Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Llocv's MocbenscbrM. Seite 279 Das Drama »am kleinen Kahn. Im Hofe der Budapester Kavalleriekaserne ist Reitübung. Traab! Schritt! Der Wachtmeister flucht alle Flüche des gesegneten Ungarn auf das Haupt seiner Lieben herunter, die stumpfsinnig auf den stumpfsinnigen Gäulen hocken. Aber eigentlich flucht er auf sein Schicksal, das ihn verdammt hat zur Oede des Drills in der Oede der Kaserne. Der Oberleutnant stiefelt herum und gähnt wie ein Alligator. Schritt l Trab! Der ganze Hof ist voll von diesem eintönigen Hufschlag und den heiseren Stimmen der schimpfenden Reitlehrer. Irgendwo vom zweiten Stockwerke herunter dringt die dreiundvierzigste Strophe des melancholischen Liedes vom Sandor Betyar, geheult und mit stimmungsvollen Schnörkeln versehen von einer gelangweilten Ordonnanz. Die Kasernuhr ist vom Teufel gemacht. Noch zwei Stunden Dienst nnd jede Minute sieht aus wie die Ewigkeit. Der Oberleutnant mustert die Mannschaft, um sich durch ein bischen Witzemachen die Stimmung zu verbessern. „Ja, was ist denn das wieder, Wachtmeister!" „Befehlen, Herr Oberleutnant?" „Wo ist denn heut' der kleine Kohn?“ Unerhört, der kleine Kohn hat sich wirklich vom Dienst gedrückt, der Wachtmeister hat eS nur nicht gemerkt, weil sein Kopf so wüst ist von gestern abends her. Der Heinrich Kohn hat ihm heute Früh etwas vorgejammert, er fei ganz wund und könne nicht reiten, aber der Wachtmeister hat ihm mit der Reitpeitsche einen Wink über Soldatenpflichten gegeben, oder zwei, und hat dem Juden gesagt, was er von den Juden hält, und hat ihm befohlen, anzutreten. Nun hat eS dieser Kerl doch gewagt, vom königlichen Dienst wegzubleiben, einfach wegzubleiben. Freu Dich, kleiner Kohn! Liegt wo oben auf dem Kavalett und spielt den Kranken. „Zwei Mann absitzcn und den Kohn herbringen, sofort, die übrigen ruht!" Der Oberleutnant ist auS dem Halbschlafe erwacht, der Wachtmeister zwirbelt den Schnurrbart — er denkt über die kommende Vorstellung nach, deren Regisseur er ist. Die Mannschaft lacht und erwartet freudig die kommenden Dinge. Denn jetzt beginnt die fröhliche Reitstunde des kleinen Kohn, des Heinrich Kohn, dem man zur Vermehrung des Genusses das bockigste Pferd der Eskadron, genannt Jtzig, zugeteilt hatte. Da wird der Oberleutnant Witze machen, gute Witze. Mach' nur Hep, Hep, „kleiner Kobn", wird er sagen, statt hop, hop, und noch viele Scherze. Und der Wachtmeister wird den Jtzig mit der langen Peitsche schlagen und wird den kleinen Kohn treffen, oder er wird das Pferd auf die Hinterbeine peitschen und der Jtzig wird dann den kleinen Kohn herunterwerfen. „Eine Stunde Nachexerzieren" wird der Oberleutnant dann sagen und der Korporal, der eine Stunde länger Dienst machen muß, prügelt den Jtzig und den Kohn weiter. Doch was ist das plötzlich für eine Aufregung vor dem Kaferntor? Und jetzt gar kommen die abgesandten Boten zurück, aber statt des kleinen Kohn begleitet sie der Regimentsinhaber Erzherzog Joses. — Herr Oberleutnant und Sie Wachtmeister! Der kleine Kohn hat sich erhängt! Drüben in der Sattelkammer hat man ihn gefunden, starr und kalt, der Körper bedeckt mit Wunden. Der Oberleutnant und der Wachtmeister werden kreidebleich. Du sollst nicht morden! Sie werden ihn nicht allzu teuer bezahlen, den jüdischen Bajazzo und Prügelknaben des Regimentes, trotzdem der in seinem Innersten empörte Erzherzog selbst für eine strenge Bestrafung der Schuldigen sorgte. Der Erzherzog befahl bei seinem Zorne, daß sich der Fall nie mehr wiederholen dürfe. Vielleicht wird es in der Budapester Reiterkaserne sobald nicht wieder einen solchen Selbstmord geben. Aber wenn sich der Fall Kohn in der ganzen Armee niemals wieder ereignen soll, dann möge Erzherzog Josef und alle andere Erzherzoge, welche so unbegrenzten Einfluß im Heere haben, einen Anwalt der Gerechtigkeit anhören, welcher nicht nur diesen Fall beleuchtet, sondern auch die unversiegbare Quelle seiner Ursachen. Denn der Fall Kohn kehrt unter anderem Namen immer wieder zurück, alljährlich wird eine jüdische Mutter im Herzen getroffen, weil ihr Sohn in der Blüte seiner Jugend sein Judentum hat mit dem Leben bezahlen müssen. Noch steht uns das Schicksal vor Augen, das vor einem Jahre ein jüdischer Einjähriger in Czernowitz hatte, den Schindersknechte in Uniform in den Tod getrieben haben. So fallen bedauernswerte Opfer ihres Judentums bald hier, bald dort in der Armee, manchmal in der Stille, manchmal wird Lärm geschlagen, mancher übersteht die Marter, aber es steht fest, daß der Antisemitismus auch im Heere große Fortschritte gemacht hat und immerfort tragische Folgen zeitigen muß. Die Schuldigen im Falle Kohn sind nicht nur in seinem Regiment zu suchen, sondern viel, viel höher. Man kennt die Geschichte von dem leisen Tadel, den der Brigadier gegen den Obersten aussprach. Der gab ihn schon als scharfe Rüge weiter, der Feldwebel empfing ihn schon als Donnerwetter und der Mann bekam Ohrfeigen und flog in den Arrest. Einen ähnlichen Weg machte der Antisemitismus. Vom Ministerium wird er stillschweigend geduldet, von den Offizieren laut gelobt und von der Mannschaft ausgeübt. Nicht von allen. Viele Offiziere verschmähen es, aus dem Fahneneid, der die Kameradschaftstreue beschwört, einen Meineid zu machen, viele sind eingedenk des Wortes von weiland Kronprinz Rudolf: „Der Offizier ist ein Kavalier in Uniform." Ist es nun Sache eines Kavaliers, einem Menschen die Treue gegen die Religion und Sitten, ihn sein Aeußeres entgelten zu lassen? Nimmt ein Kavalier an der Hetze gegen einen schwächeren und hilflosen Volksstamm teil, folgt er den Predigten einiger verkommener Trottel? Gerade die intelligenten Offiziere müssen den tiefen Unsinn des Rassenhasses am meisten empfinden. Denn die österreichisch-ungarische Armee-ist doch auS so viel Nationalitäten zusammengesetzt, daß beinahe die Anzahl der Regimenter erreicht wird, und jede von ihnen hat mehr oder weniger sympathische Eigentümlichkeiten. Setzt man diese dem einzelnen Mann auf die Rechnung? Nur den Juden läßt man unter den Lügen leiden, welche ihm die erfolgreichen Spekulanten auf menschliche Bestialität aufgebracht haben, nur von den Juden erhebt man neben der Blutsteuer noch einen schimpflichen Tribut in Form eines Ehrverlustes, den sie gerade im Rock des Kaisers wehrlos erleiden müssen. In der Theorie trägt der Angehörige welchen Stammes nnd welcher Konfession immer auch in der österreichischungarischen Armee den Marschallstab im Tornister, wenn er sich der militärischen Laufbahn zuwendet. Nur dem Juden winkt an der Majorsecke ein unübersteigbares Hindernis, das Taufbecken. Erst durch die Taufe erhält er die Fähigkeit, ein Bataillon zu kommandieren, ein Borzugszeugnis aus der Kriegsschule, Korpsschule oder von der Stabsoffiziersprüfung wird durch den Vermerk „mosaisch" auf ungenügend umgewandelt. Das ist so notorisch, daß ein Mann, der Jude bleiben und Stabsoffizier werden wollte, ohneweiters der psychiatrischen Klinik zugeteilt werden sollte statt einem Regiment. Nichtsdestoweniger haben wir meist jenseits der Leitha Juden, die man des goldenen Kragens sogar mit zwei oder drei Sternen für würdig erachtet hat. Diese sind aber über die kritische Sprosse der militärischen Stufenleiter noch gekommen, bevor noch jene Einflüsse das Kommando im Kriegsministerium erhielten, von denen die Spatzen auf den Dächern pfeifen. Diese Einflüsse haben auch eine Zeit lang die Forderungen des Pater Scheicher erfüllt und das^ militärärztliche Korps für die Juden gesperrt. Erst als die medizinische Fakultät sich wieder ein bischen entvölkert hat und die überall protegierten christlichen Aerzte etwas Besseres zu tun fanden, als viele Befehle für mäßige Bezahlung entgegenzunehmen, und als die Aufstellung neuer Formationen des Heeres den Bedarf vergrößerte» gestattete man den Inden