Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. JSIocb’s TJQocbenscbrfft. Seite 351 möglich in einem Lande existieren können, welches unkultiviert und unfähig ist, eine jüdische Bevölkerung zu erhalten. Die Referenten find überzeugt, daß die wohlhabenden Juden ihre gute Position in Europa oder Amerika riskieren werden wegen der unsicheren Existenz in einem unkultivierten Lande, in welchem die ärgste Mißwirtschaft herrscht. Nach längerer Diskussion wurde den Referenten sowie dem Vorsitzenden Mr. S. A. Levy von der Versammlung der Dank ausgesprochen. Zur Mahlbewegurrg. Wer schafft nnd nährt den Antisemitismus? Die „Korr. Pappenheim" berichtet: Im großen Saale des „Bayer. Hof" in der Taborstraße haben sich dieser Tage SturnMenen von einer Wildheit und Intensität ereignet, wie sie auch zwischen den erbittertsten Gegnern selten ausgefochten werden. In eine Versammlung des Eherechtsreformvereknes waren unter der Führung von G e i st l i ch e n Christlich-Soziale gekommen, die die Versammlung sprengen wollten und, als ihnen dies trotz ihrer unablässigen Bemühungen nicht gelang, umso heftiger gegen die Veranstalter nnd die anderen Teilnehmer losgingen. Die Polizei, die sich vor dem Lokal anfhielt, schritt ein, als der Tumult zu Ende war. Schon zu Beginn der Versammlung, in der Abg. Dr. Ofner über „Die Eherechtsreform im künftigen Parlament" referieren sollte, wares klar, daß die Absicht bestand, sie zu sprengen. Eine gan-re Reihe von Tischen waren von Angehörigen der christlichsozialen Organisationen des 2. Bezirkes besetzt und unter ihnen befanden sich einige Geistlicbe. Auch auf der Galerie des Saales batten sich, wie sich später herausstellte, die Christlich-Sozialen in ziemlich starker Anzahl verteilt. Die ersten Konflikte ergaben sich gleich bei der Eröffnung der Versammlung. Der Vorsitzende, Schriftsteller Zenker, leitete die Versammlung mit der Versicherung ein, daß auch die Gegner der Eherechtsreform für ihre Ausführungen vollste Redefreiheit genießen werden. Der Referent konnte einige Minuten lana ungestört sprechen, wurde aber später fortwährend unterbrochen. Herr Zenker bat die Ordner, einige der lautesten Schreier zu entfernen und gab ihnen schließlich den Auftrag, die Geistlichen aus dem Saale zu schaffen. Nun erreichte der Lärm den Höhepunkt. Wilde Rufe schollen hinüber nnd herüber und die feindlichen Parteien begannen einander näher zu rücken. Die Christlich- Sozialen, von den ihxen Ordnern zu Hilfe kommenden Freisinnigen bedrängt, ballten sich in der linken Ecke des Saales zusammen und begannen dort wieder mit nicht endenwollenden Pfuirufen, unter die sich schon langgezogene Pfiffe mischten, sowie mit Hochrufen auf ihre Parteihäupter. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen einzelnen Gruppen. Der Referent konnte schließlich seine Rede unter allgemeinem Lärm beendigen, worauf der Vorsitzende die Versammlung schloß. Die Christlich-Sozialen wollten dann an Ort und Stelle eine Wählerversammlung einberufen, weil sie nicht zu Worte gekommen seien, dies mußte ihnen jedoch vom Wirte mit Rücksicht darauf verwehrt werden, daß das Lokal gemietet war." Sind die Wiener Juden und ihre Führer so völlig mit Blindheit geschlagen, dah sie sür die schwere Zeit des kommenden Parlamentes mit der Verantwortlichkeit sür derlei Agitationen sich belasten? Mit welchen Argumenten wird der israel. Kultusvorstand den Anträgen des neuen Parlamentes auf Beseitigung der rituellen Schächtmethode begegnen! Straflose Uerbrecher. Gute Nach^, Herr Staatsanwalt! Und träumen Sie süß von dem Paragraphen, der so strenge Strafen gegen diejenigen enthält,, welche zu Haß und Verachtung gegen eine Klasse der Bevölkerung aufreizen. Als ob das schöne Gesetz für die paar armseligen Inden da wäre — welche Anmaßung! Ihretwegen soll man sich via Vergani mit den Klerikalen verfeinden, die heute jedem Beamten die Leiter halten oder umschmeißen, verlangen sie. So eine Frechheit könnte einen wirklich antisemitisch machen, wenn man es nicht schon ist. Nicht aufregen, bester Herr Staatsanwalt, wegen der Juden schon gar nicht! Sollen sich taufen lassen, die Kerle, dann können sie Bizebürgermeister werden und brauchen niemanden zu belästigen wegen Anwendung des Gesetzes-. Als Vergani Regierungsrat wurde, glaubte man allgemein, das sei ein Geschenk an die Zivilisation in Oesterreich. Man hoffte, er werde sich das Ernennungsdekret vor den^ Mund halten, wenn er ihn zum Lügen auftäte. Tatsächliche fing der Mann mit einem nachträglichen Befähigungsnachweis eines Würdenträgers langsam an. Er stellte es für eine kurze Zeit ein, von der Verleumdung zu leben, sperrte wohl nicht ganz das Geschäft, sondern verkaufte nur etwas bessere Ware, brachte sogenannte „sachliche" Artikel gegen die Juden, statt der früheren Zusammenstellungen aus dem Lexikon der gemeinsten Lüge. Es war kein feiner Ton darinnen, sondern nur ein feinerer, aber genug lobenswert für jene, denen ein reuiger Sünder lieber ist als hundert Gerechte. Man fing fast an, Vergani zu lobe» und tröstete sich sogar, wenn der brutale Antisemitismus von früher seinen Pferdefuß hervorstreckte. Denn das sei die Hand, die Vergani seinen Abonnenten hinhalte. Ueberhaupt begann eine gewisse Zufriedenheit mit den Antisemiten. Wie eben ein Junge, der geprügelt wird und nichts zu essen kriegt, froh ist, wenn wenigstens die Prügel aufhören. Man wurde gemütlicher — das heißt, nicht die Christlich-Sozialen gegen die Juden, aber die Juden gegen die Christlich-Sozialen. Solange die Antisemiten einen hohlen Blick und eine hohle Hand hatten, solange sie zu viel schrieen, hielt man sie für gefährlich. Wie sie nun aber dicke Männer mit glatten Bäuchen geworden waren, die des nachts gut schlafen oder saufen, statt Wählerversammlungen abzuhalten, nahm man sie nicht mehr so tragisch. Man hielt sie für faul und gesättigt von den vielen Titeln und den großen Vermögen, die sie sich angeeignet hatten. Zwar wird das jüdische Erwerbsleben Schritt für Schritt, Grad für Grad heruntergedrückt, der Magistrat ist der Fluch der jüdischen Geschäftsleute, der antisemitische Einfluß auf die Regierung wird immer stärker, die Stimmung der christlichen Bevölkerung wird immer einhelliger und immer schärfer judenfeindlich — aber das alles konnte die Zufriedenheit derer, die uns führen sollen, aber ins Ghetto zurückführen, durchaus nicht dämpfen. Es fiel ihnen gar nicht ein, wie starke zornige Männer um einen Platz an der Sonne des zwanzigsten Jahrhunderts erbittert zu kämpfen, die Christlich-Sozialen mit der Wut der beleidigten Menschenrechte verjagen oder wenigstens bis aufs Messer bekriegen zu wollen. Gerade unsere großen Herren, welche durch einen Blick auf ihre kupferne, silberne oder goldene Schlange gegen die Pest des Antisemitismus gefeit waren, fingen mit ihrem Schlummerlied dort wieder an, wo sie es bei der Thronbesteigung Luegers im Rathaus abgebrochen hatten. Unbekümmert um die zahllosen stürzenden Existenzen im Judentum, um diese Opfer des stillen aber unablässigen Wirt schaftlichen Antisemitismus, unbekümmert darum, daß unser Stillschweigen und unsere Tatenlosigkeit uns die Verurteilung zum rechtlosen Prügelknaben einträgt, singen unsere Führer, als ob noch immer der eingewurzelte Antisemitismus von Personen abhinge: Lueger ist alt und schwach, Vergani ist nicht mehr der alte, die Antisemiten sind faul und übersättigt, reizen wir sie nicht, bekämpfen wir sie nicht, verstecken wir uns, die Sache ist im Einschlafen. Und Schönerer, und Lemisch und das ganze antisemitische Gesindel, mit dessen endloser Namensreihe wir nicht gutes Papier verschmieren wollen? Wir verachten sie, wir verachten . . . Schade nur, daß sich die Christen an unserer Verachtung nicht beteiligen. Wir würdigen das Geschmeiß keiner Antwort, das ist unmodern, ja es ist gefährlich. Warum es gefährlich ist, wissen wir nicht, aber es ist jüngsthin oft gesagt worden, in Wählerversammlungen gesagt worden, und Wählerversammlungen sind uns zu heilig zum Widerspruch. Wir geben keine Antwort, verstanden! Wir sind nobel! Wir schweigen und beugen uns ohne Widerstand, wenn die einseitig informierte Regierung uns auf die freien Berufe zurückwirft und die einseitig informierte Bevölkerung uns auch da noch drückt. Ruhe ist die erste Bürgerspflicht in der .. Synagoge. j Lassen wir mal die Vornehmheit beiseite und zitieren pir einen echten Volksmund: „Lasst sie bellen" ist die Meberzeugung von der Ruhe als Pflicht und Klugheit. Wir »haben zwar jetzt gerade in Rumänien gesehen, was die Frei* heit zum antisemitischen Bellen für Früchte haben kann, die