Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 15 (12.4.1907)
- Date
- 1907-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 260 Dr. JBlocb’s Mlocbenscvrm. Nr. 15 rechtigkeit und Billigkeit, einem Manne in Amt und Würde, der sich öffentlich angegriffen sieht, die Gelegenheit zur Satisfaktion nicht zu verkürzen. Keinem österreichischen Staatsbürger darf die Peinlichkeit einer Situation bereitet werden, gegenüber einer vor der weitesten Oeffentlichkeit wider ihn erhobenen Anklage der Fälschung, der Verleumdung, der falschen Zeugenschaft, des intendierten Meineides Waffen- und wehrlos dazustehen, und es war offenbar die stillschweigende Voraussetzung des Gesetzgebers, welcher die Privilegien des Volksmandates geschaffen, daß in Fällen, gleich demjenigen, der heute auf der Tagesordnung steht, auf Verlangen des Klägers das Hindernis der Immunität weggeräumt werde.Ich wäre nichts als ein Verleumder, unwürdig, von dieser Stelle zu Ihnen zu sprechen, wollte ich mich der Pflicht entziehen, für mein Wort überall einzutreten, wohin der Gegner mich ruft, meine öffentlich erhobenen Anklagen vor jedem Forum zu begründen, welches seine Wahl bestimmt." „Wohlan denn meine Herren, tun Sie nach dem Willen des Klägers, schaffen Sie freie Bahn der Anklage und Sie werden eine Schmach von Oesterreich wegwischen, eine tiefe, schwere Schmach!" Diese wenigen Sätze allein schon beweisen, daß Herr Brunner im Vertrauen darauf, daß 23 Jahre hinter uns liegende Geschehnisse nicht mehr in lebendiger Erinnerung sein können, die nackte Unwahrheit über mich und mein damaliges Verhalten berichtet hat. Herr Brunner wußte aber genau, daß er die Unwahrheit erzählt, denn vor acht Wochen hat er und zwar in einer öffentlichen Versammlung der „Jüdischen Vereinigung" über jene parlamentarische Episode entgegengesetzt berichtet. In jener Versammlung im „Hotel Guth" sagte er wörtlich: „Gelegentlich meiner Hochzeitsreise war ^ch im Parlament und ich werde nie den Eindruck vergessen, die damals eine Rede Blochs auf mich machte. Mir hüpfte das Herz vor Freude, als ich sah, wie trefflich das Judentum vertreten wird." Daß Herr Brunner vor acht Wochen genau die eben zitierten Worte gesprochen, dafür haben sich mehrere Herren als Zeugen angeboten. „Brutus ist ein ehrenwerter Mann." Jndeffen hat Herr Brunner sich noch zu übertrumpfen gewußt. Es kamen sozusagen die obligaten silbernen Löffel, die ich Herrn Lucian Brunner gestohlen habe. Ja wohl, Herr Lucian Brunner erzählt, er habe einmal für einen Fond zum Zwecke der Förderung meiner Wahl in Kolomea einen Betrag gezeichnet, ohne daß er bis heute über die Verwendung des Betrages Näheres erfahren hat. Mir hat aber dieser Herr Brunner nie irgend einen Betrag gegeben, ich bat ihn schriftlich, mir mitzuteilen, an wen und zu weffen Händen der Betrag ausgefolgt wurde. Die Antwort des Herrn Brunner lautete: Er habe bei einer Versammlung im Sitzungssaole der israelitischen Kultusgemeinde Seitenstettengaffe zugunsten meiner Kandidatur einen Betrag gezeichnet, wem der Betrag ausgefolgt wurde, erinnere er sich nicht. — Da nun Herr Brunner an die Person sich nicht erinnert und ein stenographisches Protokoll in diesem Falle nicht zur Hilfe gerufen werden kann, so muß ich Herrn Brunner der öffentlichen Würdigung überlassen. * * * Solcherart ist die moralische Qualität der Männer und Mittel beschaffen, deren sich die derzeitigen Staatsweisen der Wiener Zionisten bedienen; ich vermeide jede Charakterisierung und überliefere sie dem öffentlichen Urteil des Jn- und Auslandes. Wenn aber diese Herren das Schlagwort zur Parole erheben: „nur einen Nationaljuden, aber ja keinen Talmudjuden", so wird vielleicht eine kleine Gegenbemerkung nicht ungütig ausgenommen werden. Ein jüdisch-nationaler Kandidat, ohne Vertrautheit mit der jüdischen Geschichte und Literatur, ohne die Kenntnis auch nur der Aufangsgründe der hebräischen Sprache, ist, gelinde gesagt, eine Kuriosität, eine Seltsamkeit, eine echte Golusblüte. Werden Tschechen oder eitt-n Mann ohne Kenntnis ihrer Sprache, ihrer Literatur zum nationalen Kandidaten proklamieren? Sie würden fürchten, dem Fluche der Lächerlichkeit zu verfallen, und auch wir Juden hätten der Welt dieses beschämende Schauspiel lieber ersparen sollen. * * -i- Was wir seit Monaten verkünden, das hat die „N. Fr. P." in der Nummer vom Sonntag d. 7. April offen bestätigt: „daß der nächste Reichsrat die reaktionärste Volksvertretung von ganz Europa sein werde. An dem ersten Tage, an welchem die Zuhörer auf den Galerien unten im Saale den Aufmarsch der Parteien und die Zusammensetzung des Hauses auch körperlich sehen werden, wird sie ein Schrecken erfassen und jeder Gebildete in Oesterreich diese Angst mitsühlen." „Wer mit dem Aussprechen seiner Meinung zögert, weil die Wahlen noch nicht vollzogen wurden, betrügt sich selbst oder will den Gedanken entfliehen, die lästig werden, weil sie jede Täuschung zerreißen. Ja, die nächsten Wahlen werden ein großes Ereignis für Oesterreich sein." Deswegen bleibt es wahr, was ich gesagt habe: Wird aus der Tribüne des neuen Parlamentes unser Name geschmäht, unsere Religion beschimpft, unsere Literatur gefälscht, der Gott Israels gelästert werden, ohne daß der Lästerer eine Zurückweisung erfährt, — dann werden die jüdischen Wähler der Leopoldstadt nicht sagen dürfen, sie seien unschuldig daran. Ein vollgerüttelt Maß der Verantwortlichkeit werden sie dafür vor Gott und ihrem Gewissen zu tragen haben. Der Stimmzettel gibt ihnen eine Macht, die sie, ohne auf Einflüsterungen gewissenloser Wahlagitatoren oder auf Gebote eines törichten Parteiegoismus zu hören, allein im Interesse ihres schwerbedrängten jüdischen Volkes gebrauchen können — wenn sie nur wollen. Diese unbezweifelbare Tatsache hat jeder jüdische Wähler in diesem Wahlbezirk zu prüfen und zu erwägen — er hat als Jude mit seinem Gewissen zu Rate zu gehen, auf die Stimme.seines Gewissens sorgsam zu lauschen. A«s der territorialistischen Demeg««K. Das Emigrationsbureau der „Jto" in Kiew (Rußland) teilt mit, daß bei ihr sehr viele Anfragen wegen der Bedingungen der Einwanderung in den Weststaaten Amerikas einlaufen. Anfragen laufen nicht nur aus Rußland, sondern auch von vielen russischen Juden, die sich gegenwärtig in der Schweiz, Deutschland, Oesterreich-Ungarn und anderen Ländern aufhalten, ein. Die Adresse des Emigrationsbureaus der „Jto" in Rußland ist Kiew: Dr. M. E. Mandelstamm, Alexandrewskaja 27. Odessa. Das „Jto"-Komitee des Odessaer Rayons hat während der Osterfeiertage territorialistische Versammlungen im ganzen Rayon abgehalten und wurden in folgenden Orten „Jto"- Vereine gegründet: Bjeley, Faleschty, Ryschkanowka, Ediney, Bryczany, Kryway, Reg und in mehreren Kolonien des Gouvernements Cherson (Südrußland). In Eletz (Sibirien) wurde nach Anhörung eines Referates von Dr. M. L. Goldberg ein „Jto "-Verein gegründet, der sofort eine rege Tätigkeit ausgenommen hat. Herzl-„Jto"-Halle in Leeds (England). Der Verein Av Israel „Jto" in Leeds hat in der Herzl-„Jto"-Halle vorigen Samstag einen literarischen Abend veranstaltet. Mitgewirkt haben die Herren Dorfmann, Wallert, Kalmanowitz, W. Goldberg, E. Kahon, Gittlemann, Perlstein und Walsh. Den Vorsitz führte Mr. P. Silvermann. Nächstens veranstaltet derselbe Verein ein Konzert, dessen Reinerträgnis dem erblindeten jüdischen Dichter Morris Rosenfeld zufließt. Portsmouth (England). Am vorletzten Sonntag haben die hiesigen Zionisten eine Diskussion veranstaltet mit der Tagesordnung „Ob die wohlhabenden Juden nach Palästina gehen sollen?" Der Referent Mr. G. Nathan, sowie auch der Korreferent Mr. B. Langer führten aus, daß die Juden un-