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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-19 · 16 (19.4.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
16 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 264 Dr. Llocb's MocbenscbrLN. Nr. 16 fanden sich manche Unbotmäßige, die auf eigene Faust weiter kandidierten. Aber sie schufen keine nennenswerte Verwirrung in unserem Lager. Denn die Aufklärung der Wähler durch das jüdische Zeutralwahlkomitee, ferner seine moralische und materielle Unterstützung nahmen jeder Gegnerschaft die ernste Bedeutung. Durch diese Einhelligkeit behielten die schwachen jüdischen Majoritäten ihr Gewicht und aus ihnen ging eine Garde von Mänueru hervor, denen man die parlamentarische Vertretung der österreichischeu Judenheit vor dem Reiche und der Welt mit frohem Vertrauen überlassen konnte." Ein hübsches Märchen, nicht wahr, lieber jüdischer Leser? Es schaut so aus, als ob es wahr wäre, als ob es sogar wahr sein könute, ja als ob es geradezu eine Kleinigkeit wäre, dieses Märchen zu einer herrlichen Tatsache zu machen, welche den Juden vielleicht die ersehnte Hilfe brächte. Hier war ja die große Gelegenheit für die vom Schicksal gelehrte Devise: Einheit und Macht. Und nun kam die Sache, für die der Galgen gehörte, wenn Dummheit ein Verbrechen wäre: Wir haben die Devise gerade in dem Augenblick vergessen, wo von der Erinnerung daran das Heil unserer nächsten Znkuust abhing! Von Einigkeit nicht die Spur!! Wer daran schuld ist? Niemand Bestimmter und unendlich Viele, für die ein Angriff mit der Feder gegen sie zu schwach ist. Mag unser großer Graetz in seinem Grabe stöhnen, durch dessen Schriften ein Feuerstrom von Liebe zu seinem Volke ging und der uns so eindringlich zeigte, wie Juda herrlich war und blühte in Zeiten der Einigkeit, wie es gedemütigt am Boden lag in den Tagen inneren Streites. Gerade die Unschuldigen und die Guten erröten über das Bild, welches die Judenschaft Oesterreichs mit ihrer Erbärmlichkeit in einem großen Momente bietet. Mögen aber Tage des Gedenkens kommen für alle Würdenträger von Schilda, welche ihren Einfluß mit Saumseligkeit und Kleinlichkeit gebrauchten, als sie mit den Zwecken ihres Amtes ins Riesenhafte hätten wachsen sollen. - Die Wahlbilder in den jüdischen Bezirken sind zum großen Teil Bilder aus dem Ghetto; durch die Schuld derjenigen, welche die Möglichkeit der großen Einigung mit oder ohne Absicht versäumten, ein Vergehen, dem man keine mildernden Umstände zubilligen kann. Die jüdischen Mandate werden zum großen Teil von Freibeutern belagert, welche die Kraft wohl nicht besitzen, die Juden aufopfernd zu vertreten, aber die Kunst der Wahlmache und den gesunden Magen zur Verdauung unerfüllbarer Versprechungen. Die Wählerschaft selbst ist verwirrt und schwankend. Von mehr geschickten als gewissenhaften Agitatoren bearbeitet, fliegt sie auf jeden Phrasenleim wie ein Gimpel, der sich zum sechstenmal in dieselbe Falle begibt. Man hätte erwarten sollen, daß die Wähler den Verstand haben, der ihren Führern mangelt. Daß wenigstens sie die aus der Zeitgeschichte gewonnene Erkenntnis verwerten und jeden Kandidaten entschieden ablehneu, der sie alte Irrwege führt und von dem sie das tönende Wort für sein und ihr Judentum nicht erwarten können. Dazu ist es noch nicht zu spät. Die Wählerschaft kann noch immer den Tisch rein machen, an welchen sich so viele ungebetene Gäste gesetzt haben. Dazu ergeht an sie der Appell in zwölfter Stunde, der dringende Appell zur Einigkeit für den zuverlässigsten jüdischen Kandidaten. Wir wissen ja, was selbst der wohlwollende Christ zu unserer Verteidigung wert ist und auch der Zufallsjude, die beide vom Antisemitismus nicht im Innersten gepackt werden. Mit vornehmen Interpellationen jagt man keinen antisemitischen Hund hinter den Ofen zurück. Tüchtige jüdische Anwälte werden wir in dem kommenden Parlament dringender als jemals brauchen. Die Leute, welche unseren Wählern gerade eine himmelblaue Zukunft vormalten, vor deren Hintergrund die Kultur einen Juden küßt, hatten ja nur deswegen gewonnenes Spiel, weil die Christlich-Sozialen und Konsorten gerade jetzt für nichts anderes Zeit hatten, als zur Vorbereitung ihrer Maffenmogeleien und deshalb den Juden Schonzeit bewilligten. Nun aber sind schon einige der gebundenen Kräfte frei geworden und die alte Beschäftigung wurde mit Lust und Liebe wieder ausgenommen. Wir fragen, was wir in der Zukunft von einer Regierung zu erwarten haben, deren Vertreter und Untergebene bei den jüngsten Leistungen Schneiders und des „Deutschen Volksblattes" nicht mit einer Wimper zuckten? Das Bekämpfen des Antisemitismus ist zwar sehr unmodern — in Mode kommt es bei uns immer erst wieder, wenn in Wischau oder in der Leopoldstadt drüben eingeworfene Fenster klirren. Wir werden uns aber trotz der höheren Klugheit noch bei Zeiten damit beschäftigen und die Umgestaltung der Denkungsart bei dem Pöbel zur Denkungsart von Hooligans nach Möglichkeit zu hindern suchen. Natürlich wäre der Protest erst von gehöriger Wirksamkeit, wenn sich die organisierten jüdischen Bürger und Gemeinden daran beteiligen würden, selbst unter der Gefahr, lieber unmodern als dumm zu sein. Das Blatt des Regierungsrates Vergani hat sich mehrfacher Verbrechen schuldig gemacht. Vor allem einer Verhetzung gegen eine bestimmte, noch dazu durch Steuerleiftung und Arbeitskraft hevorragende Bevölkerungsklasse, indem es mit perfider Schurkerei in seiner jüngsten Ritualmordkampagne die Ansicht aussprengte, es seien wohl nicht alle Juden des faktischen Ritualmordes verdächtig, sondern nur der Mitschuld durch Verschweigen, daß aber ganz gewiß die Fanatiker einer gewissen jüdischen Sekte am Blutaberglauben festhalten. Diese schurkische Behauptung ist noch gefährlicher als eine Pauschalverdächtigung der Juden, die doch für viele Christen durch die konstante Möglichkeit einer Kontrolle lächerlich ist. Daß aber 90% aller Christen, welche zwischen dem Teufel und einem bärtigen jüdischen Wanderbettler auch sonst keine großen Unterschiede machen, ganz gewiß die furchtbare Beschuldigung gegen geheimnisvolle jüdische Fanatiker glauben, das steht für jeden fest, der die Stimmung der Bevölkerung von Kleinstädten in diesem Punkte kennt. Wie sehr werden die Leute in diesem Glauben bestärkt, wenn, ähnlich wie im Polnaer Fall, auch diesmal das Blatt des dummen Kerls die Behörden ungestraft besudeln durste, indem es ganz einfach erklärte, der beruhigende Amtsbericht der Polizei sei unwahr! Die Polizeibehörde schweigt dazu, auch sie gibt, wie die Staatsanwaltschaft, den antisemitischen Verbrechern einen Freibrief für ihre Taten und auf diese Weise allen praktischen Antisemiten eine Aufmunterung. Vor das Strafgesetz gehört auch Schneider, der seinerzeit manchmal auch echte Stampiglien erzeugte, jetzt aber ebenso ehrlich christlichen Sozialismus betreibt. Dieser von uns verachtete, in den Vororten aber hochgeschätzte Herr leistete sich wieder einmal in Fünfhaus eine Brandrede, worin er für die gewaltsame Dezimierung der Juden eintrat und eine solche in Ungarn und Amerika prophezeite. Sehr lächerlich für uns und wir lachen auch geringschätzig. Ob aber die anwesenden Anrainer der Schmelz unsere Gefühle teilen oder die des Redners, ist eine Frage, die sich jeder selbst beantworten kann. Die Rede war übrigens eine gute Lehre für den Bukarester Polizeichef, der als Gast gekommen war. Auch hier schwieg der Regierungsvertreter, als handle es sich um die Hebung der Industrie und nicht um die Hebung des Verbrechens in Oesterreich. Der Artikel des Volksblattes und die Schneider-Rede haben allerdings niemanden weh getan, wie die Modernen sagen werden und es braucht sich darüber niemand aufzuregen. Ob sie aber niemanden wehe tun werden, ist eine andere Sache. Die Stimmung, aus welcher die Taten der Bevölkerung und der Regierung gegen uns entstehen, wird durch ungehinderte antisemitische Hetze natürlich maßlos verschärft. Das ist aber durchaus nicht nötig. Hätten wir und behielten wir den Geist der Eintracht, des Stolzes und des Willens zum Kampfe, so würden wir wohl mit unserem ganzen Gewicht, das wir im Staate haben, den Regierungsvertretern in diesen und ähnlichen Fällen die Zähne zu einer gesetzmäßigen Erklärung auseinanderdrücken, auf die wir Anspruch haben. Bis

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