Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 352 Nr. 15 Vr. Lloch's WochenirtzriK» armen Landjuden, die sich in Dörfern Mld Städten nicht mehr erhalten können, das schwellende Intelligenz- und Arbeitsproletariat unter uns weiß zwar zu erzählen, was das Bellen hervorruft, aber sie werden ja bald nichts mehr zu klagen haben, denn die Antisemiten sind schon im Schlummern, und wenn sie fest eingeschlafen sein werden, wird es uns vielleicht sogar gelingen, die unter dem Namen Hilsner im Kerker gefangen gehaltene und mißhandelte Ehre des Judentums zu befreien. Was sagst du Hilsner? Wir sollen eilen, da doch die Gelegenheit so günstig ist? Armer Teufel, dummer Teufel, ärgere uns gefälligst nicht. Wir haben keine Zeit, uns mit dir abzugeben. Die Antisemiten entsprechen nämlich gar nicht den von den Juden in sie gesetzten Erwartungen. Sie haben ruhig zu sein und sie schreien, sie haben im Gefühl der Uebersättigung gutmütig, faul zu sein und sie bellen, bellen .. laut bellt in Wien der Bluthund von Polna, er heult in der Residenz, er fletscht die giftigen Zähne mitten in der Zentrale der österreichischen Kultur! Vergani ist der alte, der Regierungsrat hat ihm nicht geschadet. Mit eiserner Stirne, mit höchster Skrupellosigkeit tischt er in dieser Woche ein Ritualmordmärchen auf, Phantasien einer irrsinnigen Magd und ein Glück, daß wir keinen Ruber als Justizmiuister haben, der unter dem Vorwurf der Amtsbestechung vor den Antisemiten zusammenbricht, ein Glück, daß das Wiener Landesgericht nicht unter der Vorschrift einer antisemitischen Untersuchungskommission steht, ein Glück, daß in Wien 160.000 Juden leben, die sich zu wehren wissen werden — denn an einem kleineren Orte wären die Juden bereits so gut wie wirtschaftlich vernichtet, und dieser Kaufmann Heller könnte sich, wenn er vielleicht in Kuttenberg lebte, darauf gefaßt machen, dem Hilsner Gesellschaft zu leisten. Denn die Geschwornen, auf die man Vergani ohne Widerstand und Widerspruch einwirken läßt, die Richter und der Staatsanwalt, welche so bodenlos niederträchtige und verleumderische Hetzartikel wie diesen jüngsten bei Vergani fabrizierten weder konfiszieren noch verurteilen, schaffen einen Angst erweckenden Zustand der Rechtsunsicherheit in Oesterreich. Man wird an das geistreiche Wort eines ftanzösischen Politikers aus bewegten Tagen, in welchen die Volksleideuschaften sehr hoch gingen, lebhaft erinnert. Dieser sagte, wenn mau ihn jetzt beschuldigen würde, die Notre- Dame-Kirche gestohlen und in die Westentasche gesteckt zu haben, würde er ohueweiters flüchten. Denn vor Gerichten, an denen die erbitterte Volksleideuschaft das Wort hat, wurden auch solche Kleinigkeiten geglaubt. Man mag es für Romantik halten oder nicht — aber ein Jude, der heute einmal unter der Anklage des Ritualmordes vor Gericht gezogen wurde, wäre der Verurteilung ganz sicher. Wer trägt nun die Schuld daran, daß die Phantasien der Magd Posednicek bei uns nervöse Unruhe erzeugen können, bei der Bevölkerung der Vororte und Landgemeinden aber einen fanatischen Judenhaß? Jene Vornehmen und Kampfesmüden, die mit kurzatmigen Interpellationen und Stillschweigen für ihr oberflächliches Judentum arbeiten, ihre größten Sorge» aber darauf richten, die Agonie des sogenannten Freisinns zu verlängern, der. nur mit Judenfleisch gefüttert wird, ohne sich davon ernähren zu können. Wir aber brauchen eine laute, stolze, starke Kampfpolitik, Wortführer des Volkes, deren Worte im Parlament von Massenversammlungen des Volkes und von seiner ehrlichen Presse wiederholt werden. Wir müssen uns zusammentun, Brust an Brust, um ein Gegengewicht gegen die Verbrecher und ihre Pöbelhaufen bilden zu können, die für ihre Missetaten Belohnungen empfangen anstatt Strafen. Es ist deutlich genug, erschreckend deutlich, daß die Antisemiten höchstens eine Pause in ihrem Treiben gemacht haben, daß ihre Politik, die selbst vor dem gemeinen Mord auf dem Umwege über das Schwurgericht nicht zurückschreckt, noch für Jahre hinaus Stoßkraft und Beweglichkeit besitzt, und wir müssen unsere letzten und besten Mittel anwenden, um Oesterreich auf dem Wege zu Rumänien aufzuhalten. Die Blenden herunter, liebe jüdische Brüder! Wir werden uns zur Wehre stellen müssen und wollen später nicht bedauern, Führer gewählt zu haben, die gut wären, wenn die Antisemiten schlafen sollten, nicht aber der Antisemitismus. Wir haben einen nationalen Besitzstand, ins Gewöhnliche übersetzt die Macht, uns im Staate zu betätigen. Betätigen wir uns gut! Lassen wir die Zufallspolitiker fallen, die. bei Licht betrachtet, kein System, keine Partei repräsentieren, sondern nur die eigene, schwächliche, aber ehrgeizige Person, die für uns gar keinen Wert besitzen und nicht fähig sind, an der Spitze des sprühenden und lebendigen Judentums zu stehen, das jetzt ins Feld rücken will und muß, um einen schweren Strauß auszufechten. Benützen wir die kommende Gelegenheit nicht, um eine Leiche lebendig zu machen, die unter dem Eindruck der Pogroms im Osten und des rasenden Antisemitismus bei uns gestorben war. Diese Leiche war der Gedanke, Politik für andere zu machen, womöglich für die verräterischen Deutschen, die blutleeren Liberalen, die antisemitischen Sozialdemokraten. Als diese am Wort waren, schuf man uns die Hilsner-Affaire und die Allmacht Luegers. Wir sind auf uns selbst gestellt und dürfen nicht eine Narrenpritsche ziehen statt eines Schwertes. Wenn wir, des Stolzes und des Mutes voll, bewährte und vertrauenswürdige, ganz zu uns gehörige Männer voranstellen, wir selbst treu und fest zu ihnen stehen werden, den Kampf auf allen Linien führen werden, dann wird es möglich sein, Erfolge zu erzielen. Angriffe wie den letzten, der begleitet war von anderen haßglühenden Artikeln gegen uns, wird es noch lange gegen uns in Fülle geben und sie werden nur von unserer Tüchtigkeit und Einigkeit zurückgewiesen werden. Dies sei das Motto für die Wahlen: Heiße Kämpfer. Jetzt seien bei uns sowohl Wähler als Gewählte Eiferer -für das Judentum! Fra« Krrta Krüger Sonntag, am 7. d. M. ist Frau Berta Krüger, die Gattin des kaiserlichen RateS Dr. S. K r ü g e r, die Präsidentin des Leopoldstädter Frauenvereines und des Kaiserin Elisabeth- Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheimes, deren Tod wir gemeldet haben, unter außergewöhnlicher Teilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen worden. Von berufenem Munde wurde der Verdienste der Verstorbenen gedacht und die Tränen, mit denen ihr Sarg benetzt wurde, waren die Kundgebung der innigen Liebe, die sie sich erworben hat, der Verehrung, die ihr Leben überdauert. Als der Sarg in die Erde versenkt war, mußte unwillkürlich die Frage aufgeworfen werden, wer wird diese Frau ersetzen können? Nicht was fie als Gattin und Mutter gewesen kommt für die Oeffentlichkeit in Betracht, sondern waS sie für das Gemeinwohl gewirkt hat. Und darin eben ist es schwer, ihres Gleichen zu finden. In dem zarten Körper dieser Frau, der dem Ansturm der Krankheit keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochte, steckte ein Riesengeist, der vor keiner Schwierigkeit zurückschreckte, wenn es galt, ein großes soziales Werk zu vollbringen. Und die schwachen Kräfte der Frau wuchsen über Manuesstärke, als fie die Pflicht erkannte, den von ihr erfaßten Plan der Gründung eines Heims für weibliche jüdische Lehrmädchen und Arbeiterinnen zu verwirklichen. Wie viele Jahre hat es gedauert, ehe es gelungen war, den Handwerkerverein für jüdische Knaben auf seine jetzige Höhe zu bringen und welche Arbeitskraft der tüchtigsten Männer wurde aufgeboten, damit das Ziel erreicht werde! Eine solche Anstalt auch für Mädchen zu schaffen, war die Lebensaufgabe, der sich Frau Berta Krüger mit unvergleichlicher Hingebung und Ausdauer, erfüllt von edelster Menschenliebe, gewidmet hat und in einer kurzen Spanne Zeit sah fie ihr