Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 256 Wr. Lwcv s Mlocvenscvrm. Nr. 15 Konglomerat unsinniger Bestimmungen, die man Duellkodex nennt, jenen berüchtigten Waidhofener Beschluß ermöglicht, der den Juden die Fähigkeit abspricht, mit der Waffe — der von ihnen befürworteten Weise — Genugtuung zu verlangen? Gewiß, dieser Beschluß ist schmachvoll; denn man mag welcher Meinung immer über die richtige Art des Ehrenschutzes sein, man muß die für richtig erkannte Art jedem zubilligen, den man verletzte. Aber keine andere Bestimmung des Duellkodex wird von den Beteiligten so rigoros beachtet als diese. Denn sie ist eine willkommene Ausflucht. Da ist der Vorwurf der Feigheit gewiß berechtigt. Sie sehen also, daß die Begeisterung für das Duell nicht gegen diesen Borwurf schützen kann; daß gerade die Juden allen Grund haben, solchen veralteten und bornierten Ansichten ein Grab schaufeln zu helfen. Mehr noch, die Juden haben allen Grund, die Prinzipien der akademischen und der allgemeinen Antiduellliga zu den ihren zu machen. Noch nirgends ist es so scharf wie bei uns betont worden, daß Religion, Nation, Stand in Ehrenangelegenheiten keinen Unterschied irgend einer Art bilden dürfe, noch nie ist die gegenteilige Ansicht so scharf bekämpft worden — aber so erfolgreich, da wir hiezu im Ehrenrat das geeignete Instrument zum Schutze der Ehre in der Hand haben. Die Praxis hat hiefür Urteile erzeugt, die den Juden wahrhaftig mehr Genugtuung bieten müssen, als ein Duell -- das anzufechten er nicht würdig befunden wird. Schon dieser prinzipielle Standpunkt müßte die Juden zu begeisterten Anhängern der Antiduellbewegung machen. Die Juden tun Unrecht, wenn sie durch Annahme ungerechter Vorurteile sich das Wohlwollen und die Achtung jener sichern wollen, die diele Vorurteile hegen. Das wird ihnen nur schmähliche Zurückweisungen zuziehen und ihnen ihre innere Kraft rauben. Nein, wir Juden sind für unsere endgiltige und vollständige Gleichstellung auf diejenigen angewiesen, die der Vernunft, der Gerechtigkeit Gehör geben, die die Vorurteile bekämpfen. Und ein solches Vorurteil, unvernünftig und ungerecht, ist das Duell in den Augen jener Juden, die sich der Antiduellbewegung anschließen wollen, die ihnen einen wirksamen und unparteiischen Schutz ihrer Ehre verspricht, die ihnen in dem wichtigen Punkte des Ehrenschutzes die vollständigste Gleichstellung sichert. Ich glaube übrigens, durch die Traditionen meines Namens, deffen verstorbene Träger vielleicht noch vielen Juden Oesterreichs in guter Erinnerung sind, vor dem Verdachte gegefeit zu sein, daß ich mich an einer Bewegung beteiligen würde, die die Achtung vor dem Mute der Juden verringern würde. Ich zeichne, verehrter Herr Redakteur, mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener Emil v. Hofmannsthal. Wien, am 3. April 1907. V. mährischer Wahlkreis (Nikolsburg-Göding). SamStag den 6. April eröffnete der Kandidat der sozialdemokratischen Partei im V. mährischen Wahlkreis Nikolsburg-Göding, Advokatursbeamter Herr Gustav Kohn den Wahlkampf mit einer allgemein zugänglichen Wählerversammlung. Der Rathaussaal, der größte Saal Nikolsburgs konnte die in Massen erschienenen Wähler nicht fassen, so daß die ganzen Vorräume noch von Wählern überflutet waren. Eine solch imposante, von allen Standesklaffen der Bevölkerung beschickte Versammlung hat der Rathaussaal in Nikolsburg noch nicht beherbergt. Wir wollen nur einige der Anwesenden besonders erwähnen, die Herren Bürgermeister von Stadtgemeinde und Jsraelitengemeinde Nikolsburgs, Dr. Kreiml und Abeles, die Herren Gemeindcräte und Polizeikommissäre Brunner und Teltscher, der größte Teil der Staatsbeamten, Lehrer, Handels- und Gewerbetreibende, sämtliche Privatbeamten, hunderte von Bauern, Arbeiter ec. rc. Der Kandidat, mit einer seltenen gottbegnadeten angenehmen Stimme und Beredsamkeit ausgestattet, präzisierte in einer zweistündigen inhallsrcichen Rede, das Programm der Sozialdemokratie. Er geißelte in scharfen Worten, unter lautloser Stille der Versammlung, die nur zeitweise von Beifallsstürmen unterbrochen wurde, die demagogische Politik der Christlich-Sozialen, die jedem Wähler und jedem Stande etwas anderes versprechen, jedoch an jedem Verrat geübt haben. Unter großer Heiterkeit der Versammlung verlas der Referent einzelne Aussprüche der großen christlichsozialen Führer, die einander widersprechend den Volksverrat der Christlich-Sozialen unwiderleglich dokumentierten. Trotzdem zahlreiche Gegner, insbesondere auch viele Deutschnationale und Christlich-Soziale, unter denZAnwcsenden waren, bekannte sich der Kandidat stolz znm Judentnme und versprach, wie es ja die Religion der Juden als selbstverständlich verlange, sich für die Interessen aller Armen und Unterdrückten ohne Unterschied der Nation und Religion einzusetzen, denn die Religion sei eine Privatfache, aber die unantastbare heiligste Privatsache eines jeden Staatsbürgers, und derjenige, der jemanden feiner Religion wegen verfolge, begehe die größte Schurkerei und vergehe sich gegen die heiligsten Ideale der Freiheit und Menschlichkeit. Solche Worte sind wir nicht gewöhnt, öffentlich in Wählerversammlungen aussprechen zu hören. Insbesondere von Juden nicht. Im Gegenteile, bisher waren wir gewohnt, daß jeder jüdische Redner, sobald Andersgläubige anwesend waren, das Bekenntnis, „ich bin ein Jude", vorsichtig vermied. Anders Herr Kohn, der betonte gerade, weil ich ein Jude bin, weil ich dem unterdrücktem Volke der Juden angehöre, weiß ich und fühle ich es mit meinem Herzblute, wie wehe dem armen Unbemittelten zu Mute ist, wenn er in seinen Rechten gekränkt ist, wenn er nur deswegen sein Recht nicht finden kann, weil seinem reichen Gegner alle Hilfsmittel des Kapitals zu Gebote stehen; ich verspreche, mich jederzeit mit vollster Hingebung und mit ganzer Seele für die Interessen der Armen und Unterdrückten ohne Unterschied der Nation und Konfession einzusetzen. „Goldene Worte"; wir vermeinen, ein verjüngtes „Ich" unseres wackern Dr. Josef Bloch (des ehemaligen Abgeordneten und jetzigen Herausgebers der Oesterr. Wochenschrift) vor uns zu sehen, wie er mit Energie und Entschiedenheit im Parlamente den Antisemiten aller Nationen entgegentrat. Wir hoffen auch, daß für diesmal die Juden Ihre Vorliebe zur Parteispaltung beiseite lassen werden und unentwegt und geeinigt für jüdische Kandidaten, die den Mut haben, unseren vielen Feinden offen entgegenzutreten, einstehen werden und es sei gleich hier gesagt, Pflicht eines jeden jüdischbewußten Wählers wird es sein, sein möglichstes beizutragen, daß wir den Namen Dr. Bloch und Kohn im neuen Parlamente begegnen. Nachdem der Referent geschlossen und der Beifallssturm sich gelegt hatte und nachdem noch zwei Redner die Wahl des K o h n der Versammlung dringlich ans Herz gelegt hatten, wurde dieselbe von dem Vorsitzenden, Herrn Stadtbaumeister S o ch e, nach zweistündiger Dauer geschloffen. Die anwesenden Gegner, die mit viel Courage zur Versammlung gekommen waren, hatten es, wie es christlichsozialen und deutschnationalen Helden geziemt, vorgezogen, sich nicht zum Worte zu melden und zogen ein lautloses Verschwinden vor. Wenn seinerzeit in Brünn der Führer der mährischen Liberalen am Parteitage den bezeichnenden Ausspruch getan: „Es kommt nicht darauf an, ob einer etwas mehr oder weniger freiheitlich gesinnt ist, es kommt nicht darauf an, ob einer etwas mehr oder weniger radikal ist, die Hauptsache muß sein, daß er ein Deutscher ist", so sagen wir, daß der Jude Kohn unserem Herzen am nächsten steht und wir den deutschnationalen Antisemiten keine Handlangerdienste mehr machen wollen. Wenn alle jüdischen Wähler unseres Wahlkreises am 14. Mai Ihre Pflicht als Juden tun und auf Ihrem Stimmzettel den Namen Gustav Kohn schreiben, ist es möglich, daß derselbe schon im ersten Wahlgange siegt. 1 .... r. Zur Wahlbewegung in Galizien. I. Wie fast überall, fo hat auch in Galizien das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht in den momentanen Machthabern ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt. Was früher nie der Fall war, — es ist eingetreten: der Polenklub sucht mit dem Volke Fühlung zu bekommen. Während zum Beispiel bis nun das Wahlkomitee des Polenklubs den Titel „Zentral-Wahlkomitee" führte, ließ es sich jetzt aus einleuchtenden Gründen auf den schönen Namen „Nationalrat" taufen .. Aber diese Täuschung wird den gewünschten Erfolg an Mandaten nicht erzielen, denn der Naivste weiß es: das ist das alte Geschäft, auf einen anderen Namen überschrieben! Allerdings hat die Gründung der „Polnischen Volkspartei" nicht wenig dazu beigetragen, die Herren Schlachzizen aufzurütteln. Das alte „Zentral-Wahlkomitee" be-