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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-26 · 17 (26.4.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
17 (26.4.1907)
Date
1907-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 280 Dr. Llocb's MocbenscbrtN. wieder gnädigst den Zutritt in die Militärspitäler bis auf Widerruf. Allerdings wird der Ehrgeizige auch in diesem Staude gut daran tun, seinen Zeugnissen so rasch als möglich das Taufzeugnis hiuzuzufügen. Dieser edle Geist des Antisemitismus macht vor den niederen Graden nicht halt. Es werden ganze Regimenter und Brigaden genannt, bei welchen der Jude. trotz aller Strebsamkeit und Qualifikation absolut keine Charge erreichen kann. Dieser russische Grundsatz wird namentlich in der Nähe der russischen Grenze sehr oft befolgt. Aber ganz abgesehen davon, wird leider fast in der ganzen Armee das Judentum zu einer mehr oder weniger bös gemeinten Beschimpfung seiner Angehörigen benützt. Namentlich gegen solche, welche mit der im Ghetto erworbenen Schwächlichkeit und Ungeschicklichkeit ihrer Vorfahren erblich belastet sind. Auch sie könnten wie so viele andere für das Waffenhandwerk minder Taugliche mit etwas Geduld und Güte wenn nicht zu guten, so doch zu erträglichen Soldaten herangezogen werden. Statt dessen überschüttet man sie mit moralischen Kränkungen und Mißhandlungen, bis der Fall Kohn wieder einmal zum schrecklichen Todesdrama wird. Alle Menschen hängen sehr am Leben und es muß eine schreckliche Folterung stattgefunden haben, ehe einer hingeht und seinen körperlichen und geistigen Schmerz mit einem Stricke erwürgt. Das geschah jetzt in Budapest und geschah früher anderswo und wird hundertmal geschehen, wenn der Herr Erzherzog Josef und alle anderen kaiserlichen Hoheiten, die unbegrenzten Einfluß haben, nur in ihren Regimentern Ordnung schaffen wollen, ohne die Wurzel aller Uebel auszurotten, den Geist der gemeinen Feindseligkeit gegen die Juden im ganzen Heere. Wir brauchen keinen langatmigen Protest dagegen und keinen neuen. Er steht bereits in lapidaren Worten in jeder Regimentsgeschichte, in jedem Schlachtenbericht. Jeder Ehrenmann kann Nachlesen und muß zugeben, daß die Feigheit der Juden eine Fabel ist, das Gegenteil aber nicht. Niemals hat ein Jude ein Beispiel der Furcht vor dem Feinde gegeben, unzähligemal aber einer stürmischen Tapferkeit. Jedes Wort der Wiener antisemitischen Trottel über jüdische Feigheit können wir mit einer Medaille beantworten, die an der Brust eines jüdischen Kriegers hing. Noch vor der Einführung der Volksheere haben sich die Juden auf jedem blutgetränkten Schlachtfeld ausgezeichnet, und seitdem sie zur allgemeinen Wehrpflicht herangezogen wurden, ist ihre Bravour dementsprechend häufiger geworden. Die Weltgeschichte ist Zeugin davon geworden, wie sie in den amerikanischen Freiheitskriegen, wie sie im rumänischen, im bulgarischen Heere gekämpft haben. 20.000 Juden waren die ersten Tropen, welche Rußland in die Mandschurei geworfen hat, und sie waren es, die den Japanern in der mörderischen Schlacht am Ialu den ersten Begriff russischer Tapferkeit beigebracht haben. Die berühmten Musikanten, die sich bei derselben Gelegenheit dem Feinde mit gezogenem Seitengewehr entgegengeworfenhaben, waren Juden. Die Taten unserer zahllosen Helden erlauben uns, mit Verachtung auf alle jene herunterzuschauen, die jüdischen Mut und soldatische Tugend verleumden. Und noch eines, kaiserliche Hoheit, da wir schon einmal am Sarge des kleinen Kohn, des unglücklichen Märtyrers des Judentums Klage erheben dürfen. Die Armee ist die Schule der Vaterlandsliebe, der Begeisterung für Kaiser und Reich. Wir Juden brauchen diese Liebe nicht zu lernen, weil wir sie schon haben, wir leisten freudig' die Blutsteuer und alle anderen Pflichten gegen den Staat. Umso wahnsinniger, diese Liebe durch Gewaltakte zu schädigen. Wir sind unsererseits Staatsbürger erster Klasse nnd dürfen des Kaisers Rock in allen Ehren und Rechten tragen. Uns darin zu stören, unsere hilflose Minderzahl berauben, ist eine perfide Infamie, an deren Dauer wir weder glauben können noch wollen. ' I. Uprimny. „Der Iubenstiimnrling." *) Als die antisemitische Bewegung in den ersten Achtziger- Jahren des vorigen Jahrhunderts begann, . schloß ich mich ihr, ohne mir der Gründe für mein Verhalten klar bewußt zu sein, nicht an; nach meinen persönlichen Verhältnissen hätte ich es anstandslos tun können. Ich hatte nur im Allgemeinen das Gefühl, daß, wenn sich 95 Perzent der Bevölkerung auf die restlichen 5 Perzent werfen und ihrer Willkür und Gemeinheit die Zügel schießen lassen, dies doch nicht als eine große Leistung gelten kann; für mich hatte es mehr Reiz, nicht mit dem großen Haufen zu rennen, nicht mit . dem Strome zu schwimmen; wenn man auch eine solche von Zeit zu Zeit wiederkehrende Bewegung nicht aufzuhälten vermag, so ist es schon etwas, wenn man sich nicht davon fortreißen läßt. Erst als die antisemitische Strömung eine Bedeutung im öffentlichen Leben bekam, dachte ich gründlicher darüber nach. Ich. fand, daß ich mich ihr, abgesehen von Rücksichten auf Wahrheit und Recht, aus rein menschlichen, aus kulturellen, staatlichen, wirtschaftlichen und nicht in. letzter Linie aus deutsch-volklichen Gründen nicht anschließen dürfe. Tatsächlich finde ich in meiner ganzen Vergangenheit keinen einzigen Augenblick, wo ich einer der landläufigen Schattierungen des Antisemitismus zugestimmt hätte. Die Opfer, welche die Wahrung meiner Ueberzeugung von mir forderte, trug ich im Interesse , der Allgemeinheit gern; auf die Vorteile, welche vieler meiner Berufskollegen dadurch erlangten, daß sie sich teils freiwillig, teils gezwungen der antisemitischen Richtung anschlossen, verzichtete . ich im. großen Ganzen recht leichten Herzens. . Ein beliebtes Wort im Sprachschätze der Antisemiten ist das Wort Verju dung. Da will ich zuerst sagen, was keine Verjudung ist. Es ist keine Verjudung, daß wir Deutsche mit.den Juden zusammen auf derselben Erde, in demselben Staate, in derselben Stadt, unter demselben Dache wohnen: es ist keine Verjudung, daß Deutsche und Juden mit einander verkehren' und Geselligkeit pflegen; denn in . all diesen Fällen liegt das Verhältnis der Gegenseitigkeit vor und die sogenannte Verjudung auf der einen Seite wird zweifelsohne durch die Verdeutschung auf der anderen Seite ausgewogen. Von einer Abhängigkeit des Einen von dem Anderen kann keine Rede sein. Wollte Jemand behauptendaß wir dabei den Kürzeren ziehen, so müßte er von deutscher Kraft wahrlich eine sehr schlechte' Meinung haben. Aehnlich steht die Sache, wenn es sich um ein Kauf- oder Verkaufgeschäft handelt; um der schönen Wischen Augen willen kommt ja ein solches- Geschäft - nicht'zustande; es wird hingegen durch dieselben Gründe veranlaßt, aus welchen überhaupt - Geschäfte zwischen Volksgenossen und zwischen verschiedenen Völkern zustande kommen. Ich gehe weiter und bestreite, daß wir uns deßhalb von den Juden abhängig fühlen müßten, weil sie unsere Gläubiger wären. Diese als Grund aufgestellte' Behauptung ist an und für sich höchst fraglich, dann überhaupt nicht zutreffend. Denn erstens ist' meines Wissens keineswegs festgestellt, wie groß der Anteil der Juden an dem aus der Welt vorhandenen Kapital ist; auch sind die Darlehensvermittler noch lange nicht die Darlehensgeber. Augenscheinlich sehen wir nur, daß einem reichen Juden tausende von armen Juden gegenüberstehen, und wegen dieser wenigen reichen Juden schlechtweg die Juden als große Kapitalisten hinzustellen, wäre ebenso verkehrt, wie wenn Jemand z. B. die Leute im Böhmerwalde deßhalb für große Kapitalisten erklärte, weil der millionenreiche Fürst Schwarzenberg zu ihnen gehört. Wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, so kann man die Badener Verhältnisse heranziehen. Wir Badener haben verhältnismäßig viele Schulden; allein ein Blick ms Grundbuch lehrt es nnd mündliche Mitteilungen bestätigen es, daß Juden bloß zum geringsten Teile unsere Gläubiger sind. Dasselbe dürste auch sonst überall gelten. Wenn sie es aber wirklich wären, so würde bei ihnen nur dasselbe zutreffen, was man hinsichtlich des Verhältnisses zwischen einem Gläubiger und Schuldner gewöhnlich beobachten-kann; den Schuldner *) Aus der „Badener Zeitung".

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