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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-04-05 · 14 (5.4.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
14 (5.4.1907)
Date
1907-04-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 242 Kr. 14 VlmH's Wochenschrift. In gedrängter Kürze geben wir den Inhalt der Schrift — und begleiten ihn mit einigen Anmerkungen. Die erste Frage ist: Warum und von wem wurde Jesus verfolgt?" Im christlichen Jahrhundert stritten zwei große Parteien um die Herrschaft in Judäa, um den Einfluß bei Hofe, im Tempel, im Richteramt, in den Behörden und Schulen. Die Pharisäer und Sadducäer. Die Sadducäer — meint Ziegler — waren die Konservativen, das heißt jene, die starr am Alten festhielten, neuen Ideen und Gedanken keine Rechnung trugen, der Ausbildung des Gesetzes feindselig sich widersetzten und in ihrer Mehrheit römerfreundlich waren. Die Pharisäer sind den Sadducäern gegenüber unbedingt die Fortschrittlichen, die Reformatoren. Pharisäer und Sadducäer waren die wichtigsten und bedeutendsten Parteien, das kann nicht geleugnet werden, aber die gegebene Charakteristik ist keineswegs zutreffend! Die Pharisäer waren ebensowenig fortschrittlich, wie die Sadducäer konservativ. Die Sadducäer hielten gar nicht so starr am Alten fest, denn sie gingen ja vereint mit den Pharisäern in der Weiterbildung des Gesetzes. Sie hatten dieselben Reiuheitsgesctze, sie hielten streng die priesterlichen Vorschriften, die sadducäischen Hohenpriester haben am Versöhnungstage nichts anders gemacht als die pharisäischen. Der Gegensatz lag ja gar nicht auf religiösem, sondern auf politischem Gebiete (s. Elbogen, die Religionsanschaunngen der Pharisäer. Berlin 1904, p. 16). Ebenso kann die Römerfeindlichkeit oder Freundlichkeit nicht als Kennzeichen für die eine oder andere Partei angegeben werden. Beide hingen an Religion und Vaterland; wenn die römische Macht Judäa bedrohte, waren die Sadducäer römerfeindlich, und solange Rom sich in die inneren Angelegenheiten Judäas nicht mengte, waren auch die Pharisäer römerfreuudlich. Auf Büchlers Arbeit sich stützend (Das Synhedrion in Jerusalem, Wien 1902, p. 36—48), unterscheidet der Verfasser zwischen dem großen Bel-Din und dem Synhedrion. Elftere war eine rein religiöse Behörde, letztere hingegen eine politische, in letzterer hatte die Hofpartei, in ersterer die Pharisäer das Wort. Welche Partei, welches Gericht und warum hätten sie Interesse daran gehabt, Jesus Todesurteil zu unterzeichnen? Vielleicht weil er nicht treu am Gesetze sesthielt? Vielleicht weil er so manchmal die Augen zudrückte, da er seine Schüler hätte ernst ermahnen müssen? Ja, aber Jesus Treulosigkeit am Gesetze der Väter ist ja gar nicht erwiesen, jedenfalls gehen die Ueberlieferungen darüber weit auseinander. Und schließlich „wenn die Schriftgelehrten jener Zeit jeden tätlich hassen und vernichten gewollt hätten, der sich über ihre. Maßregeln hinwegsetzte, sie hätten bis zu den Knien im Blute der Hingerichteten waten Wunen." (In den Evangelien lesen wir z. B. des öfteren, daß die Parisäer Jesus vorwerfen, daß er und seine Schüler sich vor dem Mahle nicht die Hände wuschen. Im rabbinischen Schrifttum wird dies Vergehen aber nur mit dem Baun belegt. Das Evangelium Petri lehrt uns aber auch, daß Herodes und die Richter sich nicht die Hände wuschen (vgl. Zahn Das Evang. des Petrus, 1893. töv 5k louoauov o’uoecg evtwexo xag xetpag ouSe Hpworjg, ’ouoe eig twv xynxov a’v to). Sein Verhalten zum Gesetz war nicht die Ursache seines Todes. Sollte aber die verletzte Eitelkeit der Pharisäer den Rachegedankeu erweckt und genährt haben? „Mau denke sich eine Partei, die es versteht, das ganze Volk unter ihrem Banne zu halten, der alles blindlings folgt, geehrt und gefeiert im ganzen Lande. Und plötzlich tritt einer auf, der mit scharfer Zunge und ätzenden Worten, mit Ironie und Ingrimm, in Synagogen und Lehrhäusern die Zuchtrute gegen die Partei schwingt." Womit beschuldigt Jesus eigentlich die Pharisäer? DerehrsüchtigenSelbstüberhebung, der Heuchelei, des Mangels an Gerechtigkeit und der Habsucht. Dagegen finden wir in den literarischen Denkmälern der Pharisäer viel wichtigere und schwerwiegendere Beschuldigungen gegen die eigenen Parteigenossen. Diese Einwendungen könnten noch beredter sprechen! Es ist aber entschieden unrichtig, sich hiermit zu begnügen. Das angeführte Mischnafragment kennt nicht nur Pharisäer, die ihre Frömmigkeit zur Schau trugen ("dvV 'wa), öte immer zu ihren Feinden sagten: warte nur, ich muß ein göttliches Gebot erfüllen, die Sünden und Gebote vollbrachten, die sich dessen rühmten, daß sie das Wenige, was sie besaßen, für heilige Zwecke ausgaben, es gab auch Pharisäer, die Gott fürchteten und liebten mit ganzer Seele wie Abraham, und letzterer wird als Ideal h i n g e st e l l t. Gewiß gab es unter den Pharisäern auch Heuchler, aber „Schöneres ist in der ganzen Weltliteratur von der Wahrhaftigkeit nicht gesagt worden", wie in den Schriften und Worten der Lehrer Israels. Treue Gesinnung und Aufrichtigkeit strömen uns aus den Lehren des Judentums entgegen (s. Elbogen I. <5. p 35.) Nicht minder schlagfertig kann man die übrigen Anklagen zurückweisen, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bewiesen die pharisäischen Richter in der Handhabung des Gesetzes, ihre Milde und ihr freier Geist in der Erörterung und Auffassung juridischer Fragen wurde allgemein anerkannt und erwarben ihnen das Herz des ganzen Volkes. Unmöglich können jene Hab- und ehrsüchtig gewesen sein, die Bescheidenheit und Wohltätigkeit als höchste Tugend und ehrende Charaktereigenschaft hiustellten und das Gegenteil als die schlimmsten Feinde jedes menschlichen Zusammenlebens. Wer sich von der Toleranz der jüdischen Schriftgelehrteu und von der Demut der Rabbinen in ihrem Verkehr mit ihren Nebenmeuschen und mit ihren Kollegen, den jüngeren sowohl wie mit den älteren, sowohl mit den untergeordneten, wie mit den höherstehenden, überzeugt hat, der kann unmöglich als Wahrheit anerkennen, daß Jesus wegen, sein^ Sympathie mit den'Zöllnern und Am-haarez von den Pharisäern verfolgt wurde. Diese Beschuldigung ist nicht deshalb falsch, weil. der Gegensatz zwischen den Gelehrten und dem Am-Haarez, wie der Verfasser, nach Büchler (der galiläische Am-Haarez des zweiten Jahrhunderts. Wien 1906) annimmt, zur Zeit Jesu noch gar nicht bestand, sondern durchwegs aus nachhadrianischer Zeit stammt, nach 130, sondern weil die Scheidung, wie I. Levy richtig behauptet, (Ein Vortrag über das Ritual des Pesachabends. Breslau 1904. s. 9.) niemals streng durchgeführt.wurde. Zur Festzeit wurde dieselbe ganz aufgehoben. Der Haber pflegte einen freundlichen Umgang mit dem Am-haarez trotz der unzähligen Verbote (b. Berachvt 43 b). Am deutlichsten zeigt dies b. Synhedrion 96 a (vgl. dazu Pirke des . R. Hakados V. 31 ed. Schöenblum) pK.Tfcjn nun : oder nach einer andern LA. pan 'W 'äm Hütet Euch, den Am-haarez oder.seine Sohne zu beleidigen! Wir müssen es uM->versagen, jene Hypothese hier zu besprechen und zu widerlegen, wir hoffen es, ein andermal zu tun, doch wollen wir - die Gründe betrachten, die den Verfasser bestimmen, diese Behauptung zu verteidigen: „Die arme Menge nach dem Untergänge des Heiligtums, besonders in dem» mehr schon zum Auslande gehörigen Galiläa, die Zehnt e Md Hebe nicht leisten wollte, ist zu verstehen. Die Gelehrten aber wollten die Hoffnung auf Restituierung des Tempels, auf die baldige Rettung durch den Messias nicht aufgeben, sahen ein nationales Ferment in der Beobachtung der Zehntfrage und forderten sie mit allergrößtem Nachdruck". Wer die messianischen Stellen und die, welche über den Am-haarez handeln, unparteiisch prüft, wird erstaunen über diese Anschauungen. Ein Mischnafragment (b. Pesachim 49 d et Pirke d. B>, H. A. 13 ed Schöenblum) stellt vom Am-haarez fest, daß man von ihm keine Zeugenaussage annehmen darf, man soll ihnen kein Geheimnis anvertrauen, man soll ihm nichts auszubewahren geben, sein verlorenes Gut darf man nicht verkünden, ihn nicht als Reisebegleiter mitnehmen und nicht zum Anwalt oder Vormund für Waisenkinder bestellen. Es

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