Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021726--16301-3041113- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 254 Dr. Liocv s Mocdenscdrlrr. Nr. 15 Sie war auch erste Vizepräsidentin des Verbandes zur Untersetzung armer israelitischer Wöchnerinnen und Präsidentin der Israelitischen Volksküche des II. und XX. Bezirkes. Hier an dieser Bahre stehen der schmerzgebeugte Gatte der Verewigten, ihre verwaisten Kinder, ihre Verwandten, der Vorstand ihres Vereines, die Zöglinge desselben, welchen sie nicht nur die Wohltäterin, sondern eine liebevolle Mutter war, mit tiefverwundetem Herzen. Einer unserer Weisen sagte: Wenn ein Edelstein verloren geht, so bleibt er noch immerfort der wertvolle Edelstein, aber derjenige, der ihn verloren, empfindet den Schmerz des Verlustes. Ich flehe zum Herrn, daß er meinen Worten die Milde verleihe, daß sie den Trauernden sich tröstend und lindernd in das schmerzerfüllte Herz senken. Nachdem die Worte des ehrwürdigen Herrn Rabbiners verklungen waren, trat der Beirat des Vereines Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Josef Winternitz an die Bahre und sprach: „In tiefster schmerzlichster Erregung und noch schwer verwundeten Herzens entbiete ich Dir — Berta Krüger — unserer einzig verehrten und allseits himmlisch geliebten Präsidentin namens des Leopoldstädter Frauen-Wohltätigkeitsvereines und des Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheims den tiefst empfundenen letzten Abschiedsgruß! Gleichwie Deine edle Seele durchglüht und getragen war von den reinsten Gefühlen und Idealen für alles Schöne, Edle, Gute und Erhabene, also warst Du auch nicht bloß die Gründerin und Schöpferin, nicht bloß die erste Präsidentin unseres Vereines, sondern auch von dem allerersten Moment seines Werdens und Entstehens an bis zu Deinem letzten Atemzuge stets und immer mit der vollsten Hingebung und Begeisterung Deines edlen Herzens sein Alles, dessen Lenkerin und Leiterin, die Trägerin und die Seele unserer humanen Institution. Wo soll ich Worte finden, um auch nur annähernd gebührend und gerecht Deine Verdienste zu schildern! Habe Dank, tausend Dank für all die Liebe und Güte, die Du den Armen und Waisen in der unendlichen Mildtätigkeit und Güte Deines Herzens angedeihen ließest, habe tausend Dank für all die Tränen, die Du in Deiner Güte und Bescheidenheit im Geheimen und im Stillen getrocknet! Und so erscheinen wir heute, der Gesammtvorstand Deines Vereines, trauernd und verwaist an Deiner Bahre, Deinen nächsten Blutsverwandten gleich, trauernd und verwaist an der Seite Deines Gatten, mit dem Du in so edler Harmonie verbunden, warst, dem Du gleich uns so schrecklich,plötzlich entriffen wurdest und dem Du so schmerzliche und ewig unheilbare Wunden gerissen; trauernd und verwaist an der Seite Deiner geliebten Kinder, denen Du eine so treue Mutter gewesen und die Du nun, gleich uns, verwaist zucücklassen mußtest in einem Momente, wo Sie Deiner am meisten bedürfen! Und mit uns erscheint jene große Schar armer braver Waisenkinder, denen Du eine zweite Mutter gewesen und deren jedes einzelne Du gleich Deinen eigenen Kindern betreutest; jene große Schar armer, braver Lehrmädchen und Arbeiterinnen, deren Schicksal Du so glücklich geändert, deren Zukunft und Versorgung Dir so sehr am Herzen gelegen; sie alle sind erschienen, um Zeugnis abzulegen für Dein edles Herz und Deine edle Seele, Dir Dank zu sagen, für die vielen Wohltaten, die sie empfangen. Sie alle sind erschienen, um für Dein Seelenheil mitzubeten. Für mich aber ist diese Stunde doppelt schmerzlich, war ich doch vor mehr als 30 Jahren Dein Lehrer und hatte damals schon Gelegenheit, die hervorragend glänzenden Eigenschaften Deines Geistes und Gemütes und die glänzenden Tugenden Deines Herzens kennen zu lernen; vielfach schmerzlicher, weil Dein Gatte, der so viel in dieser traurigen Stunde verliert, mein bester Freund ist, mit dem mich länger denn 40 Jahre ein festes Freundschaftsband verbindet, und weil ich am nächsten und tiefsten seinen Schmerz zu würdigen verstehe. Und so wie Dein Name, edle Berta Krüger allüberall, wo er genannt und gekannt wurde, geachtet, geschätzt, geliebt und verehrt wurde, so wollen auch wir Dein Andenken ehren und Hochhalten; Deine Ruhestätte aber soll uns heilig und geweiht sein, wie die eines unserer nächsten Blutsverwandten, wie die unseres teueren Vaters und unserer teueren Mutter. Berta Krüger! Ruhe sanft! schlafe wohl! Bete für uns, so wie wir für Dich zu beten uns gelobet haben! Die Vizepräsidentin Frau Bertha Käs trat an den Sarg heran und sprach die schlichten Abschiedsworte: „Fahre wohl! An dieser Stelle gelobe ich namens des Vorstandes Deines Vereines, daß wir in Deinem Geiste fortwirken und Deine edlen Intentionen zu verwirklichen bestrebt sein werden. Fahre wohl! N2->2^ runa: ihr Andenken sei uns ein Segen!" Als Vorsitzende des Jungen-Damen-Komitees sprach sodann Fräulein Selma L i ch t e n st a d t, Tochter des Herrn kaiserlichen Rates Johann Lichtenstadt, an die verblichene, verehrte Präsidentin folgende Worte des Dankes und des Abschiedes : „Klagend stehen auch wir Mitglieder des Mädchenkomitees des Vereines an diesem Sarge und beweinen den Tod unserer Führerin, die uns ein unerbittliches Geschick entrissen hat. Von dem Werke, das ihr hoher Geist ersonnen und ins Leben gerufen, ihr liebevolles Herz mit aller Wärme gepflegt hat. ist sie abberufen worden. Verwaist, wie ihre Kinder, sind die Zöglinge des Heims, denen sie in sorgsamster Weise Mutter war. Verwaist sind auch wir, die sie zur Mitarbeit an ihrem Werke berufen hat. Erfüllt von edelster Begeisterung für die Hilfsbedürftigen, hat sie die Flamme der Humanität in unseren Herzen angefacht; getragen von dem Pflichtbewußtsein, die jüdischen Mädchen zur Arbeit zu erziehen und sie erwerbsfähig zu machen, hat sie in uns die Ueberzeugung geweckt, daß wir an dem sozialen Werke mitzuarbeiten haben. Wie eine Priesterin der Nächstenliebe hat sie in diesem Kreise gewaltet und durch Wort und Tat uns alle zur Nacheiferung aufgemuntert. Und nun hat sie uns verlassen. Unsere Tränen benetzen ihren Sarg, unsere Tränen folgen ihr ins Grab. Aber wie nur ihr Leib der Erde anvertraut werden kann, ihre Seele unvergänglich ist, so wird mit ihrem Leibe ihr irdisches Wirken nicht in die Gruft versenkt. Was ihr Fühlen und Denken geschaffen hat, bleibt als ihr Vermächtnis erhalten. Wir werden es pflegen in ihrem Sinne, wir werden dafür sorgen, wie sie es getan — immer von ihrem Geiste geleitet, immer im Andenken an sie. Mit ihrem Werke wird ihr Name für immer verknüpft bleiben und ihr Andenken ein gesegnetes sein. Mit dem Gelöbnis: Dein Werk und Deinen Namen in Ehren zu halten, nehmen wir Abschied von Dir, geliebte Präsidentin." Nachdem noch einer der Zöglinge, Sabine Eisenstein, einige aus dem Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte gesprochen, wurde der Sarg unter Vorantritt aller Hortzöglinge von den Mitgliedern des Beirates zu Grabe getragen, woselbst die Präsidentin des Vereines „Zuflucht", Frau Laura Goldschmidt, in bewegten Worten der Hochherzigkeit der Verstorbenen gedachte und der tiefen Trauer um die so hochverdiente Frau Ausdruck gab. Der Familie des kaiserlichen Rates Dr. S. Krüger kamen telegraphisch und schriftlich zahlreiche Kundgebungen des Beileids und der Teilnahme zu.. Kondoliert haben unter Anderen : Bezirksvorstehung des zweiten Gemeindebezirkes,. Baronin Charlotte Königswarter, Professor Dr. Laurenz Müllner, Baurat Oskar Marmore!, Baurat Stiaßny, Delle Grazie. Dr. Anton Löw, kais. Rat Wilhelm Pollak, Baronesse Anny von Möller-Hoernstein, kais. Rat W. Schwarz, Generalkonsul I. Weiß, Professor Dr. Aug. Herzfeld, Dozent Ludwig Mandl, Dr. I. Beermann, k. k. Notar, Dozent Dr. A. Straßer, Dozent Dr. I. Neumann, kais. Rat Moriz Hay, Herr und Frau Alfred Russo, zahlreiche humanitäre Vereine, Frau Landesgerichtsrat Eng. Badian aus Czernowitz, Alice Brukner, Franz-Joseph-Kinderhort, Dr. Jakesch aus Franzensbad, Direktor Beer, Dozent Dr. C. Ullmann, Professor Richard Singer, Dr. Wilhelm Deutsch, Rechtskonsulent der Nordbahn. Direktor Karl Blasel, Professor Dr. S. Klein, Dr. Fr. Minkus, Direktor der K. V. Zentralspitzenkurses, Hofschauspieler Ferd. Kracher, kais. Rat L. Sachs, Professor Julius Epstein. Frau Ottilie Bondy, Präsidentin des Hausfrauenvereines. Professor Dr. Alois Pick, k. k. Oberstabsarzt, Regiernngsrat H. Kenda. Regierungsrat L. Eysert, Baurat Lehnert. Israelitische Kinderbewahranstalt (Direktor Fischer), Emil Horner, Stadtbaumeister Melcher. Salo Cohn, Hofrat Frankl, Frau Annica Benvenisti, Professor Dr. Tschiany. Professor Dr. A. von Frisch, Ober-Rabbiner Dr. M. Güdemann, Professor Suchy aus Prag, kais. Rat I. Lichtenstadt, Verein Frauenhort (Rosa Zifferer), Stadtbaumelster Viktor Schwadron, das Kuratorrum der Baron Hirsch-Stiftung (Präsident David v. Gutmann), Primarius Dr. Funke, Primarius Dr. Schnitzler, Hofrat Professor Dr. Schauta, Sigmund Wölfler, kais. Rat Fröhlich, Redakteur Ludwig Klinenberger, kais. Rat A. Lichtblau, Dr. Ofner, Professor Dr. E. Spiegler, Otto Fuchs-Thalab, Direktor Dr. Czinner, Adolf Gelber, Redakteur, Generalkonsul Hirsch, Arnold SchLnberg, Komponist, Professor Doktor von Frankl-Hochwart, Direktor Heller, Dozent Dr. Alt, Dozent Dr. Roth, Theodor Weiß, Mitglied des Volkstheaters. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat beschlossen, der Verstorbenen in Würdigung der hohen Verdienste derselben um die öffentliche Wohltätigkeit ein Ehrengrab zu verleihen.