Neues erfahren. Von einer jüdischen Verwandtschaft ist in der ganzen Familie nicht das mindeste bekannt. Jedoch fällt es mir nicht bei, deshalb zu behaupten, daß es eine solche niemals gegeben haben kann; das wäre gerade so töricht, wie wenn ich jemand, dessen Vermögensverhältnisse ich nicht kenne, eilfertig für einen Millionär, oder aber auch fürs Gegenteil, also für einen Bettler erklärte. Wie ich gegenwärtig jeden Tag darauf gefaßt sein muß, daß mir irgend ein Mitglied der Verwandtschaft anzeigt, es habe eine fremdvölkische, also unter Umständen eine jüdische Ehehälfte gefunden, woran ich nicht von vornherein Anstoß nehmen würde, so kann dies ganz wohl im Laufe der Jahrhunderte einmal oder öfter geschehen sein. Ich nehme an, daß meine Vorfahren als gescheite Leute nicht Anhänger schädlicher Inzucht, sondern Freunde gesunder Kreuzung waren und das Gute dort nahmen, wo sie es fanden. Falls die Leute von der Schristleitung des „Badener Volksblatt" Beweise dafür in den Händen haben, daß irgend ein Vorfahr oder irgend eine Vorfahrin von mir dem jüdischen Volksstamme angehörte, so mögen fie diese Beweise bekanutgeben und mich dann immerhin einen Judenstämmling heißen; ich werde darauf nur erwidern: Jnsolange es ein Christentum gibt, kann ein Judenstämmling zum mindesten ebenso gehobenen Hauptes durch die Welt schreiten wie ein Teutonenstämmling. Gemeindebeirat Fr. Süß. Zur zionistischen Politik. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Veröffentlichung meines Briefes an Herrn Dr. Lippe hat nach zwei Richtungen hin für mich unliebsame Mißverständniffe hervorgerufen. In einer hiesigen und in einer Prager Wochenschrift wurde meine Befriedigung über Ihre Kandidatur ungeachtet der von mir gegebenen triftigen Begründung als nur gegen einen bestimmten Kandidaten gerichtet angesehen, während dieselbe in Wirklichkeit sachlich sich gegen alle drei Ihnen gegenüber gestandenen Kandidaten und persönlich eigentlich gegen gar keinen derselben kehrte. Zufolge einer Berichtigung im hiesigen Blatte wurde ich vom Redakteur auf den von mir faktisch übersehenen Passus in Ihrer Einleitung zu meinem Briefe aufmerksam gemacht, wornach Herr Dr. Lippe die berührte Gegenkandidatur des erwähnten Herrn als „schädlich" bezcichnete, und obschon man auf den ersten Blick sehen konnte, daß die betreffende Bemerkung von Herrn Dr. Lippe herrührt, zieht man doch den Schluß: n'vn K'-nra itp-nw Dem gegenüber will ich meinen Standpunkt dahin präzisieren, daß ich im Interesse des Judentums es für bedauerlich gehalten, wenn wer immer von den damaligen Kandidaten gegen Sie durchgedrungen wäre, weil keiner jener Herren das jüdische Schrifttum kennt und keiner solche Verdienste gegen die bewußte Verfälschung und Verleumdung der jüdischen Lehre sich erwerben konnte, wie Sie. Obschon mich, wie Sie wiffen, keine andere Beziehung mit Ihnen verbindet, als meine Achtung vor Ihrem jüdischen Wiffen und der Dank für Ihr mannhaftes Auftreten gegen Rohling, und obschon wir in gewissem Sinne sogar Gegner find, bedauere ich es aus den erwähnten Gründen auch jetzt noch, daß die Dinge eine Wendung genommen haben, die Sie zur Rückziehung Ihrer Kandidatur veranlaßten, wobei man mir hoffentlich gewiß nicht unterschieben dürfte, daß ich gegen den jüngst aufgetretenen Kandidaten etwas habe, dem ich persönlich nur Hochachtung und kollegiale Freundschaft entgegenbringe. - Ich würde mich darüber nur beruhigen, wenn es in Galizien gelingen würde, wenigstens. einen meiner Freunde, Herrn Dr. Brande oder Herrn Dr. Ton, durchzubringen, die ebenfalls jüdische Gelehrte find. Die zweite unangenehme Mißdeutung besteht darin, daß die Gegner meiner Gesinnungsgenoffen in Galizien diesen meinen Brief in einem Jargon-Flugblättchen auszugsweise und unter Hinweglaffung meiner Aeußerungen über die Assimilation und den Dubnovismus in allen jüdischen Gemeinden Galiziens nach Angabe meines Drohobyczer Gewährsmannes, Herrn S. Unikel, in hunderttausenden von Exemplaren verbreiten und als Waffe gegen dieselben benützten. Diesen ungewollten Erfolg bedauere ich natürlich ganz entschieden, und ersuche Sie, zur Aufklärung mein nachfolgendes Antwortschreiben an den genannten Herrn zu veröffentlichen. Im Vorhinein dankend zeichne ich hochachtend Dr. Kahn. Wohlgeboren Herrn Sigmund Unikel, Drohobycz. 16. April 1907. Sehr geehrter Herr Gefinnungsgenoffe! Auf Ihr Geschätztes vom 7. d. M. erwidernd, hat mich Ihre Mitteilung und der Einschluß des Jargonblättchens, wo Teile aus meinem Briefe unvollständig wiedergegeben und als Kampfmittel benützt werden, sehr unangenehm berührt. Aber ebenso wenig ich es verhindern kann, daß die eigenen GefinnungSgenoffen als Dank für meine selbstlose zehnjährige zionistische Tätigkeit meine Worte und Intentionen verdrehen, um mich nach Möglichkeit anzuschwärzen, ebensowenig kann ich es verhüten, daß derselbe Vorgang von den Gegnern beobachtet wird. Das kann mich jedoch nicht veranlaffen, dasjenige, was ich als richtig erkannt habe und was meine tiefe Ueberzeugung bildet, zu verleugnen, oder damit hinter dem Berge zu halten. Ich hoffe, daß die gegenwärtige Verirrung ja doch weichen und nach und nach selbst seine enragiertesten Gegner der Wahrheit die Ehre geben werden. Bis dahin bleibt mir nichtandereübrig, alS für meine Ideen einzutreten, und da- Selbstverständliche immer wieder zu wiederholen. Mußte ich doch zu meinem Bedauern wahrnehmen, daß auch Sie wie viele andere mich mißverstehen. Ich bin durchaus nicht gegen eine politische Betätigung der Juden auch von ihrem nationalen Standpunkte aus und habe ich ja zu einer Zeit, als daallgemeine Wahlrecht noch in den Windeln lag und nur ein frischer Zug von oben mit der Offenbarung herabkam, daß man hiebei den Schutz der nationalen Minoritäten nicht außer Acht lassen werde, selbst für den Gedanken in Wort und Schrift mich eingesetzt, daß bei politischer Ordnung der österreichischen Völker nach nationalen Kurien Wahlrecht und Beteiligung im öffentlichen Leben auch für die jüdische Nation geschaffen werde, welche die am meisten schutzbedürftige Minorität bildet. Ich tat dies als Jude und Staatsbürger und habe überall hervorgehoben, daß dies mit meiner zionistischen Gesinnung nichts zu tun habe. Ich hätte daher auch jetzt, nachdem die anfänglichen Hoffnungen auf das allgemeine Wahlrecht für die Juden sich trügerisch erwiesen, und wenn ich mir auch davon bei der