Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 14 (5.4.1907)
- Date
- 1907-04-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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9lr. 14 L)r. Liocv's Mocvenscvclrr. Seite 248 sind dies Verordnungen, die mit rein religiösen Dingen absolut nichts zu tun haben, sondern sozialer Natur sind. Die Mischna verrät mit keiner Silbe das Geheimnis, welches neuere Forscher mit dickleibigen Werken verteidigen. Ist hier von Bauernselbstsucht die Rede? Allein, die Annahme von Jesus Freundschaft mit jener Klasse der Verachteten, die ihn zum Schaffst geführt hätte, ist doch falsch, weil kein Am-Haarez verurteilt würde, weil er ein Am-Haarez war geschweige denn, weil einer jene verteidigt hätte. Da hätte man ja auch jenen Lehrer, der gesagt hat: ’ö» vwn unbarmherzig dem Tode preisgeben müssen. An vierter Stelle wird die Frage besprochen, ob vielleicht die sogenannte „edlere und reinere Sittenlehre" Jesus seinen Sturz hervorgerufen hat? Die „edlere und reinere Sittenlehre Jesus" lebt aber nur in der Phantasie der theologischen Schriftsteller, sie ist das « und ro der theologischen Literatur} Die kleinliche Behauptung spricht nur für die Unfähigkeit der Forscher, den Charakter der Schriftgelehrten zu beurteilen. Gelehrte sind wohl neidisch und oft auch zanksüchtig, aber jene Männer sind mehr als Gelehrte, siewaren Priest er der Tugend und Gottesfurcht im edelsten und schönsten Sinne des Wortes. Selbst die Verfolger und Ankläger eines Huß oder Luther wären aus religiösen Gründen niemals gegen diese aufgetreten, die Machtfrage und der Besitz der Kirche waren in Frage, gestellt, die den Sturz dcs elfteren und die Flucht des letztem zur Folge hatte. Angenommen also, die Lehren Jesus wären besser gewesen, was aber nicht zutrifft, so hätte man ihm kein Haar gekrümmt, sondern wir würden seine Sentenzen heute noch im Talmud und Midrasch lesen neben den des gemütvollen Hillels, des mystischen Josua ben Levi und deS geistreichen Bar Kaparas. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß im Talmud und Midrasch Parallelen zu den Worten Jesu zu finden sind. Ernst Renan betrachtete schon die-Evangelien als einen Midrasch zur heiligen Schrift. Diese Bezeichnung ist für jeden Kenner eine zu treffende. Wünsche hat dies in seinen Neuen Beiträgen rc. (1878 566 s.) am schönsten bestätigt. Diese Uebereinstimmungen sind also nur selbstverständlich. Jedem Synagogenbesucher waren die Ideen Jesus bekannt und mundgerecht. Schließlich ist noch eine Frage offen, ob Jesus Wirksamkeit als Messias nicht feindliche Strömungen gegen ihn heraufbeschworen? Hielt er sich überhaupt für den Messias? Ja. Für welchen? Wollte er auf religiösem Gebiete oder in politischer Beziehung andere, bessere Zeiten vorbereiten? Der zahlreichen Widersprüche wegen ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Die Pharisäer aber erwarteten mit jedem anbrechenden Morgen den Messias, der Prophet Elia lebte in ihrer Phantasie als Vorläufer desselben — über seine Rolle haben, nebstbei bemerkt, M. Friedmann und I. Klausner bereits die „vom Verfasser erwünschten klarlegenden" Untersuchungen angestellt. Nur die Herodianer waren es, die Jesus Kreuzigung forderten. Die zweite Frage, die unser Buch beantworten will, ist die: wie konnte sich das Christentum verbreiten? Es ist Tatsache, daß Jesus, als er von seinen Richtern verurteilt wurde, an den Zauber und an die Kraft seines Namens nicht im entferntesten denken konnte. Ein Mann mit der Ueberzeugung und dem Bewußtsein des ewigen Glanzes seines Namens, der Jahrtausende überdauert, besteigt nicht mit dem Wehgeschrei die Kreuzbank, das auf den Lippen der verzweifelten Heimatslosen im Babylon nicht kleinlich erscheint: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein Mann, den das Gefühl belebt, mit seinem unschuldigen Blute die ganze sündige Menschheit zu entsühnen und reinzuwaschen, benimmt sich heldenmütig vor seinen Richtern. Die Verfolgungen der Schüler Jesus waren so einzig und allein, die für die Erhaltung seines Namens sorgten. Die Apostel waren nun bemüht, Jesus Lehren und Ideen in den jüdischen Synagogen zu verbreiten. Aber sie mußten früh erfahren, daß die Juden im heiligen Lande sich der „neuen" Lehre gegenüber, die sich von der alten überhaupt nicht unterschied, ganz gleichgiltig verhielten. Anders in der Diaspora! Die Juden in der Diaspora waren lange davon durchdrungen, daß das Judentum die Welt erobern wird. Griechische und römische Schriftsteller bezeugen es mit klaren Worten, welchen Einfluß die jüdische Synagoge, der Sabbath, Keuschheit und Heiligkeit der Juden auf die heidnische Welt ausübten. Bis nach Palästina machte sich der massenhafte Zulauf der Heiden zur Synagoge geltend. Rabbiner, die mit Strenge das Gesetz handhabten, machten vielsagende Konzessionen der zuströmenden heidnischen Welt. So war der Boden für das Christentum in der Diaspora vorbereitet. Es mußte nun einer kommen, der sich über Gesetz ganz hinwegsetzen konnte und das heutige Christentum begründen. Ein Mann, der die Lehre von der Trinität und vom Glauben ohne irgendwelche Betätigung lehren konnte. Es war der hellenische Jude: Saulus, den die Welt unter dem Namen Paulus kennt. Mit Recht hält Verfasser den Bericht über ihn für tendenziös. Gegen Jesus kämpften die Juden nicht, nur gegen Paulus. Das Judentum hat gekämpft. In dm Synagogen ging es gar stürmisch zu und wir dürfen es den Alten nicht verübeln, die ihre ganze Existenz verteidigten. Im Heimatlande war der Kampf viel schwächer. Innere Angelegenheiten, die großen Kriege und blutigen Kämpfe hielten die Aufmerksamkeit gefesselt und nachher fanden tatsächlich Disputationen statt, die mit sichtlichen, moralischen Niederlagen der Gegner endeten. Paulus hatte mehrere Vorteile, die ihm das Herz der ganzen Heidenwelt eroberten. Hier sei bemerkt, daß wir auch die Schilderung des Kampfes in den e r st e n drei Jahrhunderten erwarteten, während Verfasser bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts geht und das dritte in kaum wenigen Zeilen abfertigt. Verfasser unterläßt es, die starken Bande, die Judentum und Christentum so bis zum vierten Jahrhundert zusammenhielten seinen Lesern vor Augen zu führen. Johannes Chrysostomos sagt es vielleicht zwanzigmal — und der heilige Herr wiederholt sich sehr oft —: Was habt Ihr in der Synagoge zu tun? Ihr wollt das Osterfest feiern? Auch wir feiern das Osterfest, kommt doch zu uns. Um einen Eid recht zu bekräftigen, lief man in die Synagoge. Nur dem antiken Antisemitismus und der Gift und Haß spukenden alexandrinischen Schule ist es gelungen, die völlige Scheidung herbeizuführen. Die dritte Frage ist: „hätte e S aber nicht anders, viel besser kommenkönnen?" Die Antwort: Nein. Wohl hat das Judentum den Boden für das Christentum vorbereitet, sogar Konzessionen an das Heidentum gemacht, aber nur ein B o l l j u d e kann ein wahrer Monotheist sein. Hierin steckt eine große Wahrheit! Die Juden in der Diaspora entfernten sich schon dadurch vom wahren Monotheismus, da sie in allen Gesetzen nur Symbole sahen. Ebenso falsch ist es, in den Gesetzen des Judentums nur enge Grenzen einer Nation zu sehen. Beide blieben dem Judentum erhalten und erhielten das Judentum. Wie aber in Gegenwart und Zukunft? Verfasser meint und damit schließen wir: »Das Judentum steht vor der schwersten Aufgabe, die ihm die Geschichte seit seinem Bestände gestellt hat: sich als ausschließlich religiöse Einheit in vollster politischer Freiheit zu behaupten. Eine Aufgabe, wert unserer edelsten und besten Geister." „Das Judentum wird schon feinen Weg finden." Jamnitz, 18. März 1907. Dr. A. M a r m o r st e i n. Nene Bücher. Soeben erscheint und ist durch das gefertigte Sekretariat gegen Einsendung von 45 Hellern zu beziehen: Dr. Franz Oppenheimer, Berlin: „Genossenschaftliche Kolonisation in Palästina".