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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-12 · 15 (12.4.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
15 (12.4.1907)
Date
1907-04-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Llocv's Mocdenscdrm. Seite 253 Werk soweit vollendet, daß sie im eigenen Heim ihre Pfleglinge beherbergen konnte, deren Erziehung und Ausbildung ihr am Herzen lag. Als Präsidentin des Leopoldstädter Frauen-Wohltätigkeitsvereins hatte Frau Berta Krüger vielfach Gelegenheit, die Bedürfnisse der Armen, die sich vertrauensvoll an diesen Verein wandten, kennen zu lernen. Mit praktischem Blick erkannte sie, daß nicht Almosen, sondern Arbeit die beste Art der Unterstützung sei und daß man nicht nur den armen Familien den besten Dienst erweise, indem man ihren Kindern die Möglichkeit bietet, sich gewerblich auszubilden, sondern daß man damit gleichzeitig der Gemeinde dient, der man die Armenversorgung für Gegenwart und Zukunft erleichtert, daß man dem Staate dient, dem man nützliche, fleißige, ehrenhafte Glieder zuführt, daß man auch der Gesellschaft dient, indem man sich derjenigen annimmt, die nicht durch eigene Kraft eS zum selbständigen Erwerbe bringen könnten. Sie erfaßte die große Bedeutung der Frage der Erwerbssähigkeit der Frau und der Notwendigkeit, die Frau schon von Jugend an zur Arbeit zu erziehen, nicht bloß damit sie ihren Lebensunterhalt verdiene, sondern auch eine geachtete Stellung im Leben erringe und jeder ihrer Pflichten gerecht werden könne. Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, schritt sie zum Werke und ihr Wort und ihre Tat begeisterten die Frauen und Männer, die sich unter ihrer Leitung gern in den Dienst eines großen Gedankens stellten. Sie hatte es auch verstanden, sich mit einem Stabe der tüchtigsten Kräfte zu umgeben und für jede Kraft, die sich ihr zur Verfügung stellte, den richtigen Platz auszusuchen. Es ist nicht zuviel gesagt, daß sie mit wahrem Feldherrntalent über ein kleines Heer von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu disponieren wußte und daß sie mit ebenso großem Geschicke auch das herbeizuschaffen wußte, was der Feldherr ebenso notwendig hat, wie Offiziere und Soldaten, nämlich das Geld. Sie wußte aber auch die öffentliche-Meinung für das soziale Werk zu gewinnen und sie erhielt niemals und nirgends eine Absage, wenn sie sich zugunsten des Lehrmädchenhortes und Arbeiterinnenheims verwendete. Aus einem kleinen Anfänge ist das Lehrmädchenheim hervorgegangen, für welches jetzt ein stattlicher Bau in der Leopolds¬ und Malzgaffe errichtet ist. In einem kleinen Mietlokale war das Kinderhäuflein zusammengedrängt, dem sie ihre Fürsorge zuwendete. Aber strenges Anhalten zur Arbeit und zum Unterrichte, liebevolle Sorgfalt für körperliche und sittliche Pflege, gaben der kleinen Anstalt einen Namen, so daß sich nicht bloß die Zahl der um Aufnahme Bittenden stetig vermehrte, sondern daß auch die Ueberzeugung bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gestärkt wurde, daß das so segensreich wirkende Institut erweitert werden müsse. Die Freude am Erfolg war auf eines Jeden Mienen zu lesen, dev an diesem sozialen Werke mitgebaut hatte, und opferwillig nahm ein Jeder neue Lasten auf sich, wenn die Präsidentin zur Arbeit rief. Vereinten Kräften gelang es dann, aus den engen Mieträumen heraus in ein eigenes Haus zu kommen, und als vor wenig Wochen dieses Haus seiner Bestimmung übergeben wurde, konnte Frau Berta Krüger mit Stolz auf einen Bau Hinweisen, desgleichen keine andere österreichische Stadt besitzt. Die Institution gereicht der Wiener jüdischen Gemeinde zur Ehre, sie gereicht der gesamten jüdischen Bevölkerung in Oesterreich zum Vorteile. Dem schöpferischen Geiste der Frau Krüger ist die Idee zur Errichtung derselben entsprungen, sie hat sie eingerichtet, für ihre Erhaltung gesorgt, Leben und Geist, ihr eingehaucht. Und nun, da das Werk so weit gediehen war, sich so schön entwickelt hatte, ist die Gründerin von dem Werke abberufen worden. Ist da nicht die Frage berechtigt, wer wird, wer kann das Erbe antreten? Wohl stand Frau Krüger nicht allein beim Werke, zahlreiche Hände haben ihr geholfen, sie war aber doch die Richtunggebende, sie war die Seele, sie war das bewegende Prinzip. Wer kann ihre Stelle einnehmen? Alle ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben guten Willen, aber wer hat ihre Autorität? Alle haben ihre besonderen Fähigkeiten, wer ist aber unter ihnen, der so universellen Einfluß hätte? Die Sorge ist berechtigt, daß es schwer werden wird, einen vollen Ersatz für Frau Berta Krüger zu finden. — Aber es ist auch die Hoffnung berechtigt, daß es manche Frau sich wird zum Stolze anrechnen wollen, den Platz, der jetzt verwaist ist, auszufüllen; daß es jeder Frau zur Ehre gereichen wird, das begonnene Werk im Geiste der Gründerin werter zu führen; daß alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Entschlafenen schon um ihres Andenkens willen wetteifern werden, das gemeinnützige Unternehmen zu fördern. Und weil dieses Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim auch einem unabweislichen Bedürfnisse entspricht, wird eS immer Kräfte finden, die sich seiner mit gleicher Liebe und Begeisterung annehmen werden, wie es Frau Berta Krüger getan hat. In diesem Werke wird sie geehrt sein für alle Zeit. J. L. Unter den Anwesenden bei der Beerdigung befanden sich Präsident Herr Dr. Alfred Stern, die Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K o h n und Baurat Theodor Ritter von Goldschmidt, die Vorstandsmitglieder Herren Doktor Markus Spitzer, S. Steiner, Baurat Wilh S t i a ß n y mit Gemahlin, Frau Baronin Charlotte Königswarte r, die Herren kaiserl. Rat Doktor Lieben, die Schriftsteller Adolf Gelber und Otto Fuchs-Thalab, Frau Antonie Graf, der Gemeinderat Ferdinand Kleebinder, Obmannstellvertreter des Ortsschulrates Karl Hel big, Ortsschulrat Dr. Jgn. Weiß, Magistratssekretär K o d i c e k, Bezirksarzt Doktor B e r d a ch, Direktor Max Fischer vom Leopoldstädter Kindergarten, Regierungsrat Dr. Jul. Schlag, Bürgerschuldirektor Beer, kais. Rat Johann Lichten st adt mit Gemahlin und Frau Hofschauspieler Kracher, die Witwe nach dem Afrikaforscher Dr. Holub, Vorsteher S. Wasservogel, Rabbiner Dr. G e l b h a u s, Dr. I. S. Bloch, Dr. Hersch, Doktor Lövensohn, der Sekretär der Bar. Hirsch'schen Stiftung Herr Dr. Arnold Ascher, Komponist Herr Dr. Leo Ascher, Dr. C z i n n e r, Dr. M. Löw y, HerrApotheker Benno R o t hz i e g e l, Dr. Emil B a r u ch und Frau, Herr Dr. Julius Weiß und Frau, Herr Philipp D u b, zahlreiche Aerzte, Advokaten und Kaufleute. Vertreten waren ferner die Vereine: Verband zur Unter stützung israel. Wöchnerinnen „Zuflucht", „Treubund", Bezirks" gruppe Leopoldstadt, Ferienhort für bedürftige Gymnasial- und Realschüler, Mädchen-Unterstützungsverein (Kaiser Josefstraße), Kaiser Franz Josefs-Knabenhort. „Ferienheim." „Providentia", sowie die israel. Frauenwohltätigkeitsvereine sämtlicher Bezirke Wiens durch ihre Präsidentinnen und Vorstandsmitglieder: die Damen: Rosa Z i f f e r e r, Johanna Fröhlich, Frau Adele Frankl. Frau Dr. Frischauer, Frau Dir. Regine Ullmann, Ottilie B o ndi, Laura G o l d s ch m i e d t. Fr. Dr. Emilie Weiß, Marie K o h n, Frau Dr. B i e n, Katharina K o h n, Frau Dr. Kornfeld, Karoline H o f m a n n, Johanna A b e l l e s, Quittner, Deutsch, Amalie Beck, Johanna Beck, Berta Rosenbaum, Berta Wackler, Anna Drap, Landeis, M i l h o f e r, Marie B a r a n y i. Nach den ergreifenden Vorträgen der Trauergesänge durch Herrn Oberkantor B6la G u t t m a n n hielt Herr Rabbiner Dr. Schmied! einen warmen Nachruf. „O allgütiger Herr, verleihe meinen Worten die Kraft und die Fülle, daß sie vermögen, die vielen und so reichen Tugenden zu würdigen, die die edle, erhabene Dahingeschiedene besaß, gib ihnen Kraft und Wärme, daß sie vorzustellen vermögen, wie unerschöpflich ihr Herz an Güte, wie hell ihr Blick, wie zart ihre Empfindung für > das Leid ihrer bedrängten Mitmenschen war. Meine verehrten Trauergenossen, wir stehen an der Bahre einer Frau, deren heller Geist Institutionen ins Leben rief, die nicht nur der Not zu steuern bezweckten, sondern durch welche der Verlassenheit und dem Elend preisgegebene Kinder dem düsteren Schicksal, das ihnen bevorsteht, entrissen, erzogen und befähigt werden, durch eigene Kraft und Fleiß in der Gesellschaft zu wirken und sich zu erhalten. Ihre Schöpfungen, der Leopoldstädter Frauen-Wohltätlgkeitsverein und das Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arbeiterinnenhein, sind unter ihrer segensreichen Hand zu höchst beachtenswerten Institutionen herangewachsen und genießen die größten Sympathien. So schwer auch die Sorge für diese Institutionen auf ihren Schultern lastete und die Mühen, die sie ibr verursachten, konnte sie dem Drange ihres edlen Herzens nicht widerstehen, auch in anderen humanitären Zweigen wirksam zu sein.

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