Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021724--16270-3041080- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 Dr- Llocb's Mocdenscbrttr. Seite 335 tereffen aus Egoismus nicht gefährden; die Herren mögen bedenken, daß auch der Langmut der Kolomeaer Juden seine Grenzen hat und daß mit ihnen noch vor dem Wahltage eine gründliche Abrechnung gemacht werden könnte. An Anfängen einer solchen Abrechnung fehlt es schon jetzt nicht. In zahlreichen jüdischen Wählerversammlungen, die jeden Samstag nachmittag in den Bethäusern stattfinden, wird nicht so sehr über die Kandidatenfrage als über die Reinlichkeit der durchzuführenden Reichsratswahl gesprochen. In den Versammlungen wird dem Unmute über die bisherigen „Führer" in einer für diese nicht mißzuverstehenden Weise Ausdruck gegeben. Bei der überwältigenden Majorität der jüdischen Wähler kommen nur zwei Kandidaturen in Betracht, nämlich die von der zionistischen Parteileitung in Lemberg ohne Einvernehmen mit der Wählerschaft aufgestellte Kandidatur des Krakauer Predigers Thon und die des Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Joses Z i p s e r. Es ist dringend zu wünschen, daß sich die ehrlichen Elemente auf eine dieser beiden Kandidaturen einigen, denn jede Zersplitterung der jüdischen Wählerschaft droht mit dem Verluste dieses als sicher gehaltenen jüdischen Mandates, auf welches Kandidaten, die in anderen Wahlbezirken von den christlichen Wählern zu r ü ck g e w i e s e n werden — lauern. Ein jüdisches Ordensfeft. Der Orden B'naiB’rith tu Deutschland feierte das 25jährige Jubiläum seines Bestehens auf deutschem Boden. Der Orden hat seinen Hauptsitz in Amerika, am 12. Oktober 1843 wurde er in New-Iork von 12 Männern gegründet, 1881 zählte er bereits in den Vereinigten Staaten über 300 Logen. Gegenwärtig zählt der Bund 400 Logen und zirka 40.000 Mitglieder. Am 20. März 1882 wurde die erste Loge in Berlin eröffnet und der Bund zählt auf deutschem Boden 66 Vereine. Die Feier war eine glanzvolle. Sie fand am 17. März um 5 Uhr nachmittags im großen Konzertsaale des Zoologischen Gartens statt und wurde durch das „niederländische Dankgebet" und die „Himmel rühmen" von einen vortrefflich geschulten Chor eingeleitet. Hierauf hielt der Großpräsident Justizrat Timendorfer die Festrede. In begeisterter Weise schilderte er die Zeit, in der der Orden Boden in Deutschland fand, der den Juden andere Bahnen wies, die sie zum edlen Selbstbewußtsein und zur Charakterstärke führten. Nicht absondern will der Orden seine Mitglieder von der übrigen Bevölkerung, im Gegenteil, er lehrt, daß wir Juden „gute und treue Söhne" des Vaterlandes sein, mit unseren Bürgern auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens zusammen arbeiten sollen, mit ihnen brüderlich und bürgerlich zusammen gehen, nicht aber in ihnen aufgehen. „Bleibt Juden", so scharst der Orden seinen Mitgliedern ein. Hieraus sprach Redner von den bisherigen Leistungen des Ordens, von den imposanten Summen, die der Orden in den 25 Jahren seines Bestehens aufgebracht hat für Hebung des jüdischen Religionsunterrichts, für Jugendvereine, Pflege der Wissenschaft, Arbeitsnachweis, für Förderung der Bodenkultur, Krankenpflege, Ferienkolonie, für Linderung der Not der Unglücklichen ohne Rücksicht auf Bekenntnis und Abstammung, endlich von dem großen Jubiläumsfonds, den die einzelnen Logen zur Erinnerung an den heutigen Festtag gesammelt haben. Der Redner hatte eigentlich nur bekannte Tatsachen und trockene Zahlen anzuführen, aber wie er diese verwertete und wie er sprach, mit welch zündender Beredsamkeit, das kann man nicht schildern, das muß man miterlebt haben. Hierauf dankte Herr Bach, der Präsident der Deutschen Reichsloge, den Großlogen und den Schwesterlogen für die Glückwünsche, die sie ihm zum 25jährigen Stiftungsfeste dargebracht haben, und erzählte in schlichten aber herzlichen Worten die Entstehung und Entwicklung dieser ersten Loge in unserem Vaterlande. Sodann trug eine hervorragende Sängerin einige Lieder, voll Innigkeit und Wärme vor, die die Festversammlung in gehobene Stimmung versetzten. Nach dem Gesänge folgten die Beglückwünschungen der Vertreter der auswärtigen Logen sowie die der Delegierten der verschiedenen Korporationen, die zum Orden in Beziehung stehen. Im Namen der Großloge von Rumänien sprach Dr. Stern aus Bukarest, für die Großloge in Oesterreich Dr. Edmund Kohn aus Wien, im Namen aller deutschen Logen Rechtsanwalt Peiser aus Breslau, der den Berliner Logen die Bilder der drei Großpräsidenten Fenchel, Moretzki und Timendorfer übergab. Für die Berliner Logen sprach Rechsanwalt Story und betonte besonders die engen und herzlichen Beziehungen derselben, die zu gemeinsamer Arbeit und zu gemeinsam errungenen Erfolgen führten. Die von ihnen geschaffenen Institute: der Arbeitsnachweis, die Ferienkolonien und die Toynbeehalle find ehrende und rührende Zeugniffe dieses innigen Zusammenschluffes. Im Namen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde sprach Sanitätsrat Dr. Stern. Im Namen des Hilfsvereines der deutschen Juden überreichte Herr James Simon der Großloge sowie der Deutschen Reichsloge geschmackvoll ausgeführte Adressen mit herzlichen Worten, in denen er auf das gemeinsame Streben zum Wohle unserer bedrängten Glaubensgenossen hinwies. Als Vertreter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes und zugleich im Aufträge der Gesellschaft für die Wiffenschaft des Judentums beleuchtete Profeffor Philippson das Zusammenwirken zwischen dem Orden und dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebunde auf drei Gebieten, auf dem religiösen, dem wissenschaftlichen und sozialen, durch Förderung des Religionsunterrichtes in den kleinen Gemeinden, durch die Schaffung des wissenschaftlichen Archivs und die gemeinsame Errichtung der jüdischen Anstalt für schwachsinnige Minderjährige. Als Delegierter der „Alliance Israölite Universelle“ sprach Rabbiner Dr. Weiße; im Namen des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Justizrat Dr. Horowitz. Auch die Studentenvereine entsandten ihre Chargierten zum Feste, und zwar erstens der „Verein jüdischer Studenten Berlins", zweitens „Verein jüdischer Studenten Maccabea", drittens die „Dalemia" und viertens die „Hasmonea". Im Namen dieser Studentenvereine brachte stnd. jur. Wagner die Glückwünsche in innigen Worten dar und gab der Hoffnung Ausdruck, daß nach 25 Jahren die Vereine und die Logen dasselbe Streben beseelen wird, für die Erhaltung des Judentums wirksam zu arbeiten. Nach einigen künstlerischen Solovorträgen dankte der Großpräfident in seinen Schlußworten den Delegierten und Korporationen für deren Wünsche und gelobte, daß der Orden auch in Zukunft mit all den Körperschaften zusammen arbeiten werde in Wahrheit, Bruderliebe und Eintracht. Mit dem „Halleluja" von Lewandvwski schloß die denkwürdige und erhebende Feier. Um 8 Uhr begann das Festbankett, an welchem gegen 1200 Brüder und Gäste mit ihren Frauen teilnahmen. Nach einem von Rechtsanwalt Schindler gesprochenen Prologe brachte der Präsident der Deutschen Reichsloge den Kaisertoast aus; dem folgten noch andere Tischreden und Gesangsvorträge von hervorragenden Kräften der Oper. Ein Ball beschloß die Festlichkeiten des Jubeltages. Vermisebtes. Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien i., Seitenstettengasse 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens des sel. Emanuel Podiebrad: Von Dr. Alexander Kohn und Frau X 10.—. Anläßlich des Mieders des sel. Fritz Sachs: Von Familie Schütz X 10.—. Anläßlich des Ablebens des sel. Josef Pollak: Von Gustav Trebitsch X 15.—. Anläßlich des Ablebens der sel. Nina Lettner: Von Alexander und Emmh Pollak X 30.—, Jenny Zweig 10.—, Louis Bad und Frau 30.—, Dr. Wilhelm Pappenheim 30.—, Oskar Bondy 30.—, Marie Lettner 30.—, Melanie Rie 30.—, Dr. Jerome Stern 20.-, Wilhelm Bachrach 20.— , Julie Kunewalder X 15.—. Zusam. X 335.—.