Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 16 (19.4.1907)
- Date
- 1907-04-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 iDc. JBiocD'9 tiülocDenscDrm. Seite 263 An das geehrte Wahlkomitee des V. Wahlkreises der Leopoldsladt, Wien. Dukla, am 11. April 1907. Bei der am 7. April 1907 staltgefundenen Sitzung des Kultusrates der israelitischen Kultusgemeinde Dukla ist der einhellige Beschluß gefaßt worden, an unsere Glaubensbrüder im V. Wiener Wahlkreis die eindringlichste Bitte zu richten, in Erkenntnis der Tatsache, daß sehr viele Antisemiten in die österreichische Reichsvertretung eintreten und infolge dessen ohne mindesten Zweifel die Verfolgung der in sämtlichen zu Oesterreich gehörenden Kronländern wohnenden Juden und deren heiligsten Interessen zu erwarten sei, nach Möglichkeit dahin zu wirken, daß die geehrten jüdischen Wähler der Leopoldstadt, als des einzigen Wahlkreises, allwo ein jüdischer Kandidat gewählt werden kann, in voller Eintracht ihre Stimmen auf den von den angesehensten jüdischen Kapazitäten Oesterreichs und des Auslandes allgemein anerkannten Nestor der talmudischen und fortschrittlichen Wissenschaft und erprobten geeignetsten Kandidaten Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. I. S. Bloch, Schriftsteller in Wien, abgeben. Der Segen Gottes wird für jeden dieser Wähler reichlich folgen. Für die israelitische Kultusgemeinde-Repräsentanz: Mitglied des Kultusvorstandes: Der Kultuspräfident: Moritz Goldhammer. Schachme Weinberger. Ausblicke auf das kommende Parlament. Wir Juden sind die schlechtesten Schüler des Schicksals. Wir waren lange genug in seiner bitteren Lehre und haben ein unerhört hohes Schulgeld bezahlt. Es schien, als hätte das Judentum ein eigenes Staatsbudget mit horrenden Kosten für das Ministerium des Aeußern zur Deckung der Pogromspesen im unglücklichen Osten; für ein Ministerium des Innern unter dem Titel der Wohltätigkeit, die bei aller drückend fühlbaren Anstrengung der Gebenden die entgegengestreckten Hände lange nicht auch nur mit dem Allernotwendigsten zu füllen vermag; für ein Handelsministerium zum Schutze unseres kleinen Mannes, dem man mit Gesetzen gegen den freien Erwerb die Kehle zuschnürt; für ein Justizministerium zur Verhütung des allerschwersten Unrechtes; für ein Unterrichtsministerium zur Wahrung der bedrohten heiligen Güter jüdischen Geistes. Dieses zahlten wir und noch mehr. Wir zahlten die unbestimmbar hohe Rechnung von Verlusten an bürgerlicher Ehre und staatsbürgerlichen Rechten. Riesige Kosten für einen wertlosen Schüler. Denn da wir nun von der Welt auf die gewonnene Einsicht und Erkenntnis geprüft werden, offenbaren wir die Schande unserer Dummheit. Vielleicht ginge es uns besser,, wenn wir nicht ein so furchtbar schlechtes Gedächtnis hätten. Jahraus, jahrein kränkt und schädigt uns nun schon * seit langem die feige Uebermacht und unmenschliche Gemeinheit unserer Feinde, weckt in uns Schmerz und Zorn aufs Höchste. Verwirrt ergriffen wir ein Hilfsmittel nach dem andern, warben Freunde, riefen die Machthaber an. Alles versagte. Darum aber gaben wir den Kampf um Menschenrecht und Recht der Gesetze nicht auf. Wir besannen uns auf uns selbst, auf unseren Stolz und die Kraft der Einigkeit. Wohin man in den letzten Jahren kam, hörte man von den Tribünen unserer Politik Worte voll Schönheit und Verstand: „Verlassen wir uns nicht weiter auf falsche Freunde in unserer schweren Zeit. Wir wollen für uns selbst eintreten, in Treue zusammenstehen und wie die Wölfe kämpfen. Verlassen wir Juden uns auf uns selbst und unsere Eintracht." Ein prächtiger Vorsatz, ein glänzender Vorsatz. Nüchterne Beurteiler werden zwar bemerken, er sehe einer Kinderweisheit ähnlich und werde schon in den Lesebüchern der Volksschule aufgetischt. Aber bei uns Juden, die wir überweise sind, kommen die einfachen Dinge ganz zuletzt, in jener letzten Sekunde, in welcher die Gefahr schon vor der Türe steht und unbedingt etwas Vernünftiges geschehen muß. Die neue Devise wirkte auf alle unter uns, die ihres Judentumes trotz aller Bedrängnis froh sind, weil sie sich vor der Weltgeschichte und dem Geiste der Menschheit durch die Verdienste ihrer Vorfahren als Adelige fühlen, wie eine Erlösung und man begrüßte mit Freuden die neue Botschaft, zu deren Erfüllung jetzt gerade die Notwendigkeit und Gelegenheit gekommen war. Für jeden Einsichtigen handelte es sich darum, daß wir in dem neuen Parlamente mit möglichst größter Macht und geschlossen einziehen. Wie wir unseren Staat kennen, war die Erweiterung des Wahlrechtes die Erweiterung des Antisemitismus. Denn die Ueberzahl der neu zur Urne gerufenen Massen ist ganz sicher Gefolgschaft der mehr oder minder klerikalen und nationalen Antisemiten. Ihnen muß man möglichst viele und möglichst solche Männer gegenüberstellen, welche mit den Hausjudeu des Polenklubs und mit den Hausjuden aller anderen Parteien nicht die mindeste Aehnlichkeit aufweisen. Was hätten wir auch von Kreaturen, welche für ihr Mandat mehr zittern, als für die ihnen anvertrauten jüdischen Interessen und deren Leidenschaft nicht das verstärkte Echo jener Leidenschaftlichkeit ist, mit welcher man uns angreift? Hinweg also mit ihnen und herbei mit jenen starken Männern für unsere Vorposten, welche, mit Fähigkeiten gewappnet, den drängenden Feind aufzuhalten und zu behindern vermögen, bis uns doch vielleicht wieder die Kultur zu Hilfe kommt. Solche zu berufen, war ja ganz leicht möglich. Man erwies uns ja die große Gnade und das verkürzte Recht, von einem Stückchen der Wahlreform auch für jüdische Zwecke den geeigneten Gebrauch zu machen. Allerdings war das ein Geschenk, wie es jemand erwarten darf, auf dessen Zufriedenheit man pfeift. Es war nicht ganz schön und es war nicht ganz gut. Die jüdischen Majoritäten in unseren Wahlkreisen sind nicht jo groß, um unter allen Umständen die notwendige Sicherheit zu gewähren, daß in jedem dieser Bezirke auch ein tüchtiger jüdischer Abgeordneter die notwendige Anzahl von Stimmzetteln, diesen Kreditzetteln auf seine zukünftige, politische Tätigkeit, in der Urne findet. „Aber eine löbliche Regierung und die P. T. politischen Parteien irren sich gewaltig, wenn sie auf unsere Zwistigkeiten hoffen. Wir Juden sind klug und wir wissen genau, welche Gefahr uns droht. Und vor allem, wir haben einen einstimmig angenommenen Leitsatz: Durch Einigkeit zur Macht! Wir werden die jüdischen Majoritäten schön znsammenhalten und, was den Christen oder gar den erklärten Antisemiten anbelaugt, der sich freute, zwischen zwei Streitenden der lachende Dritte zu werden, so bedauern wir, ihm die Freude nicht machen zu können. Wir brauchen das Mandat für einen Juden, für einen Manu, der jeden antisemitischen Angriff wie emen persönlichen empfindet und abwehrt, der durch seinen Eifer, durch die Glut feiner Ueberzeugung und durch seine Tüchtigkeit eme Mehrzahl von Gegnern auswiegt. Deswegen bildete sich auch sofort im Rahmen der Wiener Kultusgemeinde, in der Hauptstadt des Reiches, ein Komitee, zusammengesetzt aus den Vertretern aller bekannten und großen jüdischen Korporationen und Notabeln, welchem sich in Anbetracht des großen Zweckes die jüdische Presse begeistert zur Verfügung stellte und dem hinreichende Mittel, ohneweiters gewährt wurden. Dieses Komitee setzte ein Sekretariat ein. teils um die Säumigen durch Flugblätter zu ermahnen, teils um den großen Briefwechsel zu bewältigen. Eingeladen wurden alle in Betracht kommenden Parteien, um eine gerechte und zweckentsprechende Verständigung ermöglichen. Das ging natürlich ohne Schwierigkeiten nicht ab. Aber das energische Präsidium erwiderte dem überspannten Ehrgeiz, daß man sich vor allem die Sicherheit des nationalen Besitzstandes vor Augen halten müsse und jeden an den Pranger stellen werde, der ihn gewaltsam gefährde. Auch so