Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. »locb’s Mocbenscbrttt. Seite 281 Pflegt es kalt zu lassen, ob es seinem Gläubiger gut oder schlecht geht; dagegen liegt dem Gläubiger sehr viel an dem Wohlergehen des Schuldners. Ja, wird man einwenden, wenn auf so vielen Gebieten im Gegensatz zu den Behauptungen unserer Antisemiten die Abhängigkeit der Deutschen von den Juden bestritten wird, dann wird wahrscheinlich eine Abhängigkeit überhaupt geleugnet? O.nein! O nein! Es gibt schon ein Gebiet, auf welchem das Verhältnis des deutschen Volkes zum jüdischen klar zutage liegt, nur sehen es unsere Antisemiten in ihrer Voreingenommenheit und Kurzsichtigkeit nicht; das ist unser Religionswesen, dieses wichtige Gebiet öffentlichen Lebens. Erstens find die Juden, nicht aber wir Deutsche das auserwählte Volk Gottes; ihm fiel nach Gottes weisem Ratschlüsse die erhabene Aufgabe zu, der ganzen Menschheit das wahre Heil zu vermitteln; weßhalb gerade das von den Antisemiten so verlästerte, jüdische, nicht aber das von ihnen hoch, gepriesene, deutsche Volk von Gottes Allgerechtigkeit dazu auserkoren wurde, ist für den gläubigen Christen eine müßige Frage; er denkt gemeiniglich nicht darüber nach und nimmt diese grundlegende Lehre ohneweiters hin. Auch ich habe keinen Grund, hier näher darauf einzugehen; für meinen Zweck genügt die Feststellung der Tatsache. Unser Verhältnis zu den Juden tritt ferner dadurch zutage, daß wir dem jüdischen Volke eine Unzahl von Wunderberichten glauben, während es selbst in keinem einzigen Falle uns Derartiges glaubt. Warum dies so ist, brauche ich nicht zu sagen; es wäre für meinen Zweck belanglos. Nicht als ob wir keine schönen Wundergeschichten besäßen; dies, geben die Juden ohneweiters zu; sie erbauen sich sogar daran, doch glauben, das tun sie nicht, sie bezeichnen dieselben als Mythen, Fabeln, Märchen. Unser Verhältnis zu den Juden zeigt sich weiter darin, daß aus dem jüdischen Volke viel berühmtere und gefeiertere Persönlichkeiten hervorgegangen sind als aus dem deutschen Volke. Ich erwähne nur Moses, die Propheten, den Psalmisten, Christus und seine Mutter, die Evangelisten. Des Moses gesetzgeberisches Werk besteht in gewissem Sinne seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag zu Recht und wir Deutsche, überhaupt wir Arier in Europa, können unserer Heranwachsenden Jugend keinen anderen Sittenkodex in die Hand geben als das Zehngesetz dieses Volks- und Völkererziehers. Vergleichen wir damit unsere gesetzgeberischen Leistungen! Das österreichische, bürgerliche Gesetzbuch ist noch keine hundert Jahre alt; aber nicht einmal *allen Juristen ist der Hauptverfasser geläufig, geschweige, daß andere Leute noch etwas von ihm oder seinen Mitarbeitern wüßten; das Werk selbst wird bereits in wichtigen Teilen als veraltet und unbrauchbar bezeichnet; ein Ersatz Lasur sei dringend geboten. Aehnlich verhält sich die Sache mit anderen deutschen Gesetzsammlungen. Wenn ich diese Tatsachen überblicke, so muß ich schon sagen, daß sämtliche berühmte Juristen der Deutschen zusammengenommen nicht würdig find, einem Moses auch nur die Schuhriemen aufzulösen. Was die Propheten betrifft, so haben die Juden deren eine stattliche Reihe; wir Deutschekeinen einzigen; wir haben höchstens Wahrsager, Schwarzkünstler und dergleichen fahrendes Volk. Unser großer Goethe wird angeblich auf der ganzen Welt fleißig gelesen; mag sein; daß sich über irgend ein ganzer Stand täglich mit ihm oder sonst einem deutschen Dichter berufsmäßig befassen müßte, das ist nicht der Fall. Dagegen müssen die katholischen Geistlichen nicht bloß in deutschen Landen, sondern in der ganzen Welt Tag für Tag pflichtgemäß Stellen aus dem Psalmisten teils still betend, teils laut hersagend, teils singend lesen. Von Christus will ich nur bemerken, daß wir fast ausnahmslos seit Jahrhunderten an ihn als Gott glauben und ihm dementsprechende Ehren erweisen. Von Maria sei zunächst hervorgehoben, daß nicht leicht eines Weibes Stammbaum so genau bekannt ist wie der ihrige und daß ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volkstume von gar Niemandem in Zweifel gezogen wird. Ihr zu Ehren bauen wir großartige Dome und zierliche Kapellen, begehen wir im Laufe des Jahres eine Reihe von Festtagen, veranstalten Umzüge, unternehmen Wallfahrten, errichten Standbilder an Straßen und auf öffentlichen Plätzen, schmücken uns mit ihrem Bilde und verzieren damit unsere Wohnungen. Welches deutsche Weib vermag sich auch nur entfernt mit ihr zu meffen? Keines! Weiter, wohl können wir unsere Antisemiten die ganze Woche auf die jüdische Schriststellerei schimpfen hören. Wenn jedoch diese Leute Sonntags das Gotteshaus betreten, wenn ihnen hier das Wort Gottes verlesen wird und sie fragen: Welchem Volke gehört denn der Schreiber der betreffenden Schriftstelle an? so erhalten sie die Antwort, soweit diese Frage beantwortet werden kann: Dem jüdischen Volke. Hätte denn Gott in seiner Allweisheit die Verfaffer der Heiligen Schrift zu diesem hohen Amte auserwählt, wenn ihre Unfähigkeit und Unwürdigkeit zu einem solchen Berufe so angestammt und erwiesen wäre, wie es uns von antisemitischer Seite immer vorgesagt wird? Gewiß nicht! Wir Badener haben noch einen anderen Ort, wo uns recht sinnfällig das Verhältnis des deutschen Volkes zum jüdischen vor Augen geführt wird. Es ist dies die katholische Pfarrkirche. Mich führt täglich mein Weg an ihr vorüber. Als ich vor Längerem einmal in gottesdienstlicher Zeit vorbeiging, stand das eine Seitentor angelweit offen; ich trat ein und erging mich in den menschenleeren Hallen. Dabei fiel mir ein, wie ich einst über kirchliche Dinge so ganz anders dachte als jetzt und wie ich als strenggläubiger Knabe in einem Meere von Glückseligkeit schwamm, wie ich später in meinen Jünglingsjahren nicht aus Uebermut, sondern nach schwerem Kampfe mich für den Freisinn entschied und nun mich dabei schon seit Jahrzehnten glücklich fühle, so glücklich, daß ich mich nicht veranlaßt sehe, zur früheren Strenggläubigkeit zurückzukehren. Ich trat hierauf auch vor den neuen Hochaltar und ließ seine ganze Kraft bis zur Ergriffenheit auf mich einwirken. Dann stellte ich mich auf den nationalen Standpunkt und sagte mir: Die äußeren Formen dieses prächtigen Altares find zwar deutsch, jedoch die dargestellten Persönlichkeiten, also der Inhalt, wie auch der im Mittelfenster abgebildete heilige Stephanus, der erste christliche Blutzeuge, find durchwegs Angehörige des jüdischen Volkes. Wie ich mir nun dachte, daß im Laufe der Zeit hier Tausende und Abertausende, knieffällig betend, ihren Geist zu Gott erheben, ihm ihre innersten Herzenswünsche inbrünstig vortragen und dabei die Vermittlung der dort dargestellten Heiligen anrufen, da trat mir das Verhältnis des jüdischen Volkes zum deutschen so lebhaft vor Augen wie noch selten. Denn sogar die Möglichkeit, daß dieses Verhältnis zwischen den zwei Völkern irgendwo auf dem weiten Erdenrund umgekehrt, auch bloß annähernd umgekehrt, zur Darstellung gebracht sein könnte, ist gänzlich ausgeschloffen. Natürlich ist vom christlichen Standpunkte nicht das Mindeste gegen diesen Tatbestand einzuwenden. Persönlich wäre es mir allerdings lieber, wenn ich die Rollen vertauscht fände, allein völkische Eitelkeit vermag bei mir über Wahrheitsliebe nicht den Sieg davonzutragen. So oft ich mich mit Antisemiten, die nicht Christlich-Soziale find, über die Judenfrage streite, befinde ich mich in einer etwas schwierigeren, aber keineswegs ausfichtlosen Lage; doch gegenüber den Christlich-Sozialen habe ich von vornherein gewonnenes Spiel. Mir fällt bei solcher Gelegenheit immer eine Sitzung des n.-ö. Landtages ein, welche vor vielen Jahren stattfand, als noch die Liberalen, darunter der Abt Karl von Melk, die Mehrheit in diesem Vertretungskörper besaßen. Mein Gedächtnis dürfte mich da auch in Einzelheiten nicht trügen. Da stand ein christlichsozialer Führer auf und nannte den allseits geschätzten Abt „Rabbi von Melk"; sodann erhob sich ein zweiter Häuptling und rief aus: „Wir Christlich-Soziale haben wieder die Kirchen gefüllt!" höhnend den Abt und die gesammte Geistlichkeit, weil sie sich einer solchen Leistung nicht rühmen könnten; zum Beweise seiner Behauptung verwies er auf Dr. Lueger, der sich seit Aufhebung des Konkordates zuerst als Abgeordneter am Frohnleichnamsumgange im Wiener Bezirke Margareten beteiligt, und ich weiß nicht mehr wo, eine Volksmisfion in auffallender Weise mitgemacht hatte. Als ich den Zeitungsbericht über obige Sitzung las, sagte ich mir: Falls die Christlich-Sozialen