Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021728--16327-3041141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S-itr 2-6 Dr. MEs WochLNjchrM. Nr. 17 iu der Kandidatenfrage wurde die Lösung wesentlich beschleunigt, vor allem in der Leopoldstadt durch das hochherzige Beispiel Dr. Josef Blochs, der bei der Ankündigung der Mandatsbewerbuug durch Dr. Gustav Kohn eigentlich gegen den Willen seines Wahlkomitees zurücktrat, obwohl er unstreitig die besten Chancen unter allen Parteien hatte. Er opferte aber bedingungslos seine Person der höheren Idee, das Mandat für einen zuverlässige» und tüchtigen Juden durch Möglichst volle Einigkeit zu sichern — ein Schritt, der Dr. Bloch zur höchsten Ehre gereicht. Auch am Kai erlangte nach einigem Zögern die kühle Ueberlegung und die gebotene Rücksicht die Oberhand bei dem Wahlbewerber Gemeinderat Dr. Oskar Hein und auch er meldete seine Kandidatur öffentlich ab. Leider aber fand der große Moment auf mancher anderen Seite nicht das richtige Verständnis. Herr Doktor Ofner hat es nicht aufgegeben, in der Leopoldstadt für seine Person weiterzuarbeiten, obwohl er keine Sorge mehr für den Sieg seiner Ideen haben müßte, die bei dem neuen Einigungskandidateu sicher gut aufgehoben sind. Die juristische Gelehrsamkeit Dr. Ofners, seine eminente Eignung zur legislatorischen Mitarbeit ist außer Zweifel. Doch konnte man nicht darauf rechnen, daß Dr. Ofner bei aller angestrengten Arbeit seiner weniger zahlreichen als energischen Freunde der Mann sei, dem die ausschlaggebende Majorität der Wähler zuströmen werde. Namentlich nicht seit jenem Abend, wo gewiß gegen seinen Willen seine Parteigänger mit Hilfe von Ochsentreibern und Zuhältern das christlichsoizale Muster von Wählerversaurmlungen gegen blutig geschlagene Juden nachahmten. Obwohl Herr Doktor Ofner nicht dagegen protestierte, zweifelt man an seinem Einverständnis, aber es ist eine politische Erfahrung, daß die Führer für die Fehler ihrer Gefolgschaft büßen müssen. Noch ein anderer Umstand ist ein Hindernis für diesen Kandidaten, obwohl er ihn eigentlich fördern sollte, denn es ist die Treue seiner Ueberzeugung. Herr Doktor Ofner tritt nämlich seit altersher als Gegner gerade in Sachen der katholischen Kirche auf, wozu er sich nach seinem Programm für verpflichtet hält. Hier versagt aber die Zustimmung der breiten jüdischen Kreise, die Besorgnis hegen, daß die stark katholisch-klerikale Majorität des kommenoen Parlamentes Rache an der jüdischen Kirche nehmen könnte, und die den Mut des Dr. Ofner in diesem Punkte nicht für einen Vorteil halten. Einen radikaler Kulturkämp fer vom Schlage Dr. Ofners auf's Schild zu erheben, darf sich dermalen ein Wahlbezirk mit jüdischer Majorität nicht gestatten. Diese Kandidatur hat es herbeigeführt, daß nach Jahren wiederum einmal iu den Straßen Wiens der Drohruf vernommen wurde: „Nieder mit den Juden, wir lassen uns in unsere katholische Religion nicht von Juden d'reinreden." Die Zeitverhältnisse sind nun einmal für einen solchen Kandidaten nicht geeignet und deßwegen war es nötig, einen anderen, einen richtigeren Mann zu finden, dem der große Erfolg von vornherein gesichert ist. Dieser richtige Mann für diese Stelle ist der bei den Juden aller Wiener Jnnenbezirke volkstümliche Vizepräsident der Kultusgemeiude und Landesschulrat Dr. Gustav Kohn. Bei ihm wird es ganz überflüssig sein, nach der modernen Methode das Bild des Kandidaten auf Ansichtskarten an die Wähler zu senden, denn man sah diesen herzensguten und arbeitssreudigen Mann oft genug und immer dort, wo es etwas Gutes zu tun gab. Dr. Gustav Kohn ist alles eher als ein politischer Neuling. Wenn ihn auch seine übergroße persönliche Bescheidenheit stets im Hintergründe zurückhielt, so weiß doch jedes. Kind, wie wichtige und wie viele politische Fäden seit Jahren durch seine Hand liefen. Er wäre gewiß auch jetzt nicht hervorgetreten und hat wiederholt erklärt, wie ungern er es tue, wenn man nicht dieses für ihn wirklich als solches geltende Opfer m schwerer Zeit von Seiten der Bürgerschaft von ihm verlangt hätte. Man darf froh sein, daß dieser Kandidat, dem Herz und Kopf am rechten Flecke sitzen, in die politische Arena trat und sein Bezirk wird durch ihn glänzend vertreten sein. Jedermann weiß, welch warme Empfindung Doktor Gustav Kohn für alle menschlichen Leiden besitzt, wie groß seine Arbeitslust ist, und die frische, unermüdliche Kraft, welche er aufbringt. Der einzige Vorwurf, den seine Gegner bis jetzt gegen ihn ausgebracht haben, ist der für jeden Eingeweihten lächerlichste Vorwurf, Dr. Gustav Kohn sei ein jüdischer Klerikaler. Die „Arbeiter-Zeitung", die so gegen einen Mann auftritt, der immer Macht und Einfluß hauptsächlich zugunsten des arbeitenden und leidenden Volkes verwendet hat, hätte sich diesen ungerechten Unsinn füglich ersparen können. Denn Dr. Kohn ist aus seiner öffentlichen Wirksamkeit bekannt genug, daß man ihm wohl die ehrenhafte Verteidigung der schwer verleumdeten jüdischen Religion zutrauen darf, aber wissen muß, daß er von jeder rückschrittlichen Gesinnung himmelweit entfernt ist. Wenn er jüdische Interessen stärker vertritt, so muß er das tun, weil sie stärker bedroht werden. Schließlich will er aber und alle Juden in Oesterreich nichts anderes als alle anderen Parteien jeder Konfession: Gleichheit und Freiheit vor dem Gesetze. Es ist auch sicher, daß Landesschulrat Dr. Gustav Kohn trotz aller Bemühungen der Justamentgegner Freunde aus allen Parteilagern in Massen finden wird, die auch schon seine Kandidatur lebhaft begrüßten, weil sie seine Person und seine Eigenschaften, seine Liebenswürdigkeit und seinen Stolz kennen und schätzen. Lebhafte Zustimmung fand auch die Kandidatur des Ministerialrates Kamill K u r a n d a am Kai. Dieser Kandidat, der einen Namen trägt, -der zu den glänzendsten in der jüdischen Geschichte Oesterreichs zählt, fand bereits Gelegenheit, sein Rednertalent in der großen Wählerversammlung im Musikvereinssaal zu zeigen und sein umfassendes, breit angelegtes Programm zu entwickeln. Durch sein Verständnis für Verkehrsinteressen, die mit jenen des Handels und der Industrie enge verknüpft sind, besitzt , er spezielle Eignung für seinen Wahlbezirk, dessen Vertreter die Bedürfnisse der Kaufmannschaft sorglich im Auge behalten muß. In dem Ministerialrat Kuranda verkörpern sich die stolzen Traditionen, die er von seinem berühmten Vater übernommen hat und die seinen Wählern Gewißheit darüber verschaffen, daß sie durch die Wahl dieses Kandidaten die besten Erfahrungen machen werden. Seinen persönlichen Charakter hat der Ministerialrat deutlich erkennen lassen; es ist ein öffentliches Geheimnis, daß ihm trotz seiner glänzenden Fähigkeiten im Ministerium die Erfahrungen nicht erspart blieben, die heute jeder Jude in dieser Stellung machen muß. Lieber aber ist er nun um seine Entlassung eingekommen, als den verlangten Befähigungsnachweis uachzutragen, der in Oesterreich zur Karriere notwendig ist. So sehen die Kandidaten aus, 'auf welche man sich gegen die perfiden Christlich-Sozialen, diese unsympathischen gemeinen Streber, einigen soll. Mit Macht sucht man die Barrierestöcke in einen Boden einzurammen, der frei ist von dieser Sippe, wenn ihre Gegner einig sind und mit Macht ihre Wohnstätte verteidigen. Der Weg ist gegeben, um dieses erstrebenswerte, nein heilige Ziel erreichen zu können. Wir sind überzeugt, daß ihn jeder intelligente Wähler in Leopoldstadt I und am Kai, den Sitzen der Intelligenz, auch wirklich und rasch betreten wird.