Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Llocb's Mocdenscdrirr. Sette 269 große Zahl von Personen sofort nach Betreten des Vorraumes auf Neustadtls Befehl zum Tore hinausgeworfen. Drei Fälle aber, deren Bekanntgabe in der Versammlung bei allen Anwesenden — auch bei bis dahin epragierten Ofnerianern — stürmischeste Entrüstung auslöste, seien hier namentlich erwähnt. Der erste betrifft den Juristen Herrn Leopold Plaschkes, welcher im Vorhaus am Eintritt gehindert wurde und bei der Bemerkung: „Das ist eine schöne, allgemein zugängliche Versammlung" auf einen Wink des Neustadt! von zwei handfesten Karmeliterhelden an den Armen gefaßt und von einem dritten so heftig am Halse gewürgt wurde, daß noch eine Stunde später bei ärztlicher Untersuchung eine Rötung und Anschwellung am Schildknorpel deutlich sichtbar war, ganz abgesehen von dem zugefügten, noch schwereren innerlichen Schaden. Die beiden anderen, ebenfalls kolossales Aufsehen erregenden Fälle betreffen die Mißhandlungen des zur Versammlung schriftlich geladenen Herrn E. Torczyner und seines ältesten Sohnes. Die beiden Herren wurden vor dem Saaleingang sehr arg zugerichtet und haben ihre Verletzungen vom Polizeiarzt in einem Parere feststellen lassen. Natürlich nur drei Fälle für viele, die nicht alle angeführt werden können. Wir erfahren, daß gegen den obgenannten Neustadtl und seine Gesellen wegen Uebertretung des § 411 St.-G.-B., bezw. Anstiftung hiezu Klage erhoben werden wird. Wie es in der Versammlung selbst aussah, kann man nach dieser Schilderung leicht ermessen. Wer nur das leiseste Wort des Widerspruches wagte, wurde ergriffen und hinausbefördert. Die Missetaten des Neustadtl und seiner Helfer grenzen schier ans Unglaubliche und Dr. Ofner sah und hörte davon nichts. Wie weit die Sache ging, dafür nur ein Beispiel. Der wegen.Verletzung des Studenten Plaschkes aufs Amt gestellte „Ordner" Meßner erklärte: „Nicht einmal, wenn mir der Neustadtl nächstens 200 fl. gibt, tu' ich d a s, was ich heute habe tun müssen." Jeder Einsichtige wird uns zugeben, daß derartige Dinge bisher in keiner jüdischen Versammlung vorkamen. Hoffentlich ziehen die Juden des V. Wiener Wahlkreises aus diesen für die Taktik der Ofnerpartei charakteristischen Vorgängen die einzig richtige Lehre und die lautet: Vertraut nicht dem schalen Freiheitsgefasel des Assimilanten Ofner, des Auch- und Nochjuden, wie ihn sogar sein an euch gerichteter Wahlaufruf dar stellt, sondern wählet nur einen ehrlichen, bewußt jüdischen Kandidaten, von dessen Fähigkeiten ihr überzeugt seid und den ihr, weil er unbedingte, nicht bloß verklausulierte Versprechungen macht, zur Einhaltung derselben auch verhalten könnt. Dr. Ofner, so ehrenwert er sonst sein mag, hat durch offensichtliche Duldung dieser Missetaten, durch Verbergen hinter einer assimilatorischen Klique und vor allem durch seine Deutschtümelei das Recht verwirkt, sich um jüdische Stimmen zu bewerben. Ihr braucht keinen Kämpfer für deutsche Art und Sitte, ihr braucht keinen Streiter für die Ehereform im Parlament, sondern ihr bedürft eines tüchtigen, energischen Wortführers in Not und Bedrängnis, gegen Verleumdung und Schmähsucht. Das kann euch ein Ofner nimmermehr werden! Gegen Neustadtl und Konsorten jedoch gibt es unserer Meinung nach nur einen Ausweg: schweigen und solche Leute meiden. H—s. Zur Wahlbewegung in Galizien. ii. Nun, da die Schlachta mit der Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes ihren bis jetzt nicht zu brechenden Einfluß erschüttert sieht, wo ihr das erwachte Selbstbewußtsein der jüdischen Massen immer deutlicher vor Augen tritt, beginnt das Geschäft des „Hausjuden" wieder zu florieren. Den „Allpolen" unter Führung Glombinskis mögen die „jüdischen" Kandidaten des „Nationalrates" wohl ein Dorn im Auge sein. Aber die Kolischers, Seinfelds und die übrigen „jüdischen Polen" sind heute das beste und verläßlichste Dupierungsmittel für die galizischen Juden. Denn nach der für Galizien höchst maßgebenden Meinung desk.Stojalowskischen„Nationalrates" ist mit solchen „jüdischen" Elementen der Wunsch jüdischer Majoritätsbezirke hinlänglich erfüllt. Und nun zu den Segnungen des neuen Wahlrechtes. In diesem Lande, wo „Vernunft Unsinn und Wohltat Plage" wird, in dem die unberechenbarsten Möglichkeiten zur Wahrheit werden, in diesem Lande mag es nicht weiter wundernehmen, wenn das den breiten Massen in erster Reihe zugedachte Wahlreformwerk den korruptesten Elementen zum Segen gereicht. Wer heute einen getreuen Bericht über die Folgen der Wahlreform für Galizien schreiben möchte, müßte unbedingt den Stil und Inhalt eines BörsenreferateS wiedergeben, müßte unbedingt von „günstiger Konjunktur, von „hohem Zinsfuß", von „Angebot und Nachfrage" sprechen. Ein pikanter Beleg für die Erreichung von Mandaten auf Grund des „allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes" ist Nachstehendes, das wie eine gelungene Anekdote klingt.... Ueber die Art und Weise, wie Herr Dr. Kolischer zur Kandidatur in K o l o m e a kam, erzählt man sich in eingeweihten Kreisen ganz sonderbare Dinge, und die Historie spielt in dieser Kandidatur eine nicht geringe Rolle. Als der einstige Abgeordnete für K o l o m e a, der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" Dr. Josef S. Bloch, durch die bekannten Jntriguen sein Mandat niederlegte, stellte man ihm Dr. Trachte nberg gegenüber. Die Wahlmacher waren für Trachtenberg mit dem ganzen Terrorismus galizischer Wahlmache an der Arbeit, doch konnte man infolge der damals zum Kolomeaer Wahlkreise gehörigen Bezirke B u c z a e z und S n i a t y n, an einen Erfolg kaum denken. Nun wurde mit Geld gearbeitet. Die Wahlmacher schossen gegen gute Wechsel Geld vor, hielten sich aber anderweitig doppelt schadlos. Warum sollte also Trachtenberg nicht gewählt werden? Er wurde sogar ein zweitesmal gewählt. Aber die Wechsel waren noch immer nicht eingelöst.Als man bei den letzten Wahlen daran dachte, die „Wahlkostenkontis" wieder aktiv zu machen, verfiel man auf Doktor S e i n f e l d, der damals auch die Wechsel aus der Trachtenberg'schen Wahl einlöste, und wie man sagt, für die Durchführung seiner Wahl die geforderten 60.000 K gab.... Es sollte sich aber für Herrn Dr. Seinfeld bald das betrübende Moment ergeben, daß aus dem prophezeiten „Völkersrühling" für seine Person ein Winter des Mißvergnügens ward. Denn als er jetzt an die. Wahlmacher Kolomeas wegen seiner Kandidatur herantrat, waren die Herren gezwungen, von der durch die Wahlreform entstandenen Preiserhöhung für „jüdische" Mandate Mitteilung zu machen, und konstatierten endgiltig, das allgemeine Wahlrecht habe, eben weil es ein „allgemeines" wäre und auch der „Pöbel" nunmehr in dem Genuß seiner bürgerlichen Rechte sei, einen Preis von K 80.000 für das Kolomeaer Mandat ergeben. Ueberdies sei man auch mit den K 60.000 für die letzte Wahl nicht ausgekommen, da sich Herr Dr. S e i n f e l d einer allgemeinen Unbeliebtheit erfreue. Somit sei sein „Konto" (in diesem Falle auch eine galizische Spezialitcü!), noch mit K 20.000 belastet! Dies schien sogar dem wohlerfahrenen S e i n f e l d zu viel, und er entzog sich dieser wirklich unfreundlichen Umgebung. Das Glück blieb den Wahlmachern hold, denn nach langen Umhersuchen nach einem „sichern" Wahlkreis landete Herr Dr. Kolischer in K o l o m e a, von der Wahlmachersippe mit Freuden und der kategorischen Forderung von K 20.000 „Konto Seinfeld" und K 80.000 für diesmal begrüßt. Ob und wie die Ab-