Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-19 · 16 (19.4.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021727--16313-3041126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 Dr. Vloch's Wochenfttzrist. Seite 365 jetzt aber hat die Regierung von unserem Widerstand nichts gemerkt. Wir sind modern und warten geduldig, bis die Kuh aus dem Stalle ist. Wollen wir mal auf Wunder warten und noch nicht ganz verzweifeln. Hoffen wir auf das Wunder, daß die Juden zu Verstand kommen. Daß sie vor allem dafür sorgen werden, dem Sturm des Antisemitismus im kommenden Parlament, dessen riesenhafte Vorboten wir jetzt schon erblicken, richtig zu begegnen. Juden, es geht um euere Haut. Wählerversammlungen kommen, die Führer rufen euch nicht zur Einigkeit, ruft ihr die Führer zur Einigkeit. Mag der Zorn des Volkes unsere Rettung werden. J. Uprimny. Girr Hort des Judentums im Mieurr Westen. (Z'.lm 1 jährigen Bestände des Talmud-Thora-Vereines für die westlichen Bezirke Wiens.) Zn den Erinnerungen aus der Jugendzeit, die in ihrer Verklärung einen nnversiegbaren Born freudiger Empfindungen mir schufen, zahlen in reichem Maße jene Stunden, in welchen wir Kinder andachtsvoll den Worten lauschten, mit welchen uns ein durch reiches jüdisches Wissen und durch eine seltene Rednergabe ausgezeichneter Lehrer in die heiligen Lehren der Bibel und in ihre unergründlich tiefe Poesie einführte. Unvergeßlich hat sich der heilige Schauer eingeprägt, den Gottes Wort in den empfindsamen Kinderseelen hervorrief, in kindlich frommer Ehrfurcht lernten wir die Sprache kennen, in der die Gottheit sich ihren Auserwählten, den Patriarchen Moses und den Propheten offenbarte. War das Wissen, das wir ans dem Hebräischen von der Volksschule mitbrachten, nur ein bescheidenes zu nennen, so hob es uns alle, die wir vom Lande in die Mittelschule der Großstadt kamen, doch weit über die übrigen Mitschüler empor, die in der Religionsstuude eine rührende Ignoranz in Dingen an den Tag legten, die uns als „Wissenden" längst bekannt waren und deren Kenntnis uns mit berechtigtem Stolze erfüllte. Die Stätten, an welchen in solcher Weise das kindliche Gemüt mit den Lehren des Glaubens, mit der Sprache der Bibel vertraut wurde, sind seither viel seltener geworden. In den Schulen und im Leben begegnet man immer seltener jenen, die sich rühmen könnten, die heilige Sprache zu kennen, zu verstehen, und die Ansicht, daß die Einführung der Jugend in den Geist der jüdischen Sprache, sowie jüdisches Wissen, die Kenntnis der jüdischen Geschichte, ein unnötiger Unterrichtsballast wäre, hat leider weitgehende Verbreitung gefunden. Und dennoch wird kein Denkender den wahren Wert solcher grundlegenden Kenntnisse, ihren tiefen seelischen Einfluß in erzieherischer und religiös sittlicher Beziehung verkennen dürfen. Goethes Vater läßt seinen lernbegierigen Sohn in früher Jugend in die Geheimnisse der hebräischen Sprache einführen und die Bibel im Urtexte lesen. Der deutsche Dichterfürst gesteht, daß dieses Studium für ihn von weittragender Bedeutung wurde. „Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versiebt", ist das Urteil dieses Geistesheros. Und um die Bibel zu verstehen, muß man sie vor allem in der Sprache kennen lernen, in der sie geschrieben ist. Uns Juden gilt die heilige Sprache der Bibel und unserer Gebete noch überdies als das unzertrennliche Band, das die Brüder aller Orte und Länder, wenn sie auch durch Weltenmeere von einander getrennt sind, aufs Innigste verbindet. Die Stätten, wo noch diese Sprache gelehrt, die Bibel und Gottes Wort in die Herzen der Jugend gelegt werden, sind nicht allein als Lehrstätten der Religion, sie sind als heilige Horte unseres Judentums zu betrachten, in welchen die Liebe zu Volk und Glauben genährt, die Grundfesten unserer Zukunft geschaffen werden sollen. Mit aufrichtiger Freude wird daher jeder, der sich noch Sinn und Herz für die edlen Bestrebungen unseres Volkstums bewahrte, das bescheidene Schriftchen lesen, das als „Bericht des Talmud-Thora- Vereines für die westlichen Bezirke Wiens" die Geschichte eines solchen Hortes, die Leiden und Freuden, das Werden und Streben einer solchen Schule in der Großstadt schildert. Zehn Jahre edlen Kampfes, zehn Jahre reicher Sorgen und Mühen sind es, die uns Religionslehrer Herr L. W i e s n e r in anziehender Form als Geschichte der Talmud- Thora-Vereinsschule schildert und im vorhinein sei es festgestellt, daß der außerordentliche Erfolg der Schule dieses Streben als überaus egensreich erkennen läßt. Die Notwendigkeit eines erweiterten und intensiveren religiösen Unterrichtes ergab sich aus der einfachen Erkenntnis, daß es bei dem gesetzlich zugewiesenen geringen Zeitmaße von wöchentlich ein bis zwei Stunden nicht möglich ist, jenes Ausmaß von Kenntniffen zu vermitteln, das zur Begründung eines gefesteten jüdischen Bewußtseins erforderlich ist. Selbst der gewissenhafte und befähigte Lehrer steht vor einem unlösbaren Problem, soll er in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit beim Masscnnnterrichte in oft überfüllten Klassen gedeihliche Resultate erzielen. Schon zur Zeit, als Herr Dr. Schmied! als Rabbiner in den westlichen Vororten wirkte, tauchte der Gedanke zur Gründung einer solchen Schule auf und verdienstvolle Männer, wie Abraham Fischer, Heinrich H i r s ch l, S. D a n i e l, D. K o h n, H. Oesterreicher und S. Trebitsch, nahmen sich der guten Sache an, indem sie zur Bestreitung der ersten Ausgaben namhafte Gründungsbeiträge leisteten und die ersten Schritte zur Propagierung einleiteten. Ein Statut wurde entworfen und Herr Landesschulrat Dr. Gustav K o h n übernahm es, die behördliche Genehmigung zu erwirken. z Im Jahre 1894 trat der Gedanke an die Gründung des Vereines >ür längere Zeit in den Hintergrund, da die Frage der Neubesetzung der durch die Berufung Dr. Schmiedl's zum Rabbiner des zweiten Bezirkes freigewordenen Stelle das allgemeine Interesse absorbierte. Es darf als eine besonders günstige Fügung bezeichnet werden, daß mit der Leitung des Rabbinates in den westlichen Bezirken ein Mann betraut wurde, der mit Seelenfreude und Begeisterung jüdisches Unterrichtswesen als seine eigene Herzenssache gerne förderte. Herr Rabbiner Dr. Jonathan Wolf s. A. war eS, der den eigentlichen Grundstein zu dem trefflichen Werke legte. Mit 15 Mitgliedern wurde am 5. Mai 1895 die konstituierende Versammlung des „Talmud-Thora-Vereines für die westlichen Bezirke Wiens" abgehalteu und Rabbiner Dr. Wolf s. A. zum Obmann, Kultusvorsteher Kommerzialrat Gottlieb T a u s s i g s. A. zum Obmann-Stellvertreter gewählt. Schon im ersten Vereinsjahre stieg die Mttgliederzahl auf 119. Die größte Sorge der Vereinsleitung bis auf die jüngste Zeit blieb aber eine würdige und zweckentsprechende Unterbringung der Schule. Da bei den bescheidenen Mitteln der Vereines an das Mieten eines Lokaler zu Schulzwecken nicht gedacht werden konnte, so lag es am nächsten, die Kommune um Ueberlassung eines Unterrichtszimmers in einem Schulgebäude zu bitten. Nach mehr als einem halben Jahre erwiesen sich jedoch die nach dieser Richtung unternommenen Schritte als erfolglos; das Ansuchen des Vereines wurde über Beschluß des Stadtrates vom 28. August 1896, Z. 7049 mit der Begründung abgelehnt, „daß ohnehin für den Religionsunterricht der jüdischen Schüler genügend vorgesorgt:st" . . . Als Retter in der Not stellte sich der Vorstand des Vereinsbethauses (Diefenbachgasse) ein, der sich im Herbste des Jahres 1906 bereit erklärte, die Räume der Franenabteilung seines Betlokales für die Dauer von zwei Jahren dem Talmud-Thora-Vereine zu Unterrlchtszwecken unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Nachdem der Bezirksschulrat diese Lokalität unter gewissen Bedingungen, deren wesentlichste vorschrieb, daß nicht mehr als vierzig Schäler gleichzeitig unterrichtet werden dürfen, für geeignet erklärt hatte, konnte zur Aktivierung des Unterrichtes unter dem Religionslehrer Herrn L. W i e s u e r geschritten werden. Es wurde zunächst von einer allgemeinen Einschreibung der Schüler abgesehen und nur geistig befähigte Kinder, die sich durch eine lobenswerte sittliche Haltung auszeichnen, aus der Volks-, Bürger- und Mittelschule mit Einwilligung der Eltern oder deren Stellvertreter zum Unterrichte herangezogen. Mit vierzig Schülern dieser Art fand am 27. Dezember 1896 die feierliche Eröffnung der Anstalt statt. Man ist in neuerer Zeit im allgemeinen von öffentlichen Schülerprüfungen abgekommen. Trotzdem erscheint es bei einer Anstalt, die von dem Vertrauen privater Opferwilligkeit abhängt, gerechtfertigt, der erhaltenden Schulgemeinde und den Eltern der Schüler von Zeit zu Zeit Einblick in den Unterrichts betrieb zu gewähren, um ihnen ein Urteil über seine Ergebnisse zu ermöglichen. Die erste öffentliche Prüfung der Schule, die schon am 29. Juni 1897 im Gemeindehause XV., Turnergasfe 22, abgehalten wurde, trug in der Tat nicht wenig dazu bei, das Jntereffe an der jungen Schöpfung in weitere Kreise zu tragen. Es trat hierbei deutlich zutage, welche Resultate, selbst bei geringem Zeitaufwande bei einigem Entgegenkommen der Ettern ersielt werden können. Mit Beginn des Schuljahres 1897/98 konnte bereits an die bestehende Abteilung eine zweite angeschlossen werden. Das Entgegenkommen des Kultusvorstandes, der sie vom Anbeginn subventionierte, ermöglichte wohl zu Beginn des Schuljahres 1898/99, die Schule int Gemeindehaufe XV., Turnergasse 22 unterzubringen, doch konnte eine große Zahl der sich zum Unterrichte meldenden Schüler durch Jahre hindurch nicht voll berücksichtigt werden, weil auch dieses Schullokal sich nicht als ausreichend erwies. Eine große Zahl jüdischer Kinder mutz vom Unterrichte in Religion und hebräischen Wissen zurückgewiesen werden, weil sich kein geeigneter Platz findet, wo sie unterrichtet werden könnten! Auch im neuen Schullokale muß auf Anordnung des Wiener Magistrates die Zahl der Schüler auf 40 beschränkt bleiben. Dies, sowie der Umstand, daß eine Auslese durchwegs geeigneter Schüler aus dem sich darbietenden Schülermateriale sich immer schwieriger gestaltete, regte den Gedanken an, eine neue Abteilung ins Leben zu rufen, damit eine Zurückweisung von lernbegierigen Kindern vermieden und außerdem eine Gelegenheit zur Vorbereitung für die höhere Abteilung geschaffen werde. Bevor dieser Gedanke zur Durchführung gelangte, verlor der Verein seinen trefflichen Obmann. Am 19. Mai 1902 verschied Rabbiner Dr. Wolf, dem im Berichte für seine erfolgreiche Tätigkeit ein ehrend Denkmal geschaffen wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.